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Ausgabe:

September/2016

Spalte:

1011–1012

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Böhmer, Karl E.

Titel/Untertitel:

August Hardeland and the »Rheinische« and »Hermannsburger« Mission in Borneo and Southern Africa (1839–1870). The History of a Paradigm Shift and its Impact on Southern African Lutheran Churches. M. e. Vorwort v. M. C. Harrison zu »South Africa and North America: Observations on the History of Missions«.

Verlag:

Göttingen: Edition Ruprecht 2016. 378 S. m. 17 Abb. u. 2. Tab. = Oberurseler Hefte, Ergänzungsbd. 18. Geb. EUR 78,00. ISBN 978-3-8469-0234-9.

Rezensent:

Jobst Reller

Karl E. Böhmer, lutherischer Pfarrer in Südafrika, legt hier seine am Concordia Theological Seminary in Fort Wayne/USA 2015 abgeschlossene Promotion im Druck vor. Im Voraus ist festzuhalten, dass er für den englischsprachigen Raum wichtige und bisher weitgehend unbekannte Aspekte der Missionsgeschichte des 19. Jh.s in Borneo und Südafrika in vorbildlicher Weise erschließt. Dazu tragen nicht zuletzt die umfangreichen Beigaben bei: eine Zeittafel (323), Grundsätze der Rheinischen Mission für die Pandeling-Siedlungen in Borneo (1851; 324 f.), ein Brief von Carl von Hoefen an die Deputation der Rheinischen Mission über August Hardeland (in Auszügen, vom 7.8.1855; 325–330), die Grundordnung für die ersten Missionare und Kolonisten der Hermannsburger Mission (1854; 331–336), eine Beschreibung von Neuhermannsburg durch den rheinischen Na­mibia-Missionar Carl Hugo Hahn (1859; 337 f.), die Instruktionen für Missionssuperintendent August Hardeland (1859; 339 f.), eine Liste der von Hermannsburg nach Südafrika entsandten Missionare und Kolonisten 1853–1867 (341–347) nebst Kurzbiographien (366–371) und einem Register von Personen, Orten, relevanten Bibelstellen und ausgewählten Sachen (372–378). Auch Abschnitte wie der über den Hermannsburger Pastor und Missionsgründer Ludwig, gen. Louis, Harms und seine romantische Vision einer indigenen Kolonial- und Imperialmission (1808–1865; 147–214) dürften das Desiderat einer grundlegenden englischsprachigen Darstellung in guter Weise er-füllen. Deutsche Leser finden eine Zu­sammenfassung des in der Hermannsburger Missionsgeschichte folgenreichen, weil die frühe Mission unter den Tswana stark be­schneidenden sogenannten »Hardelandkonflikts« auf den Seiten 294–318.
B. darf für sich in Anspruch nehmen, die erste wissenschaftliche, aus den Quellen gearbeitete Biographie dieser schillernden Missionarspersönlichkeit vorgelegt zu haben. August Hardeland wurde 1814 als Sohn eines königlichen Ministerialbeamten in Hannover geboren. Sein Halbbruder Hermann, geb. 1812, wurde später Pfarrer an St. Michaelis in Hildesheim, der Bruder Carl, geb. 1820, Domänenrat in Hildesheim, der Bruder Julius, geb. 1828, Direktor der Leipziger Mission und die Schwester Anne, geb. 1823, Ehefrau des lutherischen Pastors Johann Ludolph Parisius an der unter Aufsicht des hannoverschen Konsistoriums stehenden St. Martins-Kirche in Kapstadt. Dass Hardeland, dem sicher ähnliche heimatliche Karrieren offen gestanden hätten, mit 14 Jahren wegen (möglicherweise politisch) ungebührlichen Betragens vom Lyzeum verwiesen wurde, dürfte ihn tief gekränkt haben und manche spätere Ecke und Kante erklären. Kurzsichtigkeit und eine Behinderung am Fuß dürften ihren Teil beigetragen haben. Es ist angesichts von Hardelands späterem formal autoritärem Führungsstil durchaus überraschend, dass er von sich selbst bekennt, in seiner Jugend agitatorisch für eine vermutlich liberal nationale Revolution eingetreten zu sein! An Selbst- und Sendungsbewusstsein fehlte es jedenfalls nicht (27 f.).
B. schildert Kindheit und Jugend, die kurze Ausbildung an einer polytechnischen Schule in Hannover, autodidaktische Studien und dann die wegen seiner Vorbildung verkürzte Ausbildung im Missionsseminar der Rheinischen Mission in Barmen vom 7.10.1837 an (32). Dann folgen die Darstellungen von Hardelands Dienst als rheinischer Missionar in Borneo (1839–1845; 37–73), bzw. in Südafrika in der Kapkolonie (1845–1848; 74–97) und als Angestellter der holländischen Bibelgesellschaft in Borneo (1849–1858; 98–146). Hardeland erhielt für seine Übersetzung der Bibel ins Dayak (Amsterdam 1858) und seine Arbeiten zur Grammatik des Dayak und ein Wörterbuch (1858, bzw. 1859) immerhin Ehrendoktorwürden der Universitäten Utrecht und Halle. Intellektuelle Begabung hatte er neben charakterlicher Kantigkeit in einer Fülle von Konflikten mit Missionarskollegen bewiesen (129 f.). Es wäre verwunderlich und Zeichen besonderer menschlicher Größe gewesen, wenn Hardeland als Superintendent für die Hermannsburger Mission in Südafrika unter Zulu und Tswana (1859–1863; 215-293) die richtige Hand für die Leitung der – bis auf den Göttinger Theologiestudenten Thomas Prydtz († 1863) aus Norwegen – am Hermannsburger Missionsseminar ausgebildeten Missionare gehabt hätte. Sie mussten ihn als ebenbürtig ansehen, der formal über nicht mehr als eine Seminarausbildung in Barmen verfügte, von seiner Herkunft, seiner autodidaktisch gebildeten Persönlichkeit, seinen philologischen Leistungen und seinem Selbstbewusstsein her sich ihnen aber für weit überlegen halten musste. Schon vor der Ausreise kritisierte er gegenüber dem auf Studienbesuch in Hermannsburg weilenden zukünftigen Leiter der neu zu eröffnenden norwegischen Missionsschule in Stavanger Ernst Eckhoff die von Harms bewusst intendierte nicht-akademische Ausbildung der Missio-nare auf dem Lande (vgl. Jobst Reller: Ludwig Harms Wirkung in Skandinavien, in: JKGNS 2005, 125–172: 144.146).
Wie Ludwig Harms ihn als Superintendenten entsenden konnte, bleibt einigermaßen rätselhaft, wenn man nicht die Hermannsburger Besonderheit einer mündlichen Kultur in Betracht zieht, die das Einholen von Auskünften vor einem Anstellungsgespräch verbot. Dazu kam, dass Hardeland in einer durchaus angespannten Lage der im urchristlichen Kommunismus verbundenen Hermannsburger Missionare in zwei weit voneinander entfernten Zentren unter Zulu und Tswana mangels Mitbewerber als der einzige Anwärter auf das Superintendentenamt erscheinen musste. Der schon erwähnte Konflikt war vorprogrammiert. Die Hermannsburger Missionsgemeine hatte in gewisser Hinsicht von ihrer oben erwähnten Verfassung her eine basisdemokratische Struktur über das Organ einer »Gemeineversammlung«, das durch Hardeland durchaus im Auftrag von Harms in eine »Monarchie« verwandelt wurde (311). Hardeland veränderte auch die Grundstruktur der Missionsstation mit Missionaren und Kolonisten, indem er Letztere allein der Verfügung des Kreismissionars zuordnete. Im Einklang mit der Bildung seiner Zeit legte Hardeland gegenüber einheimischen Christen ein Verhalten an den Tag, das ihm den Beinamen »der alle Tage Menschen schlägt« eintrug und für heutige Begriffe rassistisch anmutet. Ludwig Harms hatte durchaus im Kontrast zu burischer Praxis die in der Taufe begründete, gleichberechtigte Kindschaft von »Schwarz« und »Weiß« betont. Mit der Forderung nach der Ablösung des Kommunismus und der Einführung eines Gehalts wie in anderen Missionen gewann Hardeland allerdings durchaus auch Anhänger unter den Missionaren.
B. lässt einen letzten Teil der Biographie Hardelands unbearbeitet, das ist die Zeit in der inneren Mission, in Neinstedt, als Direktor des Diakonissenmutterhauses in Flensburg und Marienthal von 1865 bis 1880. Hardeland starb 1891. Seine Biographie verdiente es, weiter aufgearbeitet zu werden.