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Ausgabe:

November/2015

Spalte:

1320–1321

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Massow, Valentin von

Titel/Untertitel:

Die Eroberung von Nordtogo 1896–1899. Tagebücher und Briefe. Hrsg. u. eingel. v. P. Sebald.

Verlag:

Bremen: Edition Falkenberg 2014. 864 S. m. Ktn. u. Abb. = Cognoscere Historias, 21. Geb. EUR 84,00. ISBN 978-3-95494-042-4.

Rezensent:

Jobst Reller

Der Herausgeber, ausgewiesener Fachmann der deutschen Kolonialgeschichte in Togo, hat eine glänzende Edition der u. a. im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt Abteilung Wernigerode erhalten gebliebenen Tagebücher und Briefe des Kommandanten der der zivilen deutschen Kolonialverwaltung unterstellten Polizeitruppe Valentin von Massow (3.11.1864–23.7.1899) aus den Jahren 1896–1899 vorgelegt. An dieser Stelle ist das Bemühen des Herausgebers der Reihe »Cognoscere Historias« Ulrich van der Heyden beson-ders anzuerkennen, durch die Edition von biographischen Tex-ten aus Archiven die Kenntnis der deutschen Missions- oder Kolonialgeschichte von den Quellen her zu fördern, wenn dies naturgemäß auch nur aus einseitiger, eurozentrierter Sicht sein kann.
Ein Mentalitätsgeschichtler wird in Sebalds Edition die Auslassung der entsprechenden Texte über Vorgeschichte und Reise be­dauern. Leider ist auch das Register nur in Auswahl gefertigt, so dass viele Namenseinträge im Text fehlen. Der Ethnologe oder Religionswissenschaftler findet eine Fülle in­teressanter Beobachtungen von Massows zu sozialer Struktur, Kultur und Religion der einheimischen Völker und der Afrikahis­toriker kann exemplarisch die Entstehung einer Kolonialgrenze (zwischen von Deutschland und Frankreich beanspruchtem Gebiet) nachvollziehen.
Auch der Missionshistoriker findet zwischen den Zeilen Interessantes. Die protestantische Mission gilt dem bildungsbürgerlich evangelisch aufgewachsenen von Massow generell wenig. Mit Gott verbindet er fatalistisch anmutend eine höhere, immer wieder floskelhaft angeführte negativ theologisch bestimmte Instanz, die nicht Adresse von Schuldbekenntnissen für sein eigenes, als verpfuscht empfundenes und darum in Kolonialdiensten stehendes Leben wird. An der Küste gebe es Missionen und Gottesdienste, im Inland nichts (613). Besonders vor Augen ist ihm die »wesleyanische« oder methodistische Mission in Sebe und Klein Popo, vertreten durch einen alle Erwartungen an einen Seelsorger enttäuschenden einheimischen Geistlichen bzw. die Missionarsehepaare Ulrich und Schneider (62.79.348: »Die Ansprache […] gänzlich in­haltslos«; 355.359 f.: der für ein Ehepaar mangelhafte und keinesfalls ausreichende Missionarslohn; 365: der langweilige Vortrag von Missionar Osswald). Am 11.7.1897 heißt es über die norddeutschen Missionarsehepaare Osswald und Seule bzw. Ulrich: »Wenn man bedenkt, mit was für Leuten man gezwungen ist, hier zu verkehren und zu dinieren, man glaubt es kaum« (373). Handel und Mission gehen am offensten einher in der Basler Mission: Von Massow be­merkt am 3.5.1896 die Ankunft von Missionskaufmann Goetze und Frau wie die von Missionar Zelweger und Frau auf ihrer Station in Accra (43), aber auch das Nebeneinander von bremischer Kaufmannsfaktorei Vietor und norddeutscher oder Bremer Mis sion in Lome (58.79.95). Deutsche Geistliche petitionierten im Reichstag gegen die sogenannte »Branntwein Post« und verkauften doch selbst unter der Hand Branntwein (80). Es ist insofern nicht verwunderlich, dass die Mission in von Massows Vision einer wirklich lebensfähigen deutschen Ksolonie Togo keinerlei Rolle spielt (228). Als es um die Anlage einer Missionsstation im Inland in Kratschi geht, verlangt die Regierung 1898 von Missionar Martin aus Anum als Bedingung für eine offizielle Förderung, dass eine der dort ge­läufigen Sprachen Ewe oder Haussa zugrunde gelegt wird, und nicht das im englischen Hinterland gebräuchliche Tschi (630). Die katholische Mission ist nicht nur wegen ihrer von von Massow als würdiger empfundenen Gottesdienste, ihrer Mitgliederstärke, sondern auch wegen ihrer straff organisierten, Deutsch und Englisch lehrenden Schulen und europäischen sowie einheimischen Geistlichen beeindruckender (65.80.83 ff.). Die als sehr berühmt geltende Bremer Mission in Lome hingegen weigerte sich, in ihrer Schule auch Deutsch zu unterrichten, sie lehrte lieber das für den Handel nützlichere Englisch (79). Allerdings kann von Massow am 8.6.1897, als er mit seiner Polizeikapelle die Choräle im sehr feierlichen Pfingstgottesdienst der norddeutschen Mission in Lome be­gleitet, die dortige Schule wegen ihrer Leistungen und praktischen Anlage auch loben (361).
Der einzige protestantische Missionar, der Lob erfährt, wenn er auch als etwas fanatisch gilt, ist der am 22.4.1897 in Lome getroffene, nicht mit Namen genannte Generalpräses der norddeutschen Mission aus Ho: »Ein angenehmer Mann, dem man viel geistige Arbeit ansieht« (351). Das protestantisch-preußische Ressentiment gegenüber einem als »Jesuiten« bezeichneten, heim-tückisch herrschsüchtigen Präfekten Bücking (117.354 f.) ist allerdings auch schnell gefasst. Die auch familiär, vor der Abreise von einer Tante »Ida« noch gestärkten Erwartungen an die Kontakte mit den »heiligen Männern«, den Missionaren, seien bitter enttäuscht worden. Die Missionsberichte von vielen getauften Christen seien irreführend, die Männer »faule Tagediebe« und die Frauen »verwahrloste Frauenzimmer«. Die Mission, die zugegeben eine schwere Aufgabe habe, breite das Christentum allenfalls oberflächlich aus, der Fetischdienst bestehe weiter (79 f.).
Sebald ist geneigt, den Umstand, dass von Massow seine eigene Darstellung des Feldzuges gegen die Dagomba in den Briefen an Verwandte als nur ein Viertel so hart wie tatsächlich bewertet, da­hingehend zu verallgemeinern, dass es sich hier generell um »Terrorfeldzüge« gehandelt habe (29). Das vorgelegte Material lädt dazu ein, sich sorgfältige Urteile zu bilden – nicht nur zur Frage der Interaktion von kolonialer Herrschaft und Mission.