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Ausgabe:

September/2016

Spalte:

1008–1011

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Becker, Judith

Titel/Untertitel:

Conversio im Wandel. Basler Missionare zwischen Europa und Südindien und die Ausbildung einer Kontaktreligiosität, 1834–1860.

Verlag:

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015. 717 S. m. Abb. = Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, 238. Lw. EUR 100,00. ISBN 978-3-525-10137-7.

Rezensent:

Ulrich van der Heyden

Neben dem angegebenen Titel in dieser Rezension besprochen:

Christ-von Wedel, Christine, u. Thomas Konrad Kuhn [Hrsg.]: Basler Mission. Menschen, Geschichte, Perspektiven 1815–2015. Basel: Schwabe Verlag 2015. 343 S. m. zahlr. Abb. Geb. EUR 28,00. ISBN 978-3-7965-3403-4.


Die vielfältigen speziellen Aspekte der Geschichte der Basler Mis-sion gehören zu denjenigen Themen der Missionshistoriographie, über die schon des Öfteren bemerkenswerte Publikationen erschienen sind. Von allen deutschen Missionsgesellschaften ist die Vergangenheit der Basler wohl am besten erforscht. Mannigfache Einzelfragen, aber auch Überblicksdarstellungen sind in den vergangenen Jahren hierzu veröffentlicht worden. Dennoch sind immer noch Fragen offen und weitere tun sich auf, je mehr man glaubt, Antworten gefunden zu haben.
Es gilt hier, zwei Bücher vorzustellen, die wichtige Fragestellungen bezüglich der Basler Missionsgeschichte zu beantworten versuchen und damit nicht unbedeutende Lücken der Missionshistoriographie schließen wollen.
Der erste hier anzuzeigende Band stammt von der Mainzer Theologin Judith Becker, die sich mit dieser Arbeit habilitiert hat. In ihrer voluminösen Arbeit geht sie zunächst auf der Basis der Analyse der Erweckungsbewegung auf die Ausreise der Basler Missionare nach Indien in der ersten Hälfte des 19. Jh.s ein. Dabei greift sie in ihrem Bemühen, das geistige und gesellschaftliche Umfeld der ausgesandten Verkünder der christlichen Botschaft zu erforschen, weit in die Theologie- und Kirchengeschichte zurück. Im zweiten Unterkapitel untersucht sie religionssoziologische, an­thropologische und psychologische Ansätze zur Analyse von »conversio« und »sanctificatio«. Auch das folgende Kapitel, in dem sie Pietismus, Puritanismus und Erweckungsbewegung in Beziehung setzt, brilliert durch die tiefe theoretische Durchdringung der Problematik. Sie macht dies vor allem deutlich anhand der Analyse einiger Schriften von J. Bunyan, A. H. Francke, F. A. G. Tholuck und J. E. Goßner. Akribisch wird sodann herausgearbeitet, dass die Missionare der Basler Mission seit der ersten Hälfte des 19. Jh.s Kontakt mit den Bewohnern des indischen Subkontinents hatten und wie dieser aussah. Was in der Missionshistoriographie nichts Neues ist, in diesem Buch jedoch detailliert und überzeugend nachgewiesen wird, ist die Tatsache, dass eine solche intensive Kulturbegegnung die durch die Erweckungsbewegung in Europa geprägten Missionare in ihren persönlichen und gesellschaftlichen Haltungen und wohl auch in ihren Glaubensformen veränderte. Sie entwickelten nach B. eine sogenannte Kontaktreligiosität, indem sie ihre religiösen Überzeugungen und Werthaltungen modifizierten und indische Einflüsse adaptierten. B. widmet sich nunmehr sehr stringent der Frage nach »conversio«, Bekehrung und Konversion, und »santificatio«, den daraus folgenden Werthaltungen, denn Bekehrung und vorgelebtes christliches Leben standen im Mittelpunkt der Tätigkeit der Basler Missionare in Südindien.
In den weiteren Komplexen des Buches, die jeweils in mehrere Kapitel und Unterkapitel gegliedert sind, nutzt B. die in der neueren Konversionsforschung entwickelten Ansätze und Methoden. Zugleich bezieht sie sich auf postkoloniale Forschungen und untersucht die Formen und Auswirkungen der Repräsentation von Menschen und Religionen in Indien. Dabei fallen ihre breite Quellenkenntnis, die Beherrschung der akademischen Debatten und der hohe Grad an theoretischen Verallgemeinerungen auf. Es ist der Werbung auf dem Cover des Buches zuzustimmen, wo es verallgemeinernd zum Anliegen des Buches heißt: »Die von den Missionaren entwickelte Kontaktreligiosität demonstriert die Bedeutung der interkulturellen Verflechtung damals und heute.«
Das zweite hier vorzustellende Buch hat ebenfalls die Handlungen und Ziele der Missionare und die Organisation der Basler Mission zum Inhalt. Es handelt sich um einen Sammelband, in dem eine Reihe von mehr oder minder neuen Fragestellungen zur Basler Missionsgeschichte abgearbeitet wird; spannend zu lesen und auf dem neuesten Forschungsstand sind sie alle. Es wäre zu wünschen, dass solch eine kollektive Wissensmacht auch historische Aspekte anderer Missionsgesellschaften und Kongregationen be­leuchtet. Dabei spricht das Buch nicht nur die wissenschaftlichen Experten an, sondern auch den allgemein interessierten Missionsfreund. Denn die Texte sind bei aller Wissenschaftlichkeit und Darlegung komplizierter Prozesse leicht verständlich geschrieben. Illustrationen lockern zudem die Ausführungen auf.
Die zwanzig Autorinnen und Autoren machen somit die Ge­schichte der Basler Mission lebendig. Auch wenn sie sich jeweils einem Spezialthema widmen, wird dennoch ein weitgehend einheitliches Bild von der Vergangenheit dieser Missionsgesellschaft gezeichnet, auch wenn die jeweiligen Handschriften der Verfasser erkennbar sind. Dabei steht nicht nur die Entwicklung der Basler Mission in Europa im Mittelpunkt, sondern auch die Vorgänge auf den Missionsfeldern. Ein Schwergewicht wird auf die Bedeutung der linguistischen und geographischen Forschungen der Missionare für die Herausbildung der jeweiligen Wissenschaftsdisziplinen gelegt. Hingewiesen wird in mehreren Beiträgen darauf, dass die Missionare zunächst an die Überlegenheit der europäisch-christlichen Zivilisation glaubten, bevor sie den Eigenwert der Kulturen zu schätzen lernten, der den Gesellschaftsformen in den Missionsgebieten innewohnte.
Herausgearbeitet wird ebenfalls, dass die Gemeinden in Übersee selbständige Kirchen gründeten oder letztlich erfolgreich Mitbestimmung im Missionswerk einforderten. In neuen Gottesdienst- und Frömmigkeitsformen verbanden die dortigen Christen überzeugend Christentum und traditionelle Spiritualität. So änderte sich im Verlaufe der Zeit die Missionstätigkeit entscheidend. Aus den Missionierten waren Partner geworden. Heute stehen der Austausch unterschiedlicher Kulturformen und die internationale Solidarität im Vordergrund der Arbeit der Basler Mission, die heute Mission 21 heißt.
Auf alle Beiträge an dieser Stelle einzugehen, ist nicht möglich. Einige dem Rezensenten besonders spannend erscheinende Studien seien jedoch aufgeführt. Mit den Anfängen der Basler Mission beschäftigt sich T. K. Kuhn. Der Hinwendung der Basler Mission zur postkolonialen afrikanischen Theologie widmet sich A. Heuser. Die Rolle der Frauen bzw. Familien in der Arbeit der Mission steht im Fokus der beiden Ausführungen von J. Becker und D. Konrad. Neben verschiedenen zwischen die thematisch orientierten Beiträge gestreuten biographischen Abhandlungen werden auch Themen angesprochen wie die Missions-Handlungs-Gesellschaft (H. Christ) und die Sklavenbefreiung (P. Haenger). Die beiden letztgenannten Verfasser waren vor einiger Zeit mit viel beachteten Studien an die wissenschaftliche Öffentlichkeit getreten und stellen somit einen Extrakt ihrer Forschungen vor.
Neben den vielen anderen guten Beiträgen sei es erlaubt, explizit auf zwei weitere hinzuweisen. Nämlich auf den, der sich mit Missionskartographie (G. Thomas) beschäftigt, sowie den, der ein Fazit über die Wirkung der Basler Mission in Afrika versucht (C. Omenyo). Während Thomas mit seinen Ausführungen auf ein wenig erforschtes Feld der Geographiegeschichte aufmerksam macht, fasst der ghanaische Professor für Afrikanisches Christentum zu­sammen, was aus Sicht der Afrikaner die Tätigkeit der Basler Mission ausmachte: »Die Stärkung der Afrikaner durch die Vermittlung des Evangeliums, durch Unterricht, Sprachentwicklung, Ausbildung in wissenschaftlich basierter Landwirtschaft, Handel und Kunsthandwerk und vor allem durch Selbstvertrauen, das der afrikanischen Elite ermöglichte, an vielen Fronten Großes zu leisten. Dass die Basler Mission […] eine wichtige Rolle spielte beim Übergang der afrikanischen Gesellschaften in die Moderne, ist unbestritten« (144).
Neben den im Anhang zu findenden Abkürzungs- und Abbildungsnachweisen sowie dem Autorenverzeichnis (auf einen Index wurde leider verzichtet) ist der kurze, chronologisch geordnete, komprimierte Überblicke zur Geschichte der Basler Mission er­wähnenswert. Außerdem gibt es einen stichpunktartig, also kurzgefassten Überblick der Entwicklung der Mission, der einen chronologischen Vergleich zwischen Europa, Asien und Amerika zulässt. Zuweilen geht dieser Überblick zu sehr ins Detail. So fragt sich der Leser, was Stalins Tod 1953 mit der christlichen Mission zu tun hat.
Alles in allem kann man allen Autorinnen und Autoren sowie den Herausgebern des Sammelbandes zu diesem Buch gratulieren und J. Becker für ihre Pionierleistung Hochachtung aussprechen.