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Ausgabe:

April/2003

Spalte:

460 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bürkle, Horst [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Die Mission der Kirche.

Verlag:

Paderborn: Bonifatius 2002. 411 S. 8 = AMATECA, 13. Geb. ¬ 39,90. ISBN 3-89710-144-0.

Rezensent:

Henning Wrogemann

Das Werk gliedert sich in neun Kapitel von recht unterschiedlicher Art und Qualität. Es wird schnell deutlich, dass die Beiträge aus verschiedenen Kontexten stammen. An den Anfang gestellt ist ein Text von Horst Bürkle "Die Mission der Kirche im religiösen und kulturellen Kontext der Gegenwart". Damit wird der Titel des Buches in diesem, wie auch in den meisten anderen Beiträgen aufgenommen: Unter "Die Kirche" versteht der Band durchgehend die römisch-katholische Kirche. Der ökumenische Horizont anderer Kirchen wird fast durchgehend ausgeblendet. B. beschreibt summarisch-systematisierend einige aktuelle Herausforderungen von Kirche heute.

Karl Müller unternimmt unter dem Titel "Die Mission der Kirche in systematischer Betrachtung" zunächst einen ebenso kurzen wie typisierenden Durchgang durch die Missionsgeschichte. Im systematisch gegliederten Teil (ab 95 ff.) geht er dann einige missionstheologische Problemfelder (z. B. "Das Evangelium und die Kulturen" oder "Dialog mit den Religionen") durch. Wenn auch hier vereinzelt Seitenblicke auf protestantische Positionen einfließen, so fehlen ganze Diskussionsstränge und manches an der neueren Literatur, was grundlegend gewesen wäre. Die Debatte über die Pluralistische Religionstheologie beispielsweise wird nicht einmal genannt, neuere Beiträge zum Thema Inkulturation etc. aus protestantischer Feder finden keine Erwähnung.

In den folgenden Beiträgen (165 ff.) geht es um die kulturell-religiösen Kontexte in verschiedenen Erdteilen: Bonaventura Kloppenburg: "Die Mission der Kirche im religiösen und kulturellen Kontext des heutigen Lateinamerika"; Horst Bürkle: "Die Mission der Kirche im religiösen und kulturellen Kontext des heutigen Afrika"; Horst Rzepkowski: "Der Weg des Christentums nach Asien"; Arij A. Roest-Crollius: "Die Kirche im islamischen Ambiente". Gewohnt souverän und informativ ist der Beitrag des 1996 verstorbenen Missionswissenschaftlers Horst Rzepkowski. Der Text scheint ursprünglich für eine größere Monographie geschrieben worden zu sein und ist stark missionsgeschichtlich ausgerichtet. Kloppenburg bringt unter anderem missionsstatistisches Material. Hier kommt in der Analyse die innerkatholische Perspektive recht stark zum Tragen. (z.B. 172 f.) Manches der "Analyse" wirkt recht schablonenhaft und für den deutschen Wissenschaftskontext fremd. Insbesondere die Erosion des lateinamerikanischen Katholizismus wird mit fragwürdigen Mitteln beschrieben ("Freimaurertum" [172], "Invasion von Sekten" [175] usw.). Dies ist durchaus etwas anderes als eine sozialwissenschaftlich saubere Analyse. B. arbeitet in seinem Beitrag Aspekte der Inkulturationsdebatte für den Kontext Afrikas heraus. Der Beitrag von Roest-Crollius ist sehr überblicksartig, geht kaum in die Tiefe und erreicht die aktuelle Situation nicht wirklich. Beschränkung wäre hier sicher ertragreicher gewesen.

Die letzten drei Beiträge widmen sich der Lehrverkündigung und der Situation in Europa: Leo Kardinal Scheffczyk: "Die Grundlagen der Reevangelisierung im Vatikanum II und in der päpstlichen Lehrverkündigung"; Anton Rauscher: "Die Sozialverkündigung der Kirche und die Aufgabe der Neuevangelisierung in säkularen Gesellschaften" und Manfred Spieker: "Die Kirchen im postkommunistischen Transformationsprozeß". Rauscher und Spieker stimmen in der Notwendigkeit überein, die katholische Soziallehre als tragfähiges Angebot in pluralistischen Gesellschaften mehr ins Spiel zu bringen. Scheffczyks Beitrag liest sich wie eine kommentierende Nacherzählung päpstlicher Lehräußerungen zum Thema Mission. Die Intention wird deutlich auf S. 329 benannt: Es geht - gegenüber der "nachkonziliare[n] Theologie wie auch der von ihr beeinflussten Verkündigung" um die richtige Interpretation der Aussagen des II. Vatikanums in päpstlicher Diktion. Wer genau mit der "nachkonziliaren Theologie" gemeint ist, wird nicht gesagt.

Insgesamt vermittelt der Band den Eindruck, hier handele es sich um ein innerkatholisches Selbstgespräch zum Thema Mission. Die Beiträge sind in enger bis engster Anlehnung an Aussagen des II. Vatikanums und insbesondere an Aussagen Papst Johannes Paul II. verfasst. Diese werden zustimmend kommentiert. Eine wirklich kritische Auseinandersetzung findet nicht statt und scheint auch nicht gewollt zu sein. Man mag diesen Befund für verständlich halten, handelt es sich doch um ein Buch, das als "Lehrbuch zur katholischen Theologie" konzipiert ist. Im Zeitalter der Globalisierung jedoch, in Gesellschaften, die zunehmend ein multikulturelles und pluralistisches Gepräge ausbilden, erscheint dieses Konzept nicht passen zu wollen. Neben dem Horizont der "Schwesterkirchen" und der protestantischen und orthodoxen Theologien und der Frage, wie eine gemeinsame (!) missionarische Verantwortung aussehen könnte, werden auch allzu viele Kontexte, die für die Mission sowohl der römisch-katholischen Kirche als auch der anderen Kirchen von unmittelbarer Relevanz sind, ausgespart: Die Kontexte der Armut und Gewalt, die Fragen der Menschenrechte, die Problematik von AIDS, von Verstädterung und Landflucht, ökologische Fragen, Fragen interreligiöser Zusammenarbeit, Fragen die durch globale Transformationsprozesse aufgeworfen werden, die Frage nach dem Verstehen der fremden Kulturen und Religionen. Dies alles wird - wenn überhaupt - nur am Rande erwähnt.

Als Quelle für den Versuch eines innerkatholischen Verständigungsprozesses darauf, was das II. Vatikanum und was päpstliche Lehrdokumente relevant machen könnte, mag das Werk u.a. Einblicke zu bestimmten Positionen katholischer Missionstheologie geben. Im Blick auf die aktuellen Herausforderungen und in Hinsicht auf das, was in ökumenischen Dialogen bisher erreicht wurde, bleibt das Buch nach Meinung des Rez. weit hinter dem zurück, was für heute - auch und gerade für die Bildung junger römisch-katholischer Priester - notwendig wäre.