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Ausgabe:

Mai/2002

Spalte:

573–575

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Pechmann, Ralph, u. Martin Reppenhagen [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

1) Mission im Widerspruch. Religionstheologische Fragen heute und Mission morgen.

2) Zeugnis im Dialog der Religionen und der Postmoderne.

Verlag:

1) Neukirchen-Vluyn: Aussaat Verlag/Neukirchener Verlag 1999. 453 S. Kart. ¬ 34,00. ISBN 3-7615-5093-6.

2) Neukirchen-Vluyn: Aussaat Verlag/Neukirchener Verlag 1999. 247S. Kart. ¬ 24,90. ISBN 3-7615-5092-8.

Rezensent:

Horst Bürkle

Der erste hier zu besprechende Band dokumentiert die Vorarbeiten zum sog. "Reichenberg Symposion" 1998 mit dem Thema "Zeugnis im Dialog". Die Auswahl der hier zusammengestellten Texte ist das Ergebnis von Gesprächen, "die sich im Trägerkreis für dieses Symposion im Laufe der vergangenen zweieinhalb Jahre entwickelt hat" (17). Zu diesem Trägerkreis gehörten Religionspädagogen, Theologen sowie Mitarbeiter aus evangelischen Landes- und Freikirchen und aus "verschiedenen geistlichen Werken". Die Texte sind Büchern und Zeitschriften der letzten zwanzig Jahre entnommen, greifen aber auch wie im Falle Karl Heims und Friso Melzers auf frühere Zeiten zurück. Das plurale Meinungsspektrum der Gegenwart zum Thema der Mission kommt in der Auswahl der kontroversen Beiträge zum Ausdruck. Den in deutscher Sprache verfassten Texten ist eine englische Zusammenfassung vorangestellt, denen in englischer Sprache eine solche auf Deutsch.

Die insgesamt 43 Texte sind unter 5 Kapitelüberschriften gegliedert und umgreifen in unterschiedlicher Weise Zeitanalysen, biblisch-hermeneutische Fragen, interreligiöse Dialogthemen sowie grundlegende theologische Beiträge zum Missionsverständnis.

Kap. I ("Die Moderne auf der Anklagebank") nimmt u. a. so unterschiedliche Themen auf wie die von S. B. Huntington angestoßene Diskussion um einen Krieg der Kulturen und um eine neue Weltordnung, daneben die von L. Kolakowski vorgelegte kritische Analyse des gegenwärtigen Zeitalters und die Frage nach der Aufklärung und ihren Folgen (D. J. Bosch).

Unter der Überschrift "Das Evangelium und die postmoderne Gesellschaft" (Kap. II) finden sich u. a. Texte zur Orientierung im religiösen Pluralismus (R. Hummel, A. E. McGrath), zum Verhältnis von Evangelium und Kultur (H. Schwarz), zur Frage der Toleranz (R. Mayer), zur Kritik an der "Rechristianisierung" (W. Ustorf) sowie L. Newbigins missionstheologisch grundlegender Beitrag zur hermeneutischen Funktion der christlichen Gemeinde in der Bezeugung des Evangeliums.

Dem Verhältnis von "Dialog und Mission" gilt die Textauswahl in Kap. III mit insgesamt neun Beiträgen von K. Schäfer, V. Samuel u. C. Sugden, D. G. Bosch, T. Sundermeier u. a.

Der "Theologie der Religionen" ist ein viertes Kapitel gewidmet mit Texten von C.-H. Ratschow, G. H. Anderson, W. Pannenberg, H. Wagner, P. Beyerhaus, P. Knitter und P. Helfenstein. Den Abschluss bildet Kapitel V, in dem Person und Werk Jesu Christi in Beziehung gesetzt werden zu den nichtchristlichen Religionen (L. Newbigin, H. Burkhardt, G. D'Costa), dazu ein Text zum missionstheologischen Ansatz bei L. Newbigin (M. Reppenhagen), zum Synkretismus in Geschichte und Gegenwart (H. Burkhardt), P. Knitters Infragestellung der Konversionen sowie zwei frühere Beiträge von Friso Melzer und K. Heim ("Gott in den Religionen und die Absolutheit des Christentums" und "Warum Christus?").

Anlage und Auswahl dieses Readers entsprechen seinem ursprünglichen Anlass. Er ist eine Materialsammlung zu "Gesprächen", die unter den für das oben genannte Symposion Verantwortlichen über einen längeren Zeitraum stattgefunden haben. Interessant wäre es zu erfahren, wie diese Gespräche verlaufen sind und zu welchen Ergebnissen sie an Hand der in dieser Sammlung unterschiedlich und gegensätzlich ausgewählten Texten gekommen sind. Der Band bietet angesichts der Infragestellung der Mission und ihrer rezessiven Rolle im theologischen "Diskurs" unterschiedliche Stimmen zur Information an. Der Leser kann sich, dem Titel der Auswahl entsprechend, einen Eindruck von der "Mission im Widerspruch" machen. Orientierungshilfe findet er in einzelnen Beiträgen. So bleibt es dabei, wie es die Hgg. in ihrer Einleitung formulieren, "einen Austausch über die Ziele im Missionsverständnis postmoderner Gegenwart" und "über den Stil missionarischer und dialogischer Begegnungen" anzuregen.

Im Unterschied zum Vorbereitungsband "Mission im Widerspruch" mit seiner Auswahl an anderenorts bereits veröffentlichten Beiträgen zur Vorbereitung des Symposions haben wir es hier mit den Referaten und Korreferaten des zweiten Reichenberger Symposions '98 selber zu tun. Verbindendes Thema ist die Frage nach Bedeutung und Wesensbestimmung einer auf die Mission der Kirche ausgerichteten Begegnung und Auseinandersetzung mit den nichtchristlichen Religionen. Der dafür in Anspruch genommene und heute inflationär ausgeweitete und nicht selten entwertete Begriff "Dialog" wird dabei erneut auf den Prüfstand genommen. Das geschieht in der Weise, dass den Vorträgen ergänzende und auf sie bezogene kürzere Beiträge folgen.

Ein erstes Kapitel nimmt eine Art Ortsbestimmung für die Botschaft des Evangeliums in gegenwärtiger Geisteslage vor in Bezug auf "Fundamentalismus und Liberalismus", "pluralistische Gesellschaft", "Postmodernismus und religiöser Pluralismus" (A. E. McGrath, C. Grundmann, R. Mayer). Hier wird insbesondere von McGrath die theologische Auseinandersetzung gesucht mit der im englischsprachigen Raum inzwischen angeschwollenen Literatur zur Vielfalt religiöser Spielarten und der daraus abgeleiteten "reduktionistische[n] Einheitsschablonen".

Ein zweites Kapitel ("Ein Gott in allen Religionen ?") fasst die Beiträge zu den Themen "Gott und die Götter" (A. E. McGrath), "Multiperspektivischer Inklusivismus" (H. Wrogemann), "Aspekte einer Theologie der Religionen" (M. Reppenhagen) zusammen. G. H. Anderson, der langjährige Leiter des für die Zusammenarbeit der protestantischen Kirchen Nordamerikas einflussreichen Overseas Ministries Study Centre, zeigt die Auswirkungen auf, die der "radikale Relativismus in der Theologie der Religionen" für die kirchliche Situation in den USA gezeitigt hat (Fallbeispiele: United Methodist Church und Presbyterian Church in den USA. "Die United Methodist Church steht vor einer Krankheit von lebensbedrohenden Ausmaßen [...] Diese Krankheit beruht auf theologischer Amnesie und missiologischer Anämie" (Bischof K. L. Carder). - "Die Presbyterian Church in den USA gehört auf die Liste der bedrohten Arten. Wenn der gegenwärtige Rückgang so weiter geht, wird unsere Kirche bis zum Jahr 2027 nur noch eine nostalgische Erinnerung sein" (T. W. Gillespie, Rektor des Princeton Theological Seminary).

Kapitel III behandelt den "interreligiösen Dialog im Widerstreit" mit Beiträgen von H. Hempelmann ("Dialog contra Mission"), A. Rössler ("Dialog und Wahrheit"), W. Neuer ("Interreligiöser Dialog als Notwendigkeit - Chance und Gefahr") und Bischof M. Nazir-Ali ("Botschaft, Gastfreundschaft und Dialog").

