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Ausgabe:

September/1996

Spalte:

894 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Delgado, Mariano [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Bartolomé de Las Casas. Werkauswahl. 1: Missionstheologische Schriften. Studien von H. Pietschmann u. M. Sievernich SJ. Übersetzungen von B. Pockrandt u. H. Wels.

Verlag:

Paderborn-München-Wien-Zürich: Schöningh 1994. 456 S. gr.8o. geb. ISBN 3-506-75121-2.

Rezensent:

Hans-Jürgen Prien

Die zum "500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas" von Paulino Castañeda Delgado und Antonio García del Moral OP besorgte erste kritische Gesamtausgabe der Werke Las Casas', die seit 1989 im Erscheinen begriffen ist und bereits in den Bänden 2-14 vorliegt, stellt die Voraussetzung für die deutsche Werkauswahl dar. Nachdem jahrhundertelang nur die "Sehr kurze Beschreibung der Zerstörung der Indien" (Brevísima Relación - 1552) in deutschen Übersetzungen vorlag, erfüllt die Werkauswahl Las Casas' ein wichtiges Desiderat der Forschung. Die geplanten vier Bände, von denen die ersten beiden inzwischen erschienen sind, sind thematisch aufgebaut: Bd. 1 Die missionstheologischen Schriften; Bd. 2 historische und ethnographische Schriften; Bde. 3-4 sozialethische, staatsphilosophische und völkerrechtliche Traktate, Briefe und Denkschriften.

Der vorliegende Bd. 1 ist durch Bibelstellen-, Personen- und Quellenregister sehr gut erschlossen. Letzteres erfaßt alle von Las Casas zitierten Quellen, einschließlich derer aus dem Kanonischen und aus dem Zivilrecht. D. bietet eine Kurzbiographie mit einer chronologischen Übersicht über Weg und Werk Las Casas' und eine kartographische Darstellung seiner Reisen (11-34). Auf dem hinteren Buchdeckel sollte allerdings nicht im Widerspruch zur Chronologie S. 27 an dem in der Forschung inzwischen abgelehnten Geburtsjahr 1474 (statt 1484) festgehalten werden. In einem weiteren Essay (35-58) untersucht D. "Voraussetzungen, Verdienste und Versäumnisse lascasianischer Missionstheologie". Er bleibt also nicht bei einer Bewertung im historischen Kontext stehen, sondern wagt auch eine Bewertung aus der heutigen theologischen Sicht, die ihn bedauern läßt, daß der große Spanier die Heilsfrage im Sinne des augustinischen Exklusivismus beantwortet hat, also die absolute Heilsnotwendigkeit der Taufe betont, wie Trient sie 1547 bekräftigt hat. Eine sehr nützliche Synopse der Positionen Victorias, Sepúlvedas, Las Casas' und Acostas zu den Fragen Missionsrecht, Zivilisationsrecht, Notwendigkeit der Taufe und wirtschaftlichem Ausbeutungsrecht beschließt den Beitrag.

Man kann sich fragen, warum diese beiden Essays, die zusammengenommen erheblich umfangreicher sind als die Studien Michael Sievernichs, "Missionstheologien ,nach' Las Casas" (59-85) und Horst Pietschmanns, "Juan Ginés de Sepúlveda und die amerikanischen Ureinwohner" (86-96), der Erwähnung auf dem Titelblatt nicht für wert erachet wurden. Insgesamt bieten diese Untersuchungen einen guten Überblick über die Las-Casas-Forschung und damit zusammenhängende Fragen und erleichtern erheblich das Verständnis der missionstheologischen Schriften Las Casas'.

D. leitet kompetent und mit ausführlicher Bibliographie in "De unico vocationis modo omnium gentium ad veram religionem" ein (99-104). Das Werk galt bis ins 20. Jh. hinein als verschollen und war nur durch die Zusammenfassung in Antonio de Remesals OP "Historia General" aus dem 17. Jh. bekannt. Erst 1942 konnte Lewis Hanke die Kapitel 5-7 veröffentlichen, nachdem sich ein Manuskript in Oaxaca/Mexiko angefunden hatte. Man kann da-von ausgehen, daß der vorliegende Text eine Neufassung aus der Zeit nach der Disputation von Valladolid darstellt. Der Inhalt der fehlenden Kapitel 1-4 und des geplanten 2. Bandes ist in andere Spätwerke Las Casas' eingegangen und daher bekannt. Die Kap. 5-7, die sich im lateinischen Urtext und spanischer Übersetzung in Bd. 2 der spanischen Gesamtausgabe finden, bilden der Kern der lascasianischen Missionstheologie: Es gibt nach Gottes Willen nur eine Missionsmethode für die ganze Menschheit, "nämlich die Überzeugung des Verstandes durch Vernunftgründe und die sanfte Anlockung und Ermahnung des Willens." Las Casas betont: "Also bewegt die göttliche Weisheit die vernunftbegabten Geschöpfe, d. i. die Menschen, zu ihren Akten und Tätigkeiten auf einnehmende, liebliche und sanfte Weise." (Kap. 5). Bezüglich der vielfältigen Wirkungsgeschichte sei nur auf die Bulle "Sublimis Deus" von 1537 hingewiesen, die von Bernardino Minaya OP u. a. mit Verweis auf das Manuskript der Erstfassung dieser Schrift, die er Paul III. überreicht hatte, bewirkt worden ist.

Die berühmte Disputation zwischen Las Casas und dem be-kanntesten spanischen Humanisten Juan Ginés de Sepúlveda in Valladolid 1550/51, die Reinhold Schneider in dichterischer Freiheit in seiner Erzählung "Las Casas vor Karl V." (1938) dem deutschen Publikum vermittelt hat, ist S. 347-436 abgedruckt.

Die Disputation läßt sich erschließen aus dem Summarium Domingo de Sotos, eines der 15 Kommissionsmitglieder, das Las Casas' seinem Traktat "Aqui se contiene una disputa o controversia..." zugrundegelegt hat, den er 1552 veröffentlicht hat. Auch dieser Text ist eingeleitet und kommentiert von D.. Zur Textgestalt hätte man sich allerdings ein paar mehr Erläuterungen gewünscht. So ist es verwirrend, wenn D. in seiner Einleitung vom "Argumentum" spricht (343), dann aber der betreffende Teil in der Übersetzung irreführend mit "Inhaltsübersicht" überschrieben wird, obgleich es sich um die kontextuelle Einleitung Las Casas' handelt.

Auf das "Argumentum" folgt die von Domingo de Soto vorgenommene Zusammenfassung der "Apologia" Las Casas', die er auf der Disputation vorgetragen hat. Sie richtet sich gegen Sepúlvedas Schrift "Democrates alter" bzw. gegen die 1550 in Rom veröffentlichte Zusammenfassung der Argumente jener (Apologia... pro libro de iustis belli causis), in der er die spanische Schwertmission im Prinzip gerechtfertigt hat. Hierauf folgen zwei Disputationsgänge: die Zusammenfassung der zwölf Gegenthesen Sepúlvedas und wiederum diejenige von zwölf Entgegnungen Las Casas'. Beide Kontrahenten bejahen im Grunde die "Universalisierung" des Christentums, diese Mischung von Religion und europäischer Zivilisation, Sepúlveda um jeden Preis, las Casas hingegen nur friedlich und mit Zustimmung der indigenen Bevölkerung. Da es zu keiner einhelligen Meinungsbildung der Komissionsmitglieder hinsichtlich der Frage der Legitimität der Conquista gekommen war, konnten sich beide Kontrahenten zunächst in ihrer Meinung bestätigt sehen. Die Tatsache, daß der Indienrat 1544 urteilte, die Conquistas seien gefährlich für das Gewissen der kaiserlichen Majestät, zeigt eine theoretische Hinneigung zu den Thesen Las Casas'. Trotzdem sollte sich aus sozioökonomischen Gründen nichts an den Methoden der Eroberungs- und Kolonialpolitik ändern.

Die Übersetzung kann hier nicht im einzelnen kommentiert werden. Es seien nur drei Anmerkungen gemacht. Statt "las Indias" ständig mit "Westindien" wiederzugeben hätte "Indien" mit einer Erklärung bleiben können. Warum im Argumentum (347) der traditionelle Titel der Könige "von Kastilien und León" auf "Kastilien" verkürzt ist, ist ebenfalls unklar. Angesichts sonst zahlreicher Fußnoten hätte man ebd. auch "Meilen" erklären sollen (1 legua = 5,572 km).