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Ausgabe:

März/2000

Spalte:

338 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Butzke, Paulo

Titel/Untertitel:

Gemeindeaufbau in Brasilien. Konzepte in der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien seit 1945.

Verlag:

Erlangen: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 1999. 523 S. 8 = Erlanger Monographien aus Mission und Ökumene, 26. ISBN 3-87214-326-3.

Rezensent:

Theo Sundermeier

Diese Erlanger Dissertation, die von M. Seitz betreut wurde, besitzt darin einen hohen ökumenischen Stellenwert, dass sie an einer relativ überschaubaren und konfessionell geschlossenen Kirche deutlich macht, wie sich weltweit diskutierte Themen und Programme der Ökumene vor Ort spiegeln und verwirklichen lassen. Die EKLBB, durch den 2. Weltkrieg in eine tiefe Identitätskrise geraten, musste sich neu ausrichten und darauf besinnen, nun endlich Kirche in und für Brasilien zu sein. Dass hier zunächst die aus Deutschland bekannten Programme wie Volksmission, Stärkung der Männerarbeit etc. aufgegriffen wurden, nimmt nicht Wunder. Es hätte sich nicht gelohnt, darüber eine Dissertation zu schreiben. Vielmehr wird die Arbeit dort interessant, wo man spürt, dass die isolationistischen Tendenzen dadurch abgewehrt wurden, dass man Impulse aus der Ökumene zur Stärkung der lokalen Kirche und der Gemeinden aufnahm und zu verwirklichen suchte. Eine vergleichbare Studie aus anderen Kirchen ist mir dazu nicht bekannt. Resignation schwingt nicht nur gelegentlich zwischen den Zeilen, sondern wird auch beim Leser hervorgerufen, wenn man sieht, wie viele Programme aufgegriffen und wieder fallen gelassen wurden, wenn die die Konzepte vorantreibenden Mentoren versetzt wurden oder das Land verließen (198).

Einzeln werden die Programme: Aufbau Evangelischer Akademien (68 ff.); Haushalterschaft (78 ff.); Kirche für andere (123 ff.); Missionarische Aktion heute (173 ff.) dargestellt, gewürdigt und einer theologischen Kritik unterzogen. Das geschieht ein wenig schematisch und konfessionalistisch geprägt, ist aber insgesamt zutreffend.

Mit dem Gemeindeaufbaukonzept der "Missionarischen Aktion heute" werden erste indigene Initiativen erkennbar. Das gilt besonders für den "Catecumenato Permanente" (210 ff.), der Gedanken von Paulo Freire aufgreift und der trotz seiner Erfolglosigkeit darin von Bedeutung ist, dass er den Boden für befreiungstheologische Initiativen vorbereitet. Dieses Kapitel schlägt man mit Spannung auf (287 ff. und 302 ff.). Es ist aber darin unbefriedigend, dass es sich auf wenige Texte beschränkt und den Blick nicht über den Tellerrand der lutherischen Kirche hebt. Viel Sympathie bringt der Vf. befreiungstheologischen Initiativen nicht entgegen. Man hat geradezu den Eindruck, dass er erleichtert den Zusammenbruch des Sozialismus und die Folgen auf den lutherischen "Pastoral Popular" registriert. Merkwürdigerweise weiß er aber ebensowenig die Bedeutung der "Wiederentdeckung der Volksreligiosität" (334 ff.) einzuschätzen, sonst hätte dieses Kapitel nicht so enigmatisch ausfallen dürfen. Auf katholischer Seite ist es ja gerade die neue Würdigung solcher Frömmigkeit, die dem Einbruch der pfingstlerischen Elemente Paroli bietet und ein wichtiges Element der Inkulturation darstellt, ja, Dimensionen einer Leidensspiritualität eröffnet. Des Vf.s Herz schlägt eher bei den Bemühungen, den Migranten ein neues kirchliches Zuhause zu bieten und in den Städten ein neues missionarisches Konzept zu entwickeln (353 ff. und 379 ff.).

Ein abschließendes Urteil über diese Initiativen der 90er Jahre (die Arbeit schließt mit dem Jahr 1995) ist naturgemäß noch nicht abzugeben. So ist es denn auch mehr als signifikant, dass der Vf. seine Arbeit mit einem Fragezeichen abschließt: "Die ELKBB ist Kirche - aber welche Kirche ist sie?" (475) Mit dieser Frage zeigt er das ganze Dilemma einer Kirche auf, die als deutsche Einwanderungskirche entstanden ist, sich nur sehr schwer von diesem Hintergrund lösen konnte und deren Fremdstrukturen noch immer wie eine Last drücken, so dass die verschiedenen Anläufe zum effektiven Gemeindeaufbau wie der Versuch erscheinen, sich von dieser historischen Bürde zu befreien. Das aber scheint nicht möglich zu sein, da diese Last zugleich identitätsstiftend ist. Wahrscheinlich hat die Selbstkritik der Befreiungstheologen recht, wenn man eingesteht, "wir verwechseln Prophetie und Beschimpfung" (337), aber ganz sicher hat sie darin recht, dass dem bisherigen kirchlichen Engagement das Merkmal der "Ganzheitlichkeit", die "körperliche Religiosität" fehlt und die "germanophile Kultur" der EKLBB (336) diese hindert, sie intensiver vor Ort zu entwickeln.