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Ausgabe:

November/2015

Spalte:

1324–1325

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Wrogemann, Henning

Titel/Untertitel:

Missionstheologien der Gegenwart. Globale Entwicklungen, kontextuelle Profile und ökumenische Herausforderungen.

Verlag:

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2013. 488 S. u. 8 S. Abb. = Lehrbuch Interkulturelle Theologie/Mis-sionswissenschaft, 2. Kart. EUR 29,99. ISBN 978-3-579-08142-7.

Rezensent:

Rudolf von Sinner

Der Wuppertaler Missions- und Religionswissenschaftler Henning Wrogemann hat nun den 2. Band seines Lehrbuchs Interkulturelle Theologie/Missionswissenschaft vorgelegt, der – wie schon der 1. Band – recht umfangreich ist. Nach dem stärker grundlegend-theoretischen und programmatischen 1. Band geht es hier um einen Überblick über Missionstheologien der Gegenwart. Die verschiedenen Tendenzen werden jeweils ihrem Selbstverständnis angemessen dargestellt, gefolgt von Würdigung und Kritik. Dabei hat W. keine Berührungsängste gegenüber evangelikalen und pfingstbewegten An­sätzen und wird genau so dem breiten Feld weltweiten Christentums am besten gerecht. Wiederum wird breit Literatur rezipiert, verarbeitet und nachgewiesen (441–466). Als Manko ist mir lediglich das große Werk zur Konversion aufgefallen, das 2012 von Christine und Wolfgang Lienemann herausgegeben, hier aber nicht aufgenommen worden ist. 15 Abbildungen (zwischen 256 und 257) zeigen etwas vom Reichtum der Begegnungen mit Christen auf den Philippinen, in Pakistan, Indonesien und Tanzania, auf die im Text verwiesen wird.
Gemäß dem Vorwort geht es W. darum, »zu zeigen, dass ›Mission‹ in globaler und interkultureller Perspektive innerchristlich oft ganz andere Geltungsansprüche und Ausdrucksformen aufweist, als gemeinhin gedacht« (13). Missionstheologien sind dabei nicht nur durch eine bestimmte »christliche Sozialkonfiguration« ge­prägt, sondern auch durch den jeweiligen Kontext, der dann je nachdem stärker die Aspekte der Versöhnung, Heilung, des Dialogs oder des Kampfes für Gerechtigkeit und Befreiung ins Zentrum rückt. Theologisch sollen Begründungsmuster und Zielvisionen sowie deren praktische Umsetzung sichtbar werden, die mit »neutestamentlichen Begründungen für die christliche Sendung« und »mit konkurrierenden Missionsverständnissen anderer christ-licher Akteure ins Gespräch zu bringen« (14) sind. W. will »im Blick auf interkulturell-ökumenische Beziehungen einen Beitrag [leis­ten], die Fragen nach christlicher Gemeinsamkeit inmitten kultureller Pluriformität offen zu halten. Es geht dabei auch um Prozesse christlicher Selbstverständigung im Horizont interkontinentaler Konstellationen« (15). Trotz der immensen Vielgestaltigkeit der Mission und ihrer Theologien soll nicht allein bei fragmentarischen Skizzen stehengeblieben werden, sondern eine wenn auch »tastende Gesamtschau« (25) versucht werden. Hier scheint mir ein Nerv interkultureller Theologie getroffen zu sein, der oft viel zu wenig hervorgehoben wird: die notwendige Verständigung über die Katholizität des weltweiten Christentums, die in die Systema-tische Theologie hineinreicht.
