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Ausgabe:

Juli/August/2014

Spalte:

873–875

Kategorie:

Altes Testament

Autor/Hrsg.:

Kaiser, Otto

Titel/Untertitel:

Der eine Gott Israels und die Mächte der Welt. Der Weg Gottes im Alten Testament vom Herrn seines Volkes zum Herrn der ganzen Welt.

Verlag:

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2013. 524 S. = Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments, 249. Geb. EUR 120,00. ISBN 978-3-525-53602-5.

Rezensent:

Konrad Schmid

Mit diesem umfangreichen Werk legt Otto Kaiser »die Summa [s]einer exegetischen Lebensarbeit« (524) vor. Es war zunächst als Neuarbeitung des 2003 erschienen dritten Bandes seiner Theologie des Alten Testaments mit dem Untertitel »Jahwes Gerechtigkeit« konzipiert, erwies sich K. dann aber im Laufe der Arbeit mehr und mehr als umfassende Darstellung der Geschichte Gottes im Alten Testament, wie er sich »als einziger Gott nomadisierender Völkerschaften im Südosten Palästinas« (5) zum Weltenherrscher entwi-ckelte, so dass er das gesamte Buch unter diesem Gesichtspunkt neu gestaltete.
Es umfasst 19 Kapitel, deren übergreifender Aufbau einen »Mittelweg zwischen einer geschichtlichen und einer religionsphänomenologischen« (523) Darstellung beschreitet. Die Herkunft des Werks aus einer Theologie des Alten Testaments macht dabei auch deutlich, dass die thematischen Schwerpunkte der alttestamentlichen Literatur selbst nicht immer zwingend mit denjenigen ihrer theologischen Auswertung, namentlich in christlicher Perspektive, deckungsgleich sein müssen. Die Großabschnitte des Buches lassen sich thematisch wie folgt gruppieren: Die ersten vier Kapitel be­schreiben die Wandlung der Wahrnehmung Gottes von den Anfängen der Geschichte Israels bis zum Untergang des Perserreiches (17–35: »1. Der eine Gott Israels und die fremden Götter in vorexilischer Zeit«, 36–47: »2. Jahwe, der Reichsgott Israels als Wächter der Menschlichkeit und Gerechtigkeit: Die Völkersprüche des Propheten Amos [1,3–2,16]«, 48–72: »3. Jahwes Weg mit Israel durch das Gericht zum Heil«, 73–94: »4. Der König von Babylon als Vollzieher des Gerichts und als Feind Jahwes«). In diesen Kapiteln werden vor allem prophetische Texte, besonders aus Amos, Jesaja und Jeremia, für die Darstellung herangezogen und besprochen.
Darauf folgen zwei Kapitel, die die Bundestheologie und das Recht behandeln (95–116: »5. Die Vordere Sinaiperikope, das Deuteronomium und die alttestamentliche Bundestheologie«, 117–134: »6. Das Recht Jahwes«). Nur hier wird prominent pentateuchisches Textgut diskutiert.
Die Kapitel 7 bis 10 thematisieren die Königs- und Messiasthematik des Alten Testaments (135–150: »7. Die Begründung des Königtums Jahwes. Vom Sieg Jahwes über das Meer zum Sieg über den Völkersturm gegen den Zion«, 151–172: »8. Die Vollendung des Königtums Jahwes. Seine Herrschaft über die Völker«, 173–229: »9. Der Gesalbte Jahwes«, 230–240: »10. Das Problem des leidenden Messias im Alten Testament«).
Kapitel 11 bis 15 lassen sich unter dem ehemaligen Untertitel des dritten Bandes der Theologie des Alten Testaments K.s, »Gottes Gerechtigkeit«, zusammenfassen, die Kapitel 13, 14 und 15 sind mit der Behandlung je eines Buchs, Hiob, Kohelet und Jesus Sirach, textlich stark fokussiert (241–263: »11. Kollektive Schuld und individuelle Verantwortung«, 264–274: »12. Das gesegnete Leben der Frommen und das verfluchte der Frevler«, 275–300: »13. Der Fall Hiob oder das Problem des unschuldigen Leidens«, 301–316: »14. Kohelet oder das vergängliche Glück als Gabe Gottes«, 317–343: »Jesus Sirach oder das Bündnis zwischen Gesetz und Weisheit«).
In Kapitel 16 und 17 werden die Themenkreise um Sünde, Tod, Gericht, Auferstehung und ewiges Leben angesprochen (344–370: »16. Von des Menschen Verantwortung, Sünde und Tod und Gottes Macht zu vergeben«, 371–406: »17. Vom jüngsten Gericht und ewigen Leben«), wobei hier bis auf die Henochüberlieferung sowie Paulus ausgegriffen wird.
Kapitel 18 (407–431: »18. Der eine Gott und die Götter der Welt«) kehrt zum eigentlichen Thema des Buches gemäß seinem jetzigen Titel zurück und zeichnet die Entstehung des biblischen Monotheismus nach, und Kapitel 19 (432–456: »19. Rückblick und Ausblick«) zieht eine theologische Summe aus der gebotenen Darstellung, die auch systematisch-theologische Überlegungen miteinschließt.
K.s Darstellung zeichnet sich durch folgende Grundelemente und -entscheidungen aus: Zunächst zieht er oft altorientalisches Vergleichsmaterial zur Profilierung der alttestamentlichen Texte heran, um so die Verankerung in, aber auch die Unterschiedenheit des Alten Testaments zu seiner Umwelt aufzuzeigen. Besonders hervorzuheben ist (jedenfalls aus protestantischer Perspektive) der Einschluss von Werken wie Jesus Sirach, Sapientia Salomonis oder den Henochbüchern, die erheblich zu den theologiegeschichtlichen Diskursen des antiken Judentums beitragen. Weiter wird durchwegs deutlich, wie stark K. bestrebt ist, die Präsentation seiner Argumentation textnah, besonders durch die ausgiebige Zitierung alttestamentlicher Schlüsseltexte, zu gestalten. Schließlich merkt man der Darstellung ihre theologische Sachbezogenheit an: K. interpretiert die Texte des Alten Testaments nicht nur als histo rische Artefakte, sondern als Stimmen in einem ebenso breit wie tief ausgestalteten theologischen Diskurs, der sich um Gottes Macht und Gerechtigkeit dreht.
Dem Werk ist einerseits anzusehen, dass sich K. in seinem bisherigen akademischen Schaffen sowohl einleitungswissenschaftlich wie auch theologisch intensiv mit dem gesamten Alten Testament befasst hat, auch wenn sich seine spezifischen Arbeitsschwerpunkte, etwa Jesaja oder die Weisheitsschriften, deutlich als besondere Kompetenzbereiche abzeichnen. Das Ergebnis rundet die mehr als ein halbes Jahrhundert umspannende Lebensarbeit K.s am Alten Testament ab und erschließt sein theologisches Denken auf eindrückliