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Ausgabe:

Mai/2016

Spalte:

571-573

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Koschorke, Klaus, and Adrian Hermann [Eds.]

Titel/Untertitel:

Polycentric Structures in the History of World Christianity. Polyzentrische Strukturen in der Geschichte des Weltchristentums.

Verlag:

Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2014. 459 S. m. Abb. = Studien zur Außereuropäischen Christentumsgeschichte. Asien, Afrika, Lateinamerika, 25. Geb. EUR 88,00. ISBN 978-3-447-10258-2.

Rezensent:

Hans-Jürgen Prien

Der Band enthält die Akten der Sechsten Internationalen München-Freising-Konferenz im Herbst 2013, der letzten vor der Emeritierung Klaus Koschorkes auf dem Lehrstuhl Ältere und weltweite Kirchengeschichte. Das Interesse der Referenten galt primär der Vielzahl regionaler Zentren und der Ausbreitung indigener Initiativen und transkontinentaler Interaktionen.
In Teil I, »Eröffnungsvorträge«, erläutert Klaus Koschorke in seinem Einleitungsvortrag die polyzentrische Struktur der Weltchris­tenheit, wobei er zeigt, dass die Globalisierung der Christenheit nicht mit dem Prozess der Europäisierung identisch ist. Schon im europäischen Mittelalter existierte neben der lateinischen und der griechischen Christenheit mit der ostsyrischen/nestorianischen Christenheit ein drittes Zentrum der weltweiten Christenheit. Die Ursprünge der äthiopischen Christenheit liegen schon im 4. Jh. Selbstevangelisierung ist auch ein Kennzeichen der koreanischen Kirchen, die die zweitmeisten Missionare weltweit stellen. In der Konferenz geht es also darum, die globale christliche Geschichte als einen Prozess transkontinentaler Interaktionen und der Vielstimmigkeit lokaler Entwicklungsprozesse zu beschreiben. Jehu J. Hanciles bedient sich der historischen Kunstbegriffe black Atlantic und African diaspora, um den Zusammenhang von Abolition, Repatriierung amerikanischer Sklaven nach Afrika und dortiger Evangelisierung seit Ende des 18. Jh.s zu verdeutlichen. Denn polyzentrische Initiativen von Schwarzen und keineswegs nur das Experiment von Liberia, d. h. nichteuropäische Missionsunternehmungen, be­zeichnen die Anfänge christlicher Mission in Afrika. Erst zu Beginn des 20. Jh.s sollte es zu einem dramatischen Anstieg der Zahl europäischer Missionare kommen, deren Zahl aber bald von derjenigen afrikanischer Agenten übertroffen wurde. Thomas Kaufmann be­leuchtet die Polyzentrik des Christentums in der Perspektive der lutherischen Orthodoxie des 17./18. Jh.s, wobei er deren kaum be­achtetes Interesse an der nicht-westlichen Christenheit hervorhebt.
In Teil II.1, »Transkontinentale, regionale und interkonfessio-nelle Fallstudien«, beleuchten die Beiträge von Sebastian Kim und Kyo Seong Ahn die Entstehung des koreanischen Katholizismus im 18. Jh. und seine missionarische Ausstrahlung am Anfang des 20. Jh.s und der von Kirsteen Kim die Entwicklung des Protestantismus nach der Befreiung von 1945.
Ahn hebt auf das Dreiselbstprinzip und die Selbstevangelisation ab und beschreibt die Ausstrahlung des koreanischen Katholizismus ab Mitte des 19. Jh.s in die Mandschurei, nach China, Japan, Russland, nach Hawaii, in die USA und Mexiko. Kim beleuchtet die phänomenale Entwicklung des koreanischen Protestantismus im 20. Jh. und seine enorme missionarische Ausstrahlung in weite Teile der Welt mit 20.000 Missionaren, womit Korea zahlenmäßig direkt hinter der US-Mission liegt. Man kann die Rolle des Christentums in Korea nur vor dem Hintergrund des Kampfes für Religionsfreiheit ge gen die konfuzianische, japanische und kommunistische Hegemonie verstehen.
In Teil II.2 werden asiatisch-christliche Netzwerke vorgestellt. Pe­ter Tze Ming NG geht auf die Rolle der aus dem Ausland, besonders aus den USA, zurückgekehrten chinesischen Studenten und auf den Beitrag des CVJM bei der Einwurzelung des Christentums in China ein, Peter C. Phan auf die Anfänge des Katholizismus in Vietnam und seine positive Entwicklung nach dem Sieg der Kommunisten trotz deren Gegenmaßnahmen wie umfangreichen Enteignungen. Daniel Jeyaraj schildert den schwierigen Prozess der Bildung einer nationalen Identität und des Aufbaus christlicher Kirchen in dem Gemisch von Völkern und Religionen, in dem indigene Bevölkerungsteile neben Engländern lebten und als Indentured Laborers ins Land gekommenen chinesischen Kulis. Er geht dabei auf die besondere Rolle zweier indischer Christen bei der Herausbildung einer guayanischen Identität ein, nämlich der von Henry Valentine Peter Bronkhorst (1826–1895) und Joseph Ruhomon (1873–1942). Beide Männer sind ein Beispiel für transkontinentales Christentum im 19. Jh.
Reinhard Wendt skizziert in Teil II.3 die katholische Kirchengeschichte der Philippinen und deren Verbindung mit Japan am Beispiel von Lorenzo Ruiz, der 450 Jahre nach seinem Märtyrertod im japanischen Nagasaki im Jahr 1987 als erster Filipino heiliggesprochen wurde. Bei der Christianisierung erhielt der Katholizismus ein philippinisches Gesicht, wobei die Verehrung von Ruiz eine wichtige Rolle spielte. Adrian Hermann schildert die Entstehung der bedeutendsten Rom-unabhängigen Kirche Asiens (Iglesia Filipina Independiente) Anfang des 20. Jh.s, bei der der einheimische Klerus eine wesentliche Rolle spielte, die früh mit anderen unabhängigen katholischen Kirchen in Goa, Ceylon und Indien in Verbindung stand, »ein wichtiger Aspekt der entstehenden indigen-christlichen öffentlichen Sphäre in der polyzentrischen Geschichte des globalen Christentums.« Hermann Hiery beleuchtet die Mission in der pazifischen Inselwelt, in der Mitte des 20. Jh.s schon weit über 1000 Missionare Pazifikinsulaner aus den gerade christianisierten Inselregionen waren, die in überwiegendem Maße den Erstkontakt mit den nichtchristianisierten Inselbewohnern herstellten, so dass die Christianisierung nach deren eigenen Vorstellungen und Erwartungen erfolgte.
In Teil II.4 »Afrika und der Schwarze Atlantik« widmet sich David D. Daniel dem Wirken kongolesischer und angolanischer Christen auf dem amerikanischen Kontinent des 17. und 18. Jh.s, das zu einer kreolischen atlantischen Kultur geführt hat – einer Mischung aus afrikanischen, europäischen und amerindischen Einflüssen –, die auch Ableger in Zentralafrika entwickelte. Von Kongolesen mit Unterstützung der Jesuiten ge­gründete und geleitete Bruderschaften spielten eine herausragende Rolle in Brasilien. Gegen den Willen der Sklavenhalter, die die Evan­gelisierung versklavter Afrikaner zu verhindern suchten, kam es im britischen Nordamerika in den 1740er Jahren zur ersten Massen-bekehrung afrikanischer Sklaven zum Katholizismus und zum Protestantismus.
Frieder Ludwig, Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg, widmet sich der Entstehung von transatlantischen und transafrikanischen Netzwerken der westafrikanischen Presse vor dem Hintergrund der Niederlage der italienischen Aggressoren 1896 in Abessinien in einer Zeit, in der das übrige Afrika von europäischen Nationen kolonisiert wurde. Kirche und später Presse waren wichtig für die Entwicklung des afrikanischen Nationalismus. Dabei war Edward Wilmot Blyden eine Schlüsselfigur des westafrikanischen Journalismus und des Netzwerkes mit Afro-Amerikanern und African Caribbeans und auch dem Blick nach Asien. Andreas Heuser nimmt die Diversifizierung der afrikanischen Christenheit seit Beginn des 20. Jh.s ausgehend von Südafrika in den Blick, und zwar ausgehend von der Zulu-Zeitung Ilanga lase Natal (Die Sonne von Natal), die sich afrikanischer Politik, unabhängigen afrikanischen Kirchenführern und der Bandbreite christlicher Traditionen, einschließlich des Pfingstchristentums, widmete. Eine Schlüsselfigur ist in diesem Zusammenhang die charismatische Gestalt von Ezra Mbonambi mit seinem Engagement für afrikanische Pfingstkirchen. Lize Kriel untersucht die Rolle der Frauen als Evangelisatoren in den Kirchen Transvaals im Vergleich mit anderen südlicheren Gemeinden.
