Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

April/2018

Spalte:

346–348

Kategorie:

Neues Testament

Autor/Hrsg.:

El Mansy, Aliyah

Titel/Untertitel:

Exogame Ehen. Die traditionsgeschichtlichen Kontexte von 1Kor 7,12–16.

Verlag:

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2016. 312 S. = Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament, 206. Kart. EUR 99,00. ISBN 978-3-17-030398-0.

Rezensent:

Felix John

Die im Jahr 2015 vom Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg angenommene Dissertation von Aliyah El Mansy untersucht die im 1Kor vertretene Position des Paulus gegenüber Ehen zwischen einem christlichen und einem nichtchristlichen Partner, »exogamen Ehen«. Das Phänomen von Verbindungen mit einem ethnisch-religiös von Haus aus nicht zur eigenen Gruppe gehörenden Partner kennt auch die pagane Welt sowie das Frühjudentum. Hier bestehen Vergleichsmöglichkeiten zu den paulinischen Aussagen. Diesen traditionsgeschichtlichen Kontexten von 1Kor 7,12–16 hat die bisherige Forschung noch keine umfassende Aufmerksamkeit gewidmet (19–30). Anhand exemplarisch ausgewählter Quellentexte (40) stellt sich die Arbeit dieser Aufgabe. Als Fragestellung ergibt sich (31 f.): Steht Paulus’ Exogamiefreundlichkeit in Antithese zum -verbot des Judentums? Wie ist sie vor dem Hintergrund unterschiedlicher paganer Ehekonzepte einzuordnen? Zu beachten sind hierbei der frühchristliche »Umgang mit (anderen) Kulten, Nachkommenschaft und die Rolle von Reinheit« (41).
Der erste Hauptteil nähert sich dem Problem der Exogamie in der griechisch-römischen Welt von der ausgehenden Republik bis in die hohe Kaiserzeit (43–101). Behandelt werden die augusteischen Ehegesetze, rechtliche Regelungen zu exogamen Ehen, die meist den bürger- und erbrechtlichen Status der Kinder betrafen, sowie das Motiv »gefährlicher« fremdstämmiger Frauen in der Literatur (etwa Kleopatra). Insgesamt zeigt sich, dass exogame Ehen sowohl juristisch als auch moralisch nicht einheitlich positiv oder negativ bewertet wurden. Der Aspekt Kultausübung der jeweiligen Partner und die sich dadurch im Rahmen einer exogamen Ehe ergebenden Probleme spielen allenfalls eine Nebenrolle.
Das folgende Kapitel (103–216) widmet sich Aussagen zur Exogamie in jüdischen Texten der Perser- und der hellenistischen Zeit. Esr-Neh (ENB) liegt an der Aufrechterhaltung der Heiligkeit Israels. Sie sei durch Ehen mit Nicht-Israeliten gefährdet, drohe hier sprachlicher und kultischer Traditionsabbruch. Es handelt sich mithin um ein primär innerjüdisches Anliegen. Wege zur Aufrechterhaltung exogamer Ehen, die freilich Kult und Sitten nicht in Gefahr bringen dürfen, werden allenfalls angedeutet. Diese Spur nimmt Rut auf. Erzählt wird, wie eine fremdstämmige Frau durch Anpassung und die Übernahme von Leitwerten integriert werden kann, sodass die Identität der aufnehmenden Gruppe nicht zur Disposition gestellt wird. Jub warnt dagegen scharf vor exogamen, als verunreinigend eingestuften Ehen. Aufgrund seiner Lebensumstände und Interessen äußert sich der zuletzt analysierte Philo von Alexandrien relativ ausführlich und differenziert zum Problem. Er befürwortet Exogamie, sofern jüdische Tugenden (von »geistesverwandten« Partnern) übernommen werden und die Darstellung der jüdischen Identität gewährleistet bleibt.
Im letzten Hauptteil der Arbeit (219–278) kommen schließlich Ehe und Sexualität insgesamt sowie speziell die exogame Ehen behandelnden Passagen des 1Kor in den Blick. Für Paulus ist jegliche πορνεία mit der gemeindlichen Gemeinschaft unvereinbar. Die besprochenen Beispiele zeigen, dass das Verständnis, was πορνεία ausmacht, enge Berührungen mit außerchristlicher Ehe- und Sexualmoral aufweist. Legitime Sexualität findet laut Paulus ausschließlich innerhalb der Ehe statt, die reziprok zu organisieren sei.
