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Ausgabe:

Mai/1998

Spalte:

537 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Becker, Dieter

Titel/Untertitel:

Die Kirchen und der Pancasila-Staat. Indonesische Christen zwischen Konsens und Konflikt.

Verlag:

Erlangen: Verlag der Ev.-Luth. Mission 1996. 327 S. 8 = Missionswissenschaftliche Forschungen, NF 1. Kart. DM 65,-. ISBN 3-87214-331-X.

Rezensent:

Thomas van den End

Die vorliegende Arbeit wurde von der Theologischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg als Habilitationsschrift angenommen. Der Autor hat sechs Jahre lang in Indonesien als Dozent für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule der Toba-Batak-Kirche in Pematangsiantar auf Nord-Sumatra gearbeitet. Daß er während dieser Jahre ebenso wie später intensive Kontakte zu zahlreichen führenden Persönlichkeiten nicht nur der indonesischen Christenheit, sondern auch zu vielen Vertretern des Islam aufgebaut und gepflegt hat, zeigt die eindrucksvolle Liste im Vorwort. Das Werk wird mit einem einleitenden Kapitel "Kontextuelle Elemente" (13-40, einschließlich eines Paragraphen "Strukturen der Kirchen in Indonesien") eröffnet. Hier werden kulturelle Strukturen erörtert, die das Verhältnis von Kirche und Staat mitbedingt und mitgestaltet haben.

In Kapitel II "Historische Orientierung" werden Vorgeschichte und Geschichte des indonesischen Staatswesens und der Kirchen bis 1965 behandelt (41-104). Allerdings wirkt die Einordnung der Periode von 1945 bzw. 1950 bis 1965 in dieses Kapitel einigermaßen verwirrend, weil damit der Eindruck entsteht, als gehöre dieser Zeitabschnitt der Vorgeschichte an, während andererseits in den nächsten Kapiteln die Geschichte und die Fragestellungen dieser Periode weiter aufgegriffen werden. Die kurzgefaßte Wiedergabe der Missions- und Kirchengeschichte Indonesiens bis 1965 ist aber sachgemäß, wenn auch in Einzelheiten nicht immer zutreffend. Besonders die Behauptung, vor allem die Kirche der Molukken hätte im Gegensatz zur Batakkirche von Sumatra dazu tendiert, sich den jeweiligen Machthabern anzupassen (80), ist gerade jener Kirche gegenüber ungerecht, die während des japanischen Interregnums ihrer unbeugsamen Haltung wegen sehr gelitten hat.

In Kapitel III "Zur Rolle der Kirchen in der Neuen Ordnung" (105-164) behandelt der Autor an Hand von drei gut gewählten Hauptthemen (Beiträge der Kirchen zum Nationalen Aufbau; die politischen Gefangenen; das Scheitern des Plans der ÖRK-Vollversammlung in Jakarta) die Periode von 1965 bis 1985. Kapitel IV "Zu Fragen der Religionsfreiheit und der Stellung der Religionsgemeinschaften" (165-230) ist umfassender als der Titel vermuten läßt, weil auch die von der Regierungsforderung herrührende Problematik mit einbezogen wird, derzufolge die Kirchen sich in ihren Ordnungen auf die Staatsphilosophie (Pancasila) verpflichteten.

Im letzten Kapitel "Übergreifende Perspektive" wird noch einmal die Erörterung der normierenden Strukturen aufgegriffen und ausgeweitet. Den Abschluß bildet ein sehr ausgiebiges Quellen- und Literaturverzeichnis. Da das Buch viele indonesische Theologen und andere führende Persönlichkeiten aus dem Bereich der christlichen Kirchen, des Islam und des Staates nennt und teilweise eingehend behandelt, wäre freilich auch ein Personregister angebracht gewesen.

Das Buch stellt einen m. E. insgesamt sehr gelungenen Versuch dar, die Problematik der indonesischen Christenheit in ihrem Verhältnis zum Staat und zu anderen Religionen aus indonesischer Perspektive zu erfassen. Nicht nur werden die Grundstrukturen des indonesischen Staats- und Gemeinschaftsdenkens erhellt, auch ihre Bedeutung in den heutigen politischen und religiösen Konstellation und ihr Einfluß auf konkrete Maßregeln der Behörden werden klar aufgezeigt. Der Autor zeigt tiefgehende Kenntnisse sowohl des theologischen Denkens im Bereich der indonesischen Kirchen während der letzten fünfzig Jahre als auch der von diesen Kirchen und vor allem vom Indonesische Kirchenrat befolgten Politik der Regierung und dem Islam gegenüber. Dabei muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß - vielleicht vom indonesischen Sprachgebrauch her, der zwischen (protestantischen) "Christen" und "Katholiken" unterscheidet -, mit den "Kirchen" im Titel "protestantische Kirchen" gemeint sind. Die Katholische Kirche Indonesiens und einige ihrer richtungsweisenden Persönlichkeiten kommen zwar vereinzelt ins Blickfeld, werden aber nicht systematisch einbezogen. Daß neben dem direkt mit dem Titel des Buches und auch mit dem in der Einleitung genannten Terminus ad quem (1984/85 - die Jahre der erzwungenen Aufnahme der Pancasila in die Kirchenordnungen) gegebenen Thema des Verhältnisses von Kirche und Staat auch die schwierigen Beziehungen zwischen Christentum und Islam sehr ausführlich erörtert werden (vgl. besonders 165-230 und 234 ff., 249 ff.), schadet der Einheit des Buches nicht, weil die Kenntnis dieser Beziehungen für das rechte Verstehen des Verhältnisses zum Staat notwendig ist.

Gestattet sei dem Rez. zum Abschluß noch eine Randbemerkung zum Urteil über die Zeit der Parteidemokratie (1950-1959): Vom Autor wird sie ziemlich negativ bewertet (100 f.), und ihre jähe Beendigung durch Sukarno in Zusammenarbeit mit dem Militär deutet er unter anderem als Folge des Haders zwischen Islamisten auf der einen Seite und Nationalisten sowie Christen auf der andern. Die Dissertation des Adnan Buyung Nasution, bis vor kurzem Direktor des Instituts für Rechtshilfe in Jakarta (The aspirations for constitutional government in Indonesia: a sociallegal study of the Indonesian Konstituante 1956-1959 [Jakarta 1992]), hat neuerdings in dieser Sache ein anderes Bild gezeichnet, was für die Deutung der modernen indonesischen Geschichte sowohl aus politischer als auch aus religiöser Sicht nicht unwichtig ist.