In Teil II.5, »Das christliche Europa im globalen Kontext«, untersucht Markus Friedrich in seinem Beitrag »Katholische Mission in protestantischer Deutung. Heidenbekehrung als interkonfessionelles Thema des frühen 18. Jh.s«. Er weist darauf hin, dass »die päpstlichen Bemühungen um Heidenbekeh­rung« seit dem 17. Jh. bei aller Kritik – katholische Tyrannei über fremde Völker – auch eine »erhebliche Prägekraft für die missionsbezogene Neuakzentuierung protestantischer Missionskultur« erlangten, so dass man von einer »interkonfessionellen Inspiration« sprechen kann.
Paolo Aranha, Stipendiat an der Universität München, widmet sich in seinem Referat über »Frühen asiatischen Katholizismus und europäischen Kolonialismus …« dem Verhältnis von Evangelisierung und Kolonialismus. Bei aller Problematik dieser Beziehung stellt er fest, dass die Mission im portugiesischen Goa im Allgemeinen nicht im Kontext von Zwang und moralischem Druck erfolgte. Afe Adogame widmet sich dem Phänomen, dass sich Kirchen aus Afrika, Asien und Lateinamerika in zunehmendem Maße der Mission in Europa widmen. Dies sei ein Ausdruck des Aufstiegs des globalen Südens zu einem neuen Schwerpunkt der Weltchristenheit. Tim Lorentzen stellt »Beobachtungen zu polyzentrischen Strukturen der Bonhoeffer-Rezeption« als »Geschenk ökumenischer Bruderschaft« vor. Er hebt u. a. hervor, dass die Bonhoeffer-Ehrungen, die in den 1990er und 2000er Jahren in Pommern und in seiner Heimatstadt Breslau stattfanden, einen wichtigen Beitrag zur neueren Aussöhnung darstellten. Die ungewöhnliche weltweite Popularität Bonhoeffers sei das Ergebnis polyzentrischer Dynamik. Seine Rezeption war u. a. im Kontext der südafrikanischen Anti-Apartheid-Bewegung und der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung bemerkenswert.
Im Teil II.6. werden »Varianten orthodoxer Mission und Ausbreitung« erörtert.
Andreas Müller, Universität Kiel, schildert die russisch-orthodoxe Mission in Japan, die in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s mit Unterstützung russischer Regierungskreise begonnen und ab 1945 zunächst unter dem Ost-West-Konflikt gelitten hat. Karl Pinggéra schildert die missionarische Ausbreitung des koptischen Christentums im subsaharischen Afrika, die heute 400.000 Menschen mit 30 Priestern und 500 Diakonen in Independent Churches erfasst hat. Die Gemeinsamkeit dieser Kirchen liegt in der »Suche nach einem nicht-kolonialen, authentisch afrikanischen Christentum«. Ciprian Burlacioiu beschreibt die African Orthodox Church als transkontinentale Bewegung in den 1920er und 1930er Jahren: »Von einer ›imaginierten‹ zur ›realen‹ Orthodoxie«. Die AOC entstand 1921 in New York im Umfeld der gesellschaftlich-politischen Emanzipation der Farbigen im Zusammenhang mit der Universal Negro Improvement Association. Die AOC breitete sich ohne eine geplante Mission durch die Initiative afrikanischer Aktivisten bald in unterschiedlichen Regionen Afrikas aus, und zwar ausgehend von Südafrika und Südrhodesien bis nach Ostafrika. »Die Betonung der Schrift als ausreichenden Kriteriums des Glaubens« und die Bedeutung ihres Studiums bilden ein genuin protestantisches Element. Die Aufnahme der Verbindung mit der östlichen Orthodoxie durch die Aufnahme von Beziehungen zum Patriarchat von Alexandria verdeutlicht die Entwicklung quer zu den konfessionellen Klassifikationen.
Den Abschluss bilden Beiträge in Teil III, »Kommentare, Impulse« (377–456) von Hartmut Lehmann, Martin Wallraff, Wolfgang Lienemann, Joy Ann McDougall, Klaus Hock, Markus Wriedt und Kurzkommentare sowie Retrospektiven und Perspektiven von Klaus Koschorke.
Lateinamerika, der mit über 500 Millionen Gläubigen größte christliche Raum, ist abgesehen von der Karibik weitgehend ausgespart. Dabei stellt z. B. die weitgehend autochthone Herausbildung der Pfingstkirchen in Chile ab 1910 im Schoße des Methodismus und in Brasilien fast gleichzeitig im Schoße presbyterianischer und baptistischer Gemeinden ein wichtiges Phänomen dar. Die größte Pfingstkirche der Welt, die Assembleias de Deus no Brasil, hat längst auf andere Kontinente übergegriffen, genau wie die 1977 entstandene neupfingstlerische Igreja Universal do Reino de Deus (IURD), die in den USA, Portugal und zahlreichen anderen Staaten Fuß gefasst hat.