Den am gründlichsten informierenden und zugleich Orientierung gebenden Beitrag zur Thematik des Bandes liefert der Direktor des Theologischen Seminars der Bad Liebenzeller Mission, H. Hempelmann. Hier wird das Gespräch und die Auseinandersetzung mit den denkerischen Vorgaben gesucht, die den heute divergierenden Dialogverständnissen vorausliegen. Dazu gehören einmal Untersuchungen zur Funktion des Dialogs als "Fundamentalform postmoderner Kommunikationskultur", als "Medium demokratischer Steuerung und Mitbestimmung", zum "Verlust des Horizontes der Wahrheit" und als mißgedeuteter "Gegenbegriff" zur Mission. An Hand der Kontroverse zwischen Luhmann und Habermas wird hier verdeutlicht, wie es zu einem Dialogverständnis kommt, dessen idealtypische "Sprechsituation" die Wahrheitsfrage nur noch in Gestalt einer konsenstheoretischen Annäherungsmöglichkeit kennt und deshalb einer für jeden echten Dialog notwendigen Voraussetzung entbehrt. Die "unrealistische Abstraktion" des Habermasschen Dialogmodells wird für den echten Dialog als kontraproduktiv nachgewiesen, insofern es wesentliche Gegebenheiten und Bedingungen, unter denen ein echter Dialog steht, übersieht ("Wer eine bestimmte, immer ungleichgewichtige Situation als herrschaftsfrei legitimieren will, will selbst diese Asymetrie und die mit ihr gegebenen ungleichen Kommunikationschancen zur Herrschaft bringen" - 132). Welche Folgen für die Theologie sich aus der Übernahme dieses Denkmodells als Verlust der prinzipiellen Offenheit für die Wahrheitsfrage und damit für das Verhältnis von Mission und Dialog ergeben, wird im Einzelnen überzeugend nachgewiesen.

Auf dem Hintergrund dieser defizitären Entwicklung werden die Erfordernisse für einen theologisch notwendigen Dialog begründet (Lebensdialog statt erkenntnis-theoretischer Anspruch, das Subjektverständnis als Bindung an eine Wirklichkeit statt als selbstbehaupteter Anspruch, "Ja zur Person-Toleranz", die ein "Nein zur Sach-Toleranz" einschließt, "Nein zum Pluralismus als Ideologisieren und Überspielen [...] im Sinne einer universalen Gleich-Gültigkeit der Wahrheitsfrage", "Ja zum universalen missionarischen Wahrheitsanspruch [...] um der Menschen willen", der das "Nein zu einer imperialen Selbst-Behauptung des christlichen Glaubens" einschließt, "dem nicht mehr die sich im Modus der Liebe durchsetzende Herrschaft Gottes, sondern die Durchsetzung des eigenen Willens zur Macht Thema und Ziel wäre" (143). In diesem für das Thema des Bandes zentralen Beitrag werden die theologischen Voraussetzungen für das Verhältnis von Dialog und Mission definiert und grundgelegt.

Ein viertes Kapitel "Religionen in der Gesellschaft" beschließt den Band, darunter eine sachkundige Orientierung über die Präsenz des Hinduismus und Buddhismus im Westen (R. Hummel) sowie zu den Herausforderungen des Islam (H. Josua).

Dass bei dem Bemühen des Symposions um eine neue sachgerechte Bestimmung des Dialoges im Verhältnis zum missionarischen Zeugnis Stimmen aus der katholischen Kirche fehlen, ist nicht nur ein Anachronismus sondern ein bedauerlicher Mangel. Die Orientierungshilfen, die dazu allein in den Verlautbarungen des kirchlichen Lehramtes in den letzten Jahren vorgelegt worden sind, wären diesem Symposion und seiner Zielsetzung höchst dienlich gewesen, nämlich "die Einzigartigkeit im Leben, Sterben und Auferstehen unseres Herrn in allen Aspekten unserer evangelistischen Arbeit einschließlich des Dialoges mit anderen Religionen aufbauend und zugleich ohne Kompromisse zu bezeugen" (die Herausgeber, 9).