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Ausgabe:

Oktober/1998

Spalte:

998 f

Kategorie:

Kirchengeschichte: Mittelalter

Autor/Hrsg.:

Senner, Walter

Titel/Untertitel:

Johannes von Sterngassen OP und sein Sentenzenkommentar. I: Studie. II: Texte.

Verlag:

Berlin: Akademie Verlag 1995. 472 S. u. XI, 411 S. gr.8. Geb. je DM 128,-. ISBN 3-05-002579-4 u. 3-05-002580-8.

Rezensent:

Helmar Junghans

Der Titel dieser beiden Bände kündigt einerseits weniger und andererseits mehr an, als sie enthalten, denn es handelt sich keineswegs nur um die Edition eines spätmittelalterlichen Sentenzenkommentars, sondern zugleich um eine gründlich reflektierte Einführung in die Edition mittelalterlicher Texte. Außerdem behandelt der Vf. nicht nur den Sentenzenkommentar, sondern das gesamte Werk dieses Dominikaners, also auch seine "Quaestiones", Predigten und Sprüche. Er erfaßt die gesamte handschriftliche Überlieferung - Autographen sind nicht erhalten -, gibt die Drucke an und listet selbst verlorene Werke auf.

Sehr ausführlich widmet sich der Vf. dem Studium im Dominikanerorden um 1300 (1, 75-144). Dabei begnügt er sich nicht mit einer Konstruktion aufgrund einiger diesbezüglicher Beschlüsse, sondern spürt die geschichtliche Wirklichkeit in ihrer Vielfalt auf. Nach der Erörterung des Studiums im gesamten Orden - einschließlich Paris, Bologna, Oxford, Neapel und Rom - wendet er sich dem in Deutschland zu, speziell dem Generalstudium in Köln und dem Studium in Straßburg, wobei er für beide Orte auch die Lektoren erfaßt. Das mag weitschweifig erscheinen, ist aber erforderlich, um die mittelalterliche Überlieferung und die neuzeitlichen Ordensbiographen auswerten zu können. Denn aus Mangel an detaillierter Kenntnis des Studienbetriebes haben manche Autoren unzutreffende Folgerungen gezogen.

Johannes von Sterngassen zählt nicht zu den bekannten Scholastikern. Das "Lexikon für Theologie und Kirche" informierte 1960 über ihn auf neun Zeilen, nicht immer korrekt. Senner widerspricht der These, dieser Dominikaner entstamme einem Straßburger Adelsgeschlecht und bekräftigt dessen Herkunft aus der Kölner Bäckerfamilie Korngin. Er führt Argumente gegen die Vermutung an, Johannes von Sterngassen sei ein direkter Schüler des Thomas von Aquino oder von Meister Ekkehard gewesen, und vermerkt, daß Sterngassen nicht als Pariser Magister der Theologie nachgewiesen ist. So bleibt nur wenig übrig: Geburt vermutlich um 1280-1285, Studium in Straßburg und Lektor in einem Studium, dessen Klosterbibliothek nicht so gut wie die in Köln und Straßburg ausgestattet war. Fehlerhaft erweisen sich auch Angaben zu seinem Todesjahr, so daß der Vf. schließt, der Autor des hier behandelten Sentenzenkommentars könnte mit dem Kölner Lektor Johannes von Sterngassen in den Jahren 1333 und 1336 identisch sein.

Der Hrsg. hat Computerprogramme entwickelt, um Stemmata zu erstellen - die bei jedem der vier Bücher des Sentenzenkommentars unterschiedlich ausfallen - und Rohtexte der Edition mit dazugehörigen Varianten anzufertigen. Hier handelt es sich um eine Pionierarbeit, an die zukünftige Editoren anknüpfen können.

Das Weniger als angekündigt besteht darin, daß nicht der gesamte Sentenzenkommentar ediert wird, sondern nur die Tabula quaestionum und aus jedem der vier Bücher repräsentativ ausgewählte Stücke. Denn Johannes von Sterngassen interessiert nicht sosehr wegen seiner eigenen Theologie, sondern als Beispiel der Thomasrezeption unter deutschen Dominikanern am Anfang des 14. Jh.s Um diese charakterisieren zu können, scheinen dem Hrsg. Auswahltexte zu genügen. Um die Basis für solche Untersuchungen zu erweitern, hat er noch aus anderen Werken ausgewählte Texte hinzugefügt.

Der Hrsg. unterrichtet über die Entwicklung der Editionstechnik, die seit dem 19. Jh. die Schreibweise dem klassischen Latein anpaßt bzw. deutsche Texte modernisiert, was aber Heinrich Suso Denifle bereits 1886 dazu bewegte, für die Beibehaltung der mittelalterlichen Schreibweise einzutreten. Der Hrsg. gelangt zu der einsichtigen Empfehlung, die Editionstechnik mit Rücksicht auf die jeweils ins Auge gefaßten Leser zu gestalten, und verzichtet auf Modernisierungen. Der Apparat zum edierten Text ist dreiteilig: 1. textkritische Anmerkungen, 2. Quellennachweis der expliziten Zitate im Text und in Glossen, 3. Quellennachweis impliziter Zitate und von Allusionen. Ob diese Aufteilung nachahmenswert ist, sei dahingestellt, sie ist aber mit ihren Überlegungen ein Beitrag zur Kennzeichnung der unterschiedlichen Qualität von Zitaten.

Während die farbige Wiedergabe der Seite 10r aus der vor 1323 entstandenen Handschrift Cod. 102 der Stiftsbibliothek Lilienfeld (2, III) zur Bewunderung der mittelalterlichen Kalligraphie hinreißt und zum Lesen anreizt, schreckt der primitive Computerausdruck des edierten Textes eher davon ab. Darstellung und Edition sind durch Register gut erschlossen. Das Personenregister (1, 385-402) ist allerdings unpraktisch vor dem Handschriftenregister und Literaturverzeichnis versteckt.