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Ausgabe:

Oktober/2015

Spalte:

1066–1068

Kategorie:

Religionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Stollberg-Rilinger, Barbara [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

»Als Mann und Frau schuf er sie«. Religion und Geschlecht.

Verlag:

Würzburg: Ergon-Verlag 2014. 298 S. = Religion und Politik, 7. Geb. EUR 44,00. ISBN 978-3-95650-011-4.

Rezensent:

Renate Jost

Der Band versammelt Beiträge einer öffentlichen Ringvorlesung. Sie wurde im Wintersemester 2011/12 vom Exzellenzcluster »Religion und Politik« in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne an der Universität Münster veranstaltet. Entsprechend dem Charakter einer Ringvorlesung kommen in diesem Band versammelte Beiträge der Vertreterinnen und Vertreter sehr unterschiedlicher Disziplinen und Perspektiven zu Wort. Die erste Hälfte des Bandes nehmen historische Beiträge ein.
Ann-Cathrin Harders arbeitet heraus, dass die römische Religion nicht im Sinne moderner Religion verstanden werden könne. Vielmehr sei sie ein System privater und öffentlicher Kulte, bei der die Geschlechterordnung durch die Kultpraxis gespiegelt und gestützt wurde. Dabei bildet der private Hauskult mit dem pater familias an der Spitze die Grundlage für seine Herrschaft im Haus ebenso wie seine Befähigung zu öffentlichen Ämtern. Das verheiratete Pries­terpaar, das für den öffentlichen Kult zuständig war, repräsentiert pars pro toto das Haus als kleinste Einheit der res publica. Vestalinnen stehen als liminaler Stand jenseits der Geschlechterdichotomie. Harders arbeitet darüber hinaus überzeugend heraus, in welcher Weise das Hollywood-Kino bis heute wirksame Vorstellungen vom dekadenten alten Rom repräsentiert von weiblichen Pries-terinnen gegenüber dem siegreichen jungen Christentum popularisiert.
Sita Steckel kann in ihrem Artikel »Perversion als Argument« aufzeigen, in welcher Weise die Herrschaft des Papsttums sich auf die Verknüpfung von Keuschheit, Heiligkeit und Macht stützte und sexuelle Reinheit als Grundlage für den Herrschaftsanspruch der Kleriker gegenüber den Laien galt. Von Sexualität wurde geredet, wenn Macht und Herrschaft gemeint wurde, um die etablierte Herrschaft zu verteidigen bzw. anzugreifen. Wurde einerseits ge­gen religiöse Minderheiten (z. B. Urchristen, Katharer, Alaviten) der Vorwurf erhoben, gegen die Geschlechterordnung zu verstoßen, so vertreten gerade »häretische« Glaubensgemeinschaften strenge Sexualnormen.
Eva Schlotheuber widmet sich den weiblichen Orden. Die Reformen des 11. Jh.s drängten den Einfluss der Laien in der Kirche zurück und schlossen den Einfluss geistlicher Frauen auf das kirchliche Leben immer mehr aus. Darüber hinaus wirkten die gelehrten Disziplinen, kanonisches Recht und Theologie eine Hierarchisierung und zugleich Vermännlichung der Kirche. Im Gegenzug zur Ausgrenzung von männlichen und weiblichen Laien formierte sich eine Laienfrömmigkeit, die auf Körperverachtung, heilige Ar­mut und Imitat zu Christus setzte. Mit der Abschaffung von Zölibat und Priesterweihe in der reformatorischen Bewegung wurde die Ehe zum einzig gottgefälligen Stand und die sexuelle Askese verweltlicht.
Manuel Borutta macht deutlich, dass im 19. Jh. vor allem die ka­tholische Religion zunehmend verweiblicht wurde. Zwar war der Klerus noch exklusiv männlich, doch wurde Frömmigkeit weiblich konnotiert. Das Verhältnis von Vaterstaat und Mutterkirche wurde in dem Verhältnis zwischen Mann und Frau parallelisiert. Religiosität wurde für Frau und Kind in Unterschichten akzeptiert. Der Unglaube der bürgerlichen Männer konnte mit der häuslichen Frömmigkeit ihrer Frauen koexistieren. Den ehelosen Klerikern wurde Heuchelei und Verführbarkeit durch Frauen unterstellt.
Werner Freitag zeigt auf, dass im Münsterland im 19. Jh. durch die Kontrolle des protestantisch-preußischen Staates die katho-lische Mehrheitskirche massiv verändert wurde. Für Frauen eröffneten sich neue Handlungschancen im karitativen Bereich und in semi-religiösen Lebensformen. Allerdings blieben sie von den Herrschaftsstrukturen ausgeschlossen. Aus historischer Perspek-tive sei es deswegen nicht überraschend, dass fundamentalistische Richtungen in Christentum, Judentum und Islam die Rückkehr stren­ger patriarchalischer Geschlechternormen propagieren. Gleichstellung sexueller Orientierung steht als Symbol für das, was diese Gruppen in der Moderne beunruhigt.
