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Ausgabe:

September/2016

Spalte:

1014–1016

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Lessing, Hanns, Dedering, Tilman, Kampmann, Jürgen, u. Dirkie Smit [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Umstrittene Beziehungen. Protestantismus zwischen dem südlichen Afrika und Deutschland von den 1930er Jahren bis in die Apartheidzeit/Contested Relations. Protestantism between Southern Africa and Germay from the 1930s to the Apartheid Era.

Verlag:

Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2015. XIV, 771 S. m. 1 Abb., 1 Kt. u. 3 Tab. = Studien zur Außereuropäischen Christentumsgeschichte (Asien, Afrika, Lateinamerika), 26. Geb. EUR 68,00. ISBN 978-3-447-10424-1.

Rezensent:

Ulrich van der Heyden

Mit diesem zweiten voluminösen Sammelband liegt das letzte gedruckte Ergebnis eines Studienprozesses vor, der von Kirchen und Missionswerken in Deutschland und dem südlichen Afrika einige Jahre lang organisatorisch und finanziell getragen worden ist. Der erste Band, der sich mit der Zeit des Beginns der deutsch-kirchlichen bzw. deutsch-missionarischen Beziehungen zum südlichen Afrika befasst und der unter dem Titel »Deutsche evange-lische Kirche im kolonialen südlichen Afrika. Die Rolle der Auslandsarbeit von den Anfängen bis in die 1920er Jahre«, Wiesbaden 2011 (siehe ThLZ 138 [2013], 709) erschienen ist, hatte nicht wenige kontroverse Debatten ausgelöst. Die EKD hat weder Mühen noch Kosten gescheut, um hiervon eine englische Übersetzung, die unter dem Titel »The German Protestant Church in Colonial Southern Africa. The Impact of Overseas Work from the Beginnings until the 1920s«, Wiesbaden/Pietermaritzburg 2012, veröffentlicht wurde, anfertigen zu lassen und herauszugeben. Auch der vorlie gende Abschlussband des Studienprozesses bietet genügend Gründe für Widerspruch, Nachfragen und Diskussionen, wobei erwähnt werden sollte, dass entsprechende Dispute zum ersten Band noch nicht beendet sind.
So hat vor allem der Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (MAKSA), gegründet 1972 vornehmlich von westdeutschen Anti-Apartheidaktivisten, die sich den Zorn der Apartheidbehörden zu­gezogen hatten aus der Überzeugung heraus, dass Christinnen und Christen zur Parteinahme für Arme und Unterdrückte verpflichtet sind, Kritik an dem Studienprozess geäußert. Zu den führenden Aktivisten gehören ehemals aus dem Apartheidstaat ausgewiesene Pfarrer bzw. Missionare wie Markus Braun, der in einer dem ersten Band des Studienprozesses gewidmeten Broschüre unter dem Titel »Völkermord verjährt nicht. Kommentar zum EKD-Studienprozess zum kolonialen südlichen Afrika«, erschienen in der Reihe »Berliner Beiträge zur Missionsgeschichte«, Berlin 2014, heftige Kritik angemeldet hat. Die verantwortlichen Mitarbeiter des Studienprozesses sahen sich daraufhin veranlasst, eine Er-widerung zu verfassen, die von Klaus Burckhardt, Jürgen Kampmann und Hanns Lessing unter dem Titel »Zur Auseinandersetzung um die Geschichte der protestantischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem südlichen Afrika. Eine Stellungnahme des Studienprozesses«, er­schienen ebenfalls in den »Berliner Beiträgen zur Missionsgeschichte«, Berlin 2015, erstellt worden ist. Die zum Teil sehr kontrovers ausgetragene Debatte um die Ergebnisse des Studienprozesses werden sicherlich fortgeführt werden, zumal der vorliegende zweite Band dafür eine ganze Reihe von Anlässen bietet.
Auf alle in der Kritik stehenden Punkte einzugehen, ist schlechterdings im Rahmen einer Rezension nicht möglich. Dafür ist das Spektrum der hier behandelten Themen zu groß. Aber auf zwei wesentliche Kritikpunkte sei hingewiesen. Denn auch in diesem zweiten von der EKD initiierten und finanzierten Studienbandes sind die Vertreter aus der Region, mit der sich das Buch hauptsächlich beschäftigen soll, weitaus in der Minderheit. Ein Teil der Beiträger »aus dem Süden« gehören zudem zu den »Weißen«. Aber dies mag an dem Problem liegen, dass sich zu wenige akademisch gebildete oder historisch interessierte kirchliche Vertreter der Schwarzafrikaner für die »Aufarbeitung« der Vergangenheit interessieren. Zudem scheint es kaum Vertreter der Missions- und Kirchengeschichte im südlichen Afrika zu geben, die sich mit dem Emanzipationsprozess der selbständigen Kirchen von den europäischen »Kolonialkirchen« befassen. Vielen scheint dies vielmehr eine Angelegenheit der Deutschen zu sein.
Ein viel gravierenderes Manko bei der Auswahl potentieller Verfasser und Themen scheint es zu sein, dass die Frauenarbeit der bundesdeutschen Kirchen in ihrem Engagement gegen die menschenverachtende Apartheid viel zu wenig Beachtung gefunden hat, denn immerhin hatten die Antiapartheidsaktionen der Frauen wesentlichen Anteil daran, dass die Unterstützung von Politikern der Bundesrepublik, von der deutschen Wirtschaft und den Banken für das Rassistenregime im Süden Afrikas öffentlich wurde.
Ein anderes, von ehemaligen Akteuren stark kritisiertes Manko ist das fast vollständige Fehlen der Anti-Apartheidarbeit der Kirchen und Gemeinden in der DDR. Zwar beschäftigt sich einer von den insgesamt 39 Beiträgen mit der »Wahrnehmung des Widerstandskampfes in Südafrika in Kirchen und Missionsgesellschaften in der DDR« (Hans Mikosch). Ein weiterer Aufsatz von Hans-Georg Schleicher gibt lediglich einen Überblick über die Afrikapolitik der DDR mit besonderem Blick auf die Unterstützung der Befreiungsorganisationen ANC und SWAPO im Süden des Kontinents. Auf Fragen der kirchlichen Anti-Apartheidaktivitäten wird zwar eingegangen, diese Beziehungen stehen indes in diesen Ausführungen nicht im Mittelpunkt. Dafür hätten entsprechende Akten aus den Archiven der Missionswerke, des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts, der Landeskirchenarchive, des Staatssekretariats für Kirchenfragen im Bundesarchiv und die des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR zumindest ansatzweise gesichtet werden müssen.
In anderen Beiträgen, wie in dem von Tilman Dedering über die »südafrikanisch-deutschen Beziehungen von Versailles nach Soweto«, wird die besondere Haltung der DDR und der dort lebenden Christen zum südlichen Afrika und deren Bemühungen zur Beseitigung der Apartheid bestenfalls gestreift. Diese Nichtbeachtung der mannigfachen Aktivitäten des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, deren Interaktionen mit der EKD, deren Besonderheiten beim solidarischen Engagement im Vergleich mit den »Westkirchen«, ihre sys-tembedingten Schwierigkeiten und auch ihr Zusammenwirken mit staatlichen Instanzen der DDR werden entweder gänzlich ausgeklammert oder es wird nur unvollkommen darauf eingegangen. Allein die Fußnotenapparate machen deutlich, dass diese Artikel keinen großen Beitrag zur Geschichte der Beziehungen der DDR-Kirchen und der ostdeutschen Missionsgesellschaften, insbesondere der Berliner Missionsgesellschaft sowie der Herrnhuter Brüderuni- tät, die historisch bedingte lange Verbindungen zu Südafrika besitzen, leisten können. Bestenfalls können sie einige Anregungen für spätere tiefergehende Analysen bieten.
Es gibt erste Überlegungen von nicht zu den Herausgebern und den Autoren gehörenden ehemaligen Akteuren der ostdeutschen kirchlichen Solida­ritätsarbeit, dieses Kapitel der jüngsten deutschen Kirchen- und Missionsge- schichte eigenständig aufzuarbeiten.
Weitere Beiträge des Sammelbandes, die neben bemerkenswert an­spruchsvollen Studien Aufnahme in den Sammelband gefunden haben, vermitteln zumindest Anregungen für weitergehende Be­schäftigungen. Zu solchen brisanten wie gut recherchierten Themen zählen die Beiträge »Kirche und Nationalsozialismus in Namibia 1933–1939« von Lothar Engel, »Einfluss der Nachfahren deutscher Missionare und Pfarrer auf das Fach Deutsch an südafrikanischen Schulen und Universitäten im 20. Jahrhundert« von Gunther Pakendorf und die wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung von Andreas Heuser über afrikanische unabhängige Kirchen im Urteil der deutschen Missions- und Religionswissenschaft der 1960er bis 1980er Jahre sowie verschiedene Aufsätze zur Geschichte des Wandels der Haltung der EKD zur Apartheid.
Die insgesamt durchaus le­sens­werten Beiträge als Ergebnis des Studienprozesses haben zu­mindest in dieser Beziehung die Erwartungen erfüllt. Hätte man mehr erwarten können? Diese Frage muss erlaubt sein. Eine allseitige »Aufarbeitung« ist ja schon deshalb kaum möglich, weil die Apartheid von 1948 bis Anfang der 1990er Jahre wohl die am kontroversesten zu diskutierende Zeit der Beziehungen der den Protestantismus tragenden deutschen Kirchen darstellt. Warum der – ohne Zweifel informative – Artikel von Isabel C. Arendt über »Nationalsozialismus in lutherischen Gemeinden in Brasilien« in den Band aufgenommen wurde, erschließt sich nicht. Ebenso fällt es schwer, einen »roten Faden« bei der Auswahl der Themen und der hier präsentierten Forschungsergebnisse zu erkennen.
Einige der Beiträge werden in Englisch präsentiert. Eine Übersetzung des gesamten Bandes ins Englische, wie beim ersten ge­schehen, ist anscheinend nicht vorgesehen.
Dem Verantwortlichen des Studienprozesses, dies sei noch einmal ausdrücklich betont, ist es gelungen, mit einer Vielzahl von Beiträgen (dass diese zum Teil recht unterschiedliche Qualität aufweisen, liegt weitgehend in der Natur so eines Mammutprojektes) deutlich zu machen, dass nach Beendigung des Ersten Weltkrieges Kirche und Missionsgesellschaften aus Deutschland ihren selbst so gesehenen Auftrag nach bestem Wissen und Gewissen erfüllten, nämlich Missionieren und die Auslandsdeutschen in den heutigen Republiken Südafrika und Namibia geistig zu betreuen. Deutlich wird an mehreren Stellen, dass die bekennende Kirche gegen die Gleichschaltung von Kirche und Mission kämpfte. Dabei entwi-ckelte sie jedoch weder eine generelle Kritik am Rassismus noch riefen ihre Mitglieder zum Widerstand gegen die Einführung der Apartheid 1948 in Südafrika auf. Mehrfach konnte belegt werden, dass bis in die 1960er Jahre hinein die Politik der »getrennten Entwicklung« in deutschen Kirchen und Missionsgesellschaften nicht in der Mehrheit und generell infrage gestellt worden ist. Zu Beginn der 1970er Jahre entwickelte sich dann jedoch eine breite internationale Widerstandsbewegung gegen das Apartheidsystem, der sich auch die deutschen Kirchen und ihre führenden Gremien nicht verschließen konnten. Zumal sich im südlichen Afrika viele Kirchen als Teil des Befreiungskampfes verstanden und sich auch immer mehr Kirchenmitglieder an die Seite der Befreiungsbe-wegungen stellten. Es entstanden mannigfache Beziehungen zu (west)deutschen Partnergemeinden, über die Informationen über den rassistischen Terror und die Formen des Widerstandes gegen Rassendiskriminierung an die deutschen Gemeinden flossen.
Es scheint zum großen Teil gelungen zu sein (ein endgültiges Urteil können nur die Kirchen im Süden Afrikas fällen), die aus dem Süden geforderte kontroverse Geschichte der Kirchenbeziehungen kritisch aufzuarbeiten oder zumindest aufzuzeigen, wo und wie weiterführende Forschungen dies tun können. Genügend Anregungen hierzu sind in diesem Sammelband gegeben worden.