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Ausgabe:

Mai/1998

Spalte:

538–540

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Grundmann, Christoffer H.

Titel/Untertitel:

Leibhaftigkeit des Heils. Ein missionstheologischer Diskurs über das Heilen in den zionistischen Kirchen im südlichen Afrika.

Verlag:

Münster: LIT 1997. XII, 298 S. gr.8 = Hamburger Theologische Studien, 11. ISBN 3-8258-2732-1.

Rezensent:

Reiner Mahlke

Die Veröffentlichung der Habilitationsschrift (Fachbereich Ev. Theologie, Universität Hamburg) von C. Grundmann beschäftigt sich mit einem Forschungsgegenstand der Missions- und Religionswissenschaft, der schon in zahlreichen Publikationen beschrieben und bewertet worden ist. Der Autor leuchtet das Feld "Heilen" innerhalb des Untersuchungsgebietes der zionistischen Kirchen im südlichen Afrika neu aus. Er erweist sich dabei als exakter Analytiker der theologischen und medizinischen Hintergründe von Heilung.

G. hat seinen Untersuchungsgegenstand ausschließlich literarisch bearbeitet und ist insofern, da die zionistischen Kirchen bisher kein Quellenmaterial produziert haben, auf Sekundärquellen angewiesen. Dies erscheint methodisch einseitig, da G. auch theologische Anfragen formuliert und den direkten Dialog suchen will. Er hat ein über die eigentliche Untersuchung hinausgehendes missionswissenschaftliches Anliegen, welches er mit Hilfe des Beispiels afrikanischer unabhängiger Kirchen illustriert.

Einleitung und Schluß des Buches umklammern als allgemeine theologische Reflexion den Mittelteil, der sich in einen materialen Teil und einen darüber theologisch reflektierenden Teil untergliedert. Er entwirft schon in der Einleitung (besonders 12/13) sein Programm von der "Leibhaftigkeit des Heils", theologisch wohl unterschieden von einerseits "Leiblichkeit" und andererseits der bloßen "Heilung" als Erklärungsmuster.

Der erste Hauptteil stellt Hintergründe und Geschichte unabhängiger Kirchen vor und geht dann zur Heilungspraxis über. Mit großer Detailfreude (das ganze Buch besteht zur Hälfte aus Fußnotentext) werden die Tätigkeiten des Heilers und Propheten, Schritte der Diagnose, Behandlungsmethoden, benutzte Gegenstände und Krankheitsformen beschrieben und analysiert. Ein neues Licht wirft G. auf die aus der Literatur bekannten Phänomene durch das Hinzuziehen des Begriffs- und Auslegungsapparates der "kulturvergleichenden medizinischen Anthropologie", im Zuge dessen er dem "biomedical model" Überlegenheit (104) einräumt und vor der in der Literatur üblichen zu weiten Fassung von Heilung, als eines auch oder überwiegend psychischen und sozialen Phänomens, warnt. Diese Einstellung habe auch zu einer großen Ungenauigkeit bei der Erhebung der Daten geführt (134/135). Obwohl G. die Praxis der untersuchten Kirchen als positive Anfrage an eine Missionstheologie sieht, benutzt er zur Einordnung häufig wertende Begriffe wie "Magie", "protohistorisch" und "vorrational".

Der zweite Hauptteil untersucht die theologischen Implikationen des Heilens der zionistischen Kirchen. G. untersucht das "Hier und Jetzt" des "Lebens in Zion", dem er theokratische Züge attestiert (vgl. 144 f.). Der utilitaristisch-apologetische Gebrauch der Bibel und das Taufverständnis (bei zionistischen Kirchen seien Vermischung von Taufe und Immersion auszumachen) werden kritisch beleuchtet. Im abschließenden Teil "Theologische Desiderate" werden einige wichtige Punkte der "Lehre" der zionistischen Kirchen kritisch aufgenommen, insbesondere Messias-Vorstellungen und die Lehre vom Heiligen Geist (Zulu: umoya), der nach G. in diesen Kirchen mit der Lebenskraft (umoya) gleichgesetzt wird (222 f.).

Die Ergebnisse des Hauptteils eröffnen das Problembewußtsein für eine noch zu entwerfende Theologie der "Leibhaftigkeit des Heils", die im Schlußteil eingefordert wird. G. schließt sein Buch, indem er Kategorien, Methoden, Struktur und Inhalt dieser noch zu leistenden Aufgabe benennt, die über die vorliegenden und vom Autor skizzierten Ansätze hinausgehen muß.

G.s Buch besticht durch eine enorme Materialfülle und Detailkenntnis, die aus der nahezu kompletten Durcharbeitung der Literatur zum Thema resultiert. Er läßt vor der theologischen und medizinischen Interpretation das Material sprechen und bindet so Einzelheiten, Übergreifendes und Reflexionen zusammen. Er entwickelt durch seine Vorgehensweise einen neuen Standpunkt, der besonders die theologische Diskussion über die afrikanischen unabhängigen Kirchen bereichert. Die Verklammerung des allgemeinen missionstheologischen Rahmens mit dem lokalen Untersuchungsgegenstand ist recht lose und setzt beim Leser einige Kenntnisse auf beiden Gebieten voraus. Aus den literarischen Quellen werden auch Aussagen gewonnen, die nach den Vor-Ort-Erfahrungen des Rez. als umstritten bezeichnet werden können. Die Auswahlkriterien bei der Verwendung der literarischen Belege sind nicht immer deutlich, so verwendet G. manchmal für denselben Sachverhalt Material, welches zeitlich Jahrzehnte auseinander liegt, ohne die rasante geschichtliche Entwicklung der AIC zu reflektieren.

Die vorliegende Studie über die "Leibhaftigkeit des Heils" ist jedem am Thema interessierten Leser zur Lektüre empfohlen, da sie neben den wichtigen theologischen Erwägungen und Ausblicken eine Fülle von Zusammenhängen und Details offeriert, die das Durcharbeiten des Buches zu einem Gewinn werden lassen.