Das Buch hat insgesamt fünf Teile und 30 Kapitel. In der Einleitung (17–46, zwei Kapitel) wird unter Bezug auf eine Begegnung in Pakistan und ein Bild in Indien (Abb. 1), bei denen es um Jesu bzw. des Christen Zusammensein mit ansonsten als unberührbar geltenden Menschen geht, herausgestrichen, dass Mission »in der leiblichen Zeichensprache gesehen wird, […] im Mitleben mit den Menschen«; es geht um »das Erfahren einer leiblichen Präsenz, die wohltuend wirkt, aufrichtet, Würde gibt, Fragen auslöst« (20). Zu Worte kommen soll die Vielfalt von Mission und ihrer Theologien, womit vorgefasste Begriffe in Frage gestellt und neu zu definieren sind. W. geht es letztlich um eine im deutschen Kontext relevante Mis-sionstheologie, die jedoch »interkulturell anschlussfähig« ist (23). Mission wird dabei als »transformatives Geschehen« bezeichnet, dem »der Charakter der Offenheit« eignet, in der sich solches Ge­schehen »immer wieder selbst transzendiert« (28).
Der erste Teil (47–172, acht Kapitel) behandelt in chronologischer Abfolge missionstheologische Entwicklungen des 20. und 21. Jh.s, seit den Anfängen der Missionswissenschaft bei Gustav Warneck über alle bisherigen zwölf Weltmissionskonferenzen bis zur jüngsten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan/ Südkorea (2013), unter Diskussion der jeweiligen Missionskonzepte. Der zweite Teil (173–273, sechs Kapitel) behandelt konfessionelle und kontextuelle Profile, in denen römisch-katholische, orthodoxe, nordamerikanische, protestantische, anglikanische und pfingstbewegte Missionstheologien sowie Aufbrüche im globalen Süden zur Sprache kommen. Der dritte Teil (275–369, sieben Kapitel) geht auf Kontroversen in verschiedenen Kontexten und Kontinenten ein, die jeweils mit Fragezeichen versehen werden: »Mission und …?«, nämlich Reich Gottes (unter Verweis auf Jon Sobrino), Geld (als Theologie der Armen, aber auch der Reichen oder des Reichwerdens im Wohlstandsevangelium), »Power« (zwischen Macht und Ermächtigung), Dialog, Versöhnung, Gender- und Konversionsfragen. Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem deutschen Kontext (372–403, drei Kapitel), insofern es um die Wahrnehmung von Missionstheologien im Raum der Landeskirchen geht, um Regionalisierung und Ortsgemeinde, Glaubenskurse und Milieustudien. Über das Thema des Gemeindaufbaus findet hier eine Begegnung mit der Praktischen Theologie statt.
Der leider relativ kurze fünfte und letzte, programmatische Teil (405–440, vier Kapitel) nimmt bereits früher publizierte Ge­danken von W. (Den Glanz widerspiegeln, Frankfurt a. M. 2009) wieder auf und präsentiert Mission als oikoumenische Doxologie: »Die christliche Sendung gründet im Gotteslob, in dem die Kraft Gottes den Menschen leiblich erfahrbar wird«, und zwar »das Haus der gesamten Schöpfung – oikos – durchwirkend« (407), darum die dem Griechischen nähere Wortwahl. Wichtig ist hier die Verankerung der Motivation für die Mission im Kern des Glaubens, der in der Anbetung Gottes gründet, von wo er seine Kraft empfängt und wohin er sich ausrichtet. Mission ist dann nicht ein zusätzliches Erfordernis, sondern im Sein der Gläubigen und ihrer Gemeinschaft schon im-pliziert. Diese m. E. nicht nur für den deutschen Kontext relevante Missionsbegründung lässt eine globalisierte und von Migration gezeichnete Welt als »umgriffen durch die Mission des zutiefst menschen- und lebensfreundlichen Gottes« verstehen (439).
Missionstheologie tut gut daran, sich wie W. auf ihre geistliche Grundlage zu besinnen und sich nicht in Wachstumsstrategien oder rein ethisch-politischer Ausrichtung zu erschöpfen. Gerade hier wäre heute eine breitere Diskussion zu vollziehen – zur Motivation ebenso wie zur heute kontextuell und ökumenisch angemessenen Form von Mission. Man wartet mit Spannung auf den dritten und letzten Band der Reihe.