Ehen mit einem nichtchristlichen Ehepartner müssten nicht getrennt werden. Paulus setzt eine bewusste Entscheidung des nichtchristlichen Partners voraus, die Ehe fortzuführen (V. 12 f.). Welche Aspekte des komplexen ehelichen Beziehungsgeflechts durch das Christ-Werden eines Partners betroffen waren, bleibt (sicher bewusst) offen, etwa wie sich das christliche Idolatrieverbot hinsichtlich der Teilnahme an in der griechisch-römischen Welt üblichen rituellen Vollzügen auswirkte. Einige der korinthischen Christen hielten exogame Ehen wohl für illegitim und verunreinigend. Anders als für ENB und Jub stehen für Paulus exogame Ehen mit der Heiligkeit der eigenen Gemeinschaft im Einklang (V. 14). Der externe Ehepartner partizipiert für ihn an der Heiligkeit der Christen, wenn auch in abgeschwächter Form. Zur Plausibilisierung seiner Aussagen greift Paulus auf gemeinschaftsstiftende und ethosbezogene Aspekte der Heiligkeitsvorstellung zurück. Wichtig hierbei ist die bereits erwähnte Zustimmung des nichtchristlichen Ehepartners zur Fortsetzung der Ehe. Ähnlich wie bei Rut und Philo ist für Paulus Gemeinschaft also möglich, wenn der außerhalb Stehende bestimmte Standards einhält. Anders als Philo strebt Paulus aber die Konversion des Ehepartners zur eigenen Gemeinschaft nicht an, zumindest nicht explizit.
Wie in jüdischen und paganen Vergleichstexten stellt sich auch für Paulus die Frage nach dem Status der aus exogamen Ehen hervorgegangenen Kinder. Sie können für Paulus nur rein sein. Daher taugen sie als Beweis seiner Auffassung (V. 14). Nicht ganz klar wird, von welchem »Zwang« Christen befreit sind, wenn sich ihr nichtchristlicher Ehepartner von ihnen trennt (V. 15), und ob in einem solchen Fall eine erneute Ehe in Frage kommt. Ob der nichtchristliche Ehepartner gerettet wird, liegt bei Gott (V. 16; vgl. 5,13). Ein möglicher missionarischer Anklang ist auch hier nicht allzu hoch zu veranschlagen (anders 1Ptr 3,1). V. 39 wurde, etwa von Tertullian, als paulinisches Endogamiegebot für nach ihrer Konversion Verwitwete verstanden. Alternativ könnte hier aber auch von der »nur in Christus«, d. h. im Gegensatz zu jüdischen und paganen Heiratsbeschränkungen den Christen eröffneten Freiheit bei der Partnerwahl die Rede sein.
Als Fazit ergibt sich (269–278): Paulus bewegt sich in Abkehr von bei Esr und Jub wahrnehmbaren Ängsten vor exogamen Ehen. Bezüglich der nötigen und möglichen Öffnung der eigenen Gruppe hin zur Umwelt positioniert er sich in ähnlicher Weise wie Philo. Er versucht den »Spagat« (279) zwischen der Heiligkeit der eigenen Gruppe und der angestrebten Unanstößigkeit in den Augen der Umgebungsgesellschaft, die in Ehen Stützpfeiler ihrer Identitätskonzeptionen erblickte. Insgesamt kommt für Paulus der Einheit der Gemeinde, zumal angesichts des erwarteten Endes der Zeiten, höheres Gewicht zu als Selbstabgrenzungen, die durch Ehepaare hindurch verliefen.
Der Arbeit kommt das Verdienst zu, Aufmerksamkeit auf eine lohnende Fragestellung gelenkt zu haben. Am Umgang mit Ehen mit nichtchristlichen Partnern lassen sich Bemühungen der frühen Christen, sich innerhalb ihrer Umwelt zu positionieren, studieren. Dass dabei der Blick auf die – eigens zu rekonstruierenden – Kontexte unabdingbar ist, liegt auf der Hand. Zur Bearbeitung der genannten Probleme leistet die Arbeit einen wertvollen Beitrag, auf den die künftige Debatte wird aufbauen können. Insbesondere das Panorama der frühjüdischen Aussagen hilft einen einfachen An-tagonismus zwischen vermeintlich einengendem Judentum und vorgeblichem christlichem Liberalismus zu hinterfragen. Etwas weniger ertragreich fällt der Vergleich mit Aussagen aus der griechisch-römischen Kultur aus. Wünschenswert im Sinne der in Angriff genommenen Fragestellung wäre insgesamt eine etwas ausführlichere Würdigung der Kontextaussagen und des Problems ihrer jeweiligen Vergleichbarkeit mit Paulus bzw. dem frühen Christentum innerhalb der Auslegung von 1Kor 7 gewesen. Sie hätte das Gemenge christlicher, jüdischer und paganer Außen- und Innen-, Gruppen- und individueller Perspektiven weiter zu erhellen geholfen.