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Ausgabe:

Februar/2001

Spalte:

225–227

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Brandl, Bernd

Titel/Untertitel:

Die Neukirchener Mission. Ihre Geschichte als erste deutsche Glaubensmission.

Verlag:

Köln: Rheinland u. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 1998. XV, 517 S. gr.8 = Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, 128. Geb. DM 58,-. ISBN 3-7927-1723-9 und 3-7887-1701-7.

Rezensent:

Friedrich Huber

Die sogenannten Glaubensmissionen haben in der Missionsgeschichtsschreibung bisher nur geringe Aufmerksamkeit gefunden (zu nennen ist vor allem das Werk von Klaus Fiedler: Ganz auf Vertrauen. Geschichte und Kirchenverständnis der Glaubensmissionen, Gießen-Basel 1992). Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass B. in der hier vorgestellten Arbeit sich der Geschichte der Neukirchener Mission zugewandt hat.

B. stellt die Geschichte der Neukirchener Mission von ihren Anfängen bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Detailliert zeichnet er die Entwicklungen in der Heimatleitung und in den Missionsgebieten in Java und Ostafrika nach. In dieser Hinsicht dürfte das Buch ein Standardwerk werden und eine unentbehrliche Informationsquelle für alle, die sich mit der Neukirchener Mission befassen. B.s Buch gibt präzise Auskünfte über die einzelnen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Mission, wobei einigen bedeutenderen Gestalten (Doll, Stursberg, einige Missionare) eine ausführlichere Würdigung zuteil wird. Ob - wie der Vf. hofft (vgl. V u. 451) - auch die aus der Arbeit der Neukirchener Mission hervorgegangenen Kirchen aus seiner Untersuchung etwas für ihre Indentitätsfindung gewinnen, wird davon abhängen, ob das Buch auch in englischer Sprache zugänglich gemacht wird.

Die besondere Leistung des Vf.s ist nun, dass er in scharfsinnigen Analysen aufzeigt, wie die Geschichte der Neukirchener Mission wesentlich von der frömmigkeitlichen Prägung bestimmt ist, die sie durch ihren Gründer und dessen Nachfolger erhielt. Ludwig Doll, der 1878 oder 1882 die Neukirchener Mission gründete, war in der Heiligungs- und Heilungsbewegung der letzten Jahrzehnte des 19. Jh.s verwurzelt. Dasselbe gilt - wenn auch in abgeschwächter Form - von seinem Nachfolger Julius Stursberg, der die Leitung der Neukirchener Mission noch als junger Mann (26 Jahre alt) nach dem Tod von Ludwig Doll (1883) übernahm.

Es ist sachgemäß, dass B. die Frömmigkeitsbewegung, aus der Doll und Stursberg kamen, breit darstellt. Vorsichtig beleuchtet er auch die von der "hauseigenen" Darstellung der Neukirchener Mission eher verschleierten eigenen Heilungserfahrungen von Doll und Stursberg. Ludwig Doll verzichtete gegen Ende seines Lebens völlig auf ärztliche Behandlung und verließ sich ganz auf das Gebet nach Jak 5,14. Auf diese Weise meinte er auch, von seinem Leiden geheilt worden zu sein, was sich aber als Irrtum erwies.

Vom frömmigkeitlichen Hintergrund des Gründers und seines Nachfolgers her wird verständlich, dass sich die Neukirchener Mission an der China Inland Mission Hudson Taylors orientierte und sich als Glaubens- und Allianz-Mission verstand. Julius Stursberg hat die Grundsätze, die sich daraus ergaben, ausdrücklich festgehalten (vgl. 102-116). Sie bedeuteten für die Missionare, dass sie auf ein festes Gehalt verzichteten. Gleichzeitig genossen sie ein Höchstmaß an Unabhängigkeit von der Missionsgesellschaft, die sie ausgebildet hatte. Es war ja Gott selbst, der seine Boten leitete. Immer wieder zeigt B. an der Arbeit der Neukirchener Mission auf, wo die Chancen und Schwierigkeiten dieses missionarischen Ansatzes liegen. Der bewusste Verzicht der Heimatleitung, die Arbeit in den Missionsgebieten durch konkrete Direktiven zu lenken, gab den Missionaren eine außerordentliche Freiheit in der Gestaltung ihrer Arbeit und im Eingehen auf die besonderen Gegebenheiten, die sie vorfanden.

Was das bedeutete, wird erst verständlich, wenn man einen Blick auf die "klassischen" Missionen wirft, bei denen nicht selten eine alles bestimmende Heimatleitung die Arbeit auf den Missionsgebieten eher behinderte als förderte. Allerdings waren die Missionare oft überfordert, wenn sie vor der Aufgabe standen, sich auf gemeinsame Vorgehensweisen zu einigen. Das führte manchmal dazu, dass sie selbst um eine Entscheidung der Heimatleitung baten. Als später diese allerdings eine größere Leitungsbefugnis der Heimatleitung in den Grundsätzen der Missionsarbeit verankern wollte, widersetzten sich dem manche Missionare und beriefen sich dabei auf die Tradition der Neukirchener Mission als einer Glaubensmission. B. zeigt eindrücklich, zu welchen Schwierigkeiten der hier angelegte Individualismus in den Missionsgebieten führte. Die Arbeit der Neukirchener Missionare litt unter ständigen Leitungsproblemen.

Aus der Heiligungsbewegung ergab sich auch das Kirchenverständnis der meisten Neukirchener Missionare. Alles Gewicht lag auf der Bekehrung Einzelner, von denen eine sichtbare Bewährung ihres Glaubens in der Lebensführung gefordert wurde, bevor sie getauft wurden. Dass es daneben auch einige Missionare gab, die die Kindertaufe befürworteten, erhöhte die Schwierigkeiten. Für das "Gemeinschaftsverständnis der Afrikaner" (245) am Tana-Fluss und für das Festhalten an traditionellen Riten wie der Beschneidung brachten die Missionare von diesen Voraussetzungen her wenig Verständnis auf. Es entspricht freilich dem Individualismus der Neukirchener Missionare, dass es auch an diesem Punkt Ausnahmen gab (vgl. z. B. 432), wie überhaupt die konsequente Durchführung der aus der Heiligungsbewegung kommenden Grundsätze im Lauf der Zeit sowohl von den Missionaren wie auch von der Heimatleitung aufgegeben wurde.

B. erliegt nun freilich nicht der Gefahr einer monokausalen Erklärung. Andere Gesichtspunkte werden an ihrem Ort zur Geltung gebracht. Erwähnt sei nur die ausführliche Behandlung der Rolle von Frauen in der Mission (351-361). Hier stellt B. die gravierendste Abweichung von der Praxis der englischen Glaubensmissionen fest. Während in der China Inland Mission ledige Missionarinnen in sehr selbständiger Weise tätig sein konnten, wurde die Arbeit von Frauen in der Neukirchener Mission stark begrenzt. Ein Mitbestimmungsrecht in den Missionarskonferenzen wurde ihnen strikt verweigert. B. führt dies vor allem aus Stursbergs Erfahrungen mit Frauen in der heimischen Evangelisationsarbeit zurück.

B.s Arbeit kann als ein sehr gelungener Versuch betrachtet werden, die Arbeit einer Glaubensmission in ihrer Eigenart darzustellen und die Langzeitwirkung bestimmter frömmigkeitlicher Ansätze erhellend zu verfolgen, ohne dass dabei das Zusammenspiel der vielfältigen Gesichtspunkte aus dem Blick geriete, die das Missionsgeschehen beeinflusst haben.

Eine kritische Bemerkung am Rand: B. geht in seinem Werk vom traditionellen Verständnis von Mission aus. Das ist bei einer missionsgeschichtlichen Arbeit auch durchaus angemessen. Vorsicht scheint aber geboten, wenn auf dieser Basis Urteile über die Gegenwart gefällt werden wie das, dass die nach dem Prinzip der Glaubensmissionen arbeitenden evangelikalen Missionen "heute weitgehend das deutsche Missionsgeschehen" bestimmen (V).