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Ausgabe:

Dezember/2001

Spalte:

1335–1337

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Roser, Markus

Titel/Untertitel:

Hexerei und Lebensriten. Zur Inkulturation des christlichen Glaubens unter den Gbaya in der Zentralafrikanischen Republik.

Verlag:

Erlangen: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 2000. 374 S. 8 = Missionswissenschaftliche Forschungen, NF13. Kart. DM 68,-. ISBN 3-87214- 343-3.

Rezensent:

Heinrich Balz

Missionswissenschaftliche Inauguraldissertationen sind zuweilen zu geschlossen in sich, um zur verhandelten Sache herunterzukommen. Andere, von Praktikern der missionarischen Arbeit geschriebene, sind umgekehrt oft zu materialgesättigt, um von der Fülle der entdeckten Probleme zur vereinenden, übergreifenden Theorie aufzusteigen. Es bleibt dann dem beteiligten und sachkundigen Leser, die fehlenden Zwischenglieder zu finden und den Fortschritt des Gefundenen für die Forschung entdeckend herauszustreichen. Die Heidelberger Dissertation von M. Roser gehört, wiewohl mit bemerkenswerten Einschränkungen, eher zum letzteren Typ. Die grundsätzlichen Erwartungen, welche das "und" im Obertitel zwischen Hexerei und Lebensriten erweckt, bleiben letztlich unerfüllt. Dennoch findet der afrikakundige Leser weiterführende Gedanken auch auf der Theorieseite, so zur Hexerei wie auch zu den Lebensriten.

Die Einleitung (9-17) begründet, warum der Vf. seine Untersuchung statt unter "Kontextualisierung", die er nicht ablehnt, dennoch unter den Gesichtspunkt der "Inkulturation" des christlichen Glaubens stellt. Kap. 1 (18-53) führt in Geschichte, Kultur und traditionelle Religion des Volkes der Gbaya in der Zentralafrikanischen Republik und im benachbarten Nordkamerun ein. Es gibt einen beachtlichen Stand der Forschung von G. Tessmann 1934 bis zu den amerikanischen Missiologen Ph. Noss und Th. Christensen seit den siebziger Jahren. Kap. 2 (59-90) "Die christliche Präsenz unter den Gbaya" geht der verhältnismäßig kurzen Missionsgeschichte bei den Gbaya bis zur seit 1973 selbständigen evangelisch-lutherischen Kirche nach. Bemerkenswert ist dabei eine "Öffnung" der Kirche 1977 hin zum LWB und zu deutschen und dänischen Missionen: mit neuem Personal und Geld bringt sie zugleich neue Abhängigkeit.

Die nächsten beiden großen Kapitel handeln deskriptiv und deutend von der Hexerei der Gbaya. Kap. 3 (92-167) "Hexerei und Hexereianklagen als Herausforderung an die Kirche" steigt mit drei sorgfältig beschriebenen Fallstudien, alle mehrheitlich lutherische Christen involvierend, zwei mit schlechten, eine mit gutem Ausgang für den Beklagten, in die Sache ein. Eindrücklich und methodisch überzeugend werden jeweils die Sichten der anklagenden Gemeinschaft, der Angeklagten selbst, aber auch die der Spezialisten der Divination sowie die des Häuptlings bzw. Bürgermeisters nebeneinandergestellt und dann einer dramatisch-prozessualen Deutung unterzogen: Latente Konflikte in der Lebensgemeinschaft brechen auf und werden von dieser selbst durch Anklage und Bestrafung vermuteter Hexen und Hexer mit erheblichen Kosten an menschlichem Leid gelöst bis zum nächsten Ausbruch. Selbstporträts dreier, neuerlich auch von Gerichten anerkannter "Krisenagenten" d. h. Hexenentlarver, sowie ein Blick auf die heute bei den Gbaya praktizierten Orakel und Ordale schließen sich an. Staatliche Gerichte stellen sich gegenwärtig, anders als in kolonialer Zeit, überwiegend auf die Seite der verfolgenden Gemeinschaft, nicht mehr auf die der Beklagten. Die evangelisch-lutherische Kirche verhält sich dem allem gegenüber weitgehend "hilflos": von hexenverfolgenden Pfarrern trennt sie sich nur mühsam und unvollkommen; ihre eigenen Christen, die unter Verdacht kommen, läßt sie im Stich. - Kap. 4 (167-206) "Zur Hermeneutik der Hexerei" nimmt die zuvor schon angewendeten Deuteansätze vergleichend und bewertend auseinander: "ethnologisch-soziologisch" E. E. Evans-Pritchard, M. Gluckman, M. Douglas und von den neuesten P. Geschiere, "religiös" A. S. Moreau und P. Beyerhaus, R. Girard und besonders E. de Rosny, um dann, eher bescheiden und fragend, eigene theologische und seelsorgerliche Perspektiven zu eröffnen. Von afrikanischen Deutern finden nur M. Hebga und J. K. Mandunu Erwähnung, J. S. Mbiti und Massamba ma Mpolo fehlen. Von den Untersuchungen zum Hexenwesen im benachbarten Kamerun, auf welchen die vom Vf. geschätzten de Rosny und Geschiere fußen, fehlen die zum anglophonen Landesteil, E. Ardener 1972 zu den Bakweri und H. Balz 1984 zu den Bakossi.

Die Kap. 5 und 6 wenden sich dem anderen, positiven und schon besser erforschten Teil des religiösen Erbes der Gbaya zu, nämlich den gemeinschaftsstiftenden Lebensriten, zuerst in ihrer überkommenen Gestalt vorwiegend im Lebenszyklus des Einzelnen (Kap. 5, 207-272), dann dem innovativ-verwandelnden Umgang der lutherischen Kirche damit in speziell entwickelten Kasualliturgien (Kap. 6, 273-354). Der Vf., der selber jahrelang in der Liturgiekommission mitgewirkt hat, referiert und kommentiert die einzelnen Liturgien, u. a. zur Bestattung von Kindern, die, erst in den neunziger Jahren eingeführt, jeweils an die alten Riten anknüpfen und dann sagen, was von Christen anders gemacht wird und warum. "Inkulturation" erhält hier einen ungewöhnlich konkreten, praktischen Inhalt.

Ein überaus knappes "Schlußwort" der Untersuchung (355 f.) erinnert daran, dass Missionswissenschaft nie nur beim "Verstehen des Fremden" stehen bleiben kann, sondern "auch die Frage nach der christlichen Identität immer wieder neu" stellen muss, und setzt, mehr thetisch als begründend, Gottes spezielles Rettungshandeln mit seinem Segenshandeln in allen Religionen in Beziehung.

Die lebens- und gemeinschaftsstiftenden Riten sind der Hexerei gegenüber ein neues Thema, ein eigener Ansatz. Dass die Missionare und einheimischen Theologen der Gbaya hier liturgisch Vorbildliches, in den meisten vergleichbaren afrikanischen protestantischen Kirchen bislang nur schwer Vorstellbares geleistet haben, ist offenkundig. Freilich bleiben Fragen zur künftigen Bewährung dieser Rituale. Wie gründlich ist die innere Umpolung vom Alten aufs Neue in ihnen gelungen und, wenn ja, werden die christianisierten Rituale bleiben oder, wie in vergleichbaren afrikanischen Kontexten beobachtet, nach einer Zeit des Übergangs, in welcher das Alte "durchschaut" wird, selber verschwinden? Weiterhin sind diese Liturgien, weil am Lebenszyklus und an begrenzten Krisen orientiert, gerade in ihrer Konkretheit isoliert. Wer arbeitet, verliert die Übersicht, ist man versucht einzuwerfen: Am Ende stehen bei Roser unversöhnt nebeneinander das Bild einer Kirche, die kreativ altes Ritual inkulturiert und die gleichzeitig "hilflos" vor dem gesellschaftlich-religiösen Gesamtphänomen der Hexerei und der Aufgabe eines christlichen Umgangs mit ihr verharrt.

Dabei ist, mit einem Schritt Abstand betrachtet, unverkennbar, dass in den voraufgehenden Hexerei-Kapiteln der Vf. diese Gesamtheit, das Totalphänomen, in welchem alles, was das Leben der Gbaya bis heute bestimmt, prozesshaft zu Tage tritt, im Blick hat, nicht nur sozial- und religionswissenschaftlich, sondern auch theologisch. Der ganze Weg von den komplexen Fallstudien hin zu den vorhandenen Theorien der Hexerei und wieder zurück zu den offenen, unbeantworteten theologischen Fragen ist dort gegangen, innovativer und eigenwilliger als hernach bei den "Lebensriten". Hier ist das eigentliche Gespräch weiterzuführen. Führt nicht in der Hexerei die gemeinschaftliche Problematik von Schuld, Sünde und Bösem die theologisch glatte Distinktion von hier Segen und Fluch, dort Gottes Rettungshandeln, hier primärer, dort sekundärer Religionserfahrung an ihre Grenze? Fernerhin scheinen die Gbaya, folgt man dem Vf., keine speziellen Versöhnungsrituale für die soziale Reintegration von - auch unbewussten - Hexern in den Familienverband zu haben, wie sie den Missionaren in Kamerun als topo la besa bei den Duala und nkanag bei den Bakossi schon lange auffielen. Das verwundert. Schließlich: Vielleicht sollte man auch S. Freud nicht vorzeitig (193 f.) aus der Deutung afrikanischer Hexerei entlassen. Hexenverfolgung ist Projektion und Aggression. Ihr Eintrittspunkt ist nicht "Konflikt" im Allgemeinen, sondern der Tod im Besonderen, dessen Einbruch ins Leben die Gemeinschaft nicht verhindern kann. Gäbe es keinen Tod, dann gäbe es diese spontane gemeinschaftliche Aggression nicht, lehrt die Psychoanalyse. Die vorchristlich afrikanische Gemeinschaft aber glaubt fest: Gäbe es die Hexer nicht, dann gäbe es keinen Tod.

An Äußerem ist zu monieren, dass eine Landkarte zu den Gbaya in der Zentralafrikanischen Republik und im angrenzenden Kamerun fehlt. In der Bibliographie hätten Interviews, unveröffentlichte und veröffentlichte Quellen eine Unterscheidung verdient. Verhältnismäßig viele computerbedingte falsche Silbentrennungen sind stehen geblieben. Poutou Marie, die der Hexerei Angeklagte 99-103 scheint mit der später 150 ff. genannten Bondé Marie identisch zu sein.