Christina von Braun beschreibt in ihrem Beitrag »Fundamentalismus und Geschlecht« die generelle Spiegelbildlichkeit von Religion und Geschlechterordnung, d. h. die Parallelität des Verhältnisses Gott – Mensch und Mann – Frau, das sich in den drei monotheistischen Buchreligionen jeweils anders darstellt.
In den beiden juristischen Beiträgen geht es um Normkonflikte und Grenzen der Religionsfreiheit in säkularen staatlichen bzw. suprastaatlichen Rechtsordnungen. Sowohl Bijan Fateh-Moghadam als auch Titia Loenen machen deutlich, ob in prominenten Fällen wie dem Burka- bzw. dem Kopftuchverbot tatsächlich ein Konflikt zwischen der Religionsfreiheit und dem Verbot der Geschlechterdiskriminierung vorliegt. Beide bestreiten die Unterstellung, dass das Tragen des islamischen Kopftuches tatsächlich ein eindeutiges Symbol patriarchalischer Unterdrückung sei. Gerade die Kriminalisierung der Verschleierung habe Tendenzen bei jungen Muslimen verstärkt, den Schleier als Zeichen religiöser Selbstbestimmung und Protest gegen sexuelle Verfügbarkeit zu verstehen. Häufig werden Kopftuch und Burka auch im Sinne eines Widerstandsverbotes selbst angelegt.
Der Beitrag von Khola Maryam Hübsch zeigt auf, welche Me­dieninszenierungen eine reduktionistische Deutung des Schleiers als Symbol islamischer Frauenfeindlichkeit hervorbringen kann. Sie kommt zu dem Schluss, dass auf diese Weise Stereotype von der muslimischen Frau als Gewaltopfer oder Haremsphantasien verstärkt werden und zudem die Gleichsetzung von islamischer Religion mit Frauenunterdrückung dazu diene, bestehende Ge­schlechtsasymmetrien in christlichen Gesellschaften zu verschleiern.
Die aus Frankfurt stammende Rabbinerin Elisa Klapbeck rekonstruiert Argumente, die die Rabbinerin Regina Jonas (1902–1944) schon in den 1930er Jahren gegen den Ausschluss von Frauen vom jüdischen Lehramt vorgebracht hat.
Marianne Heimbach-Steins demonstriert, in welchem Ausmaße das kirchliche Lehramt dem Genderkonzept mit Misstrauen begegnet und weist darauf hin, in welcher Weise durch naturalistische Essentialisierungen, Verkürzungen und Verzerrungen patriarchale geprägte Lehrtraditionen entstanden sind. Sie endet mit einer Theologie, die offen ist für die kulturelle Konstruiertheit und historische Veränderlichkeit der Geschlechternormen.
Khola Maryam Hübsch für den Islam, Elisa Klapbeck für das Judentum und Marianne Heimbach-Steins für den Katholizismus lassen deutlich werden, dass durch die alternative Auslegung, Kontextualisierung und Historisierung der kanonischen Schriften die Substanz des Glaubens neu erfasst werden kann und in diesen Auslegungstraditionen die Aussagen der Offenbarungsschriften mit den historisch veränderten Geschlechternormen vereinbart werden können.
Die Beiträge des Bandes machen überzeugend deutlich, dass Konflikte um religiöse Identitäten und gesellschaftliche Hierarchien anhand des Geschlechterverhältnisses ausgetragen wurden und ausgetragen werden können. In der christlichen Mehrheits-gesellschaft haben jedoch die religiösen und traditionellen Ge­schlechternormen ihre Bindungskraft verloren. Wie die Herausgeberin Barbara Stollberg-Rilinger selbst kritisch feststellt, bleibt offen, inwiefern »Religion und Geschlechterverhältnis substanziell miteinander verbunden sind und inwiefern der massive historische Wandel der Geschlechterverhältnisse die Substanz eines religiösen Sinnsystems unbeschadet lässt«.
Die Beiträge lassen erkennen, in welch unterschiedlicher Weise im Exzellenzcluster »Religion und Politik« der Westfälischen Wilhelms-Universität am Thema gearbeitet und geforscht wird. Wünschenswert wäre eine Einbeziehung einer protestantischen Perspektive gewesen. Je nach Interessenlage der Lesenden – vor allem auf historischem und interreligiösen Gebiet – sind die Einzelbeiträge und Forschungsergebnisse sicherlich lohnend. Die Gesamtschau lässt die Vielschichtigkeit und Differenziertheit der inzwischen erfolgten Forschungen auf diesem Gebiet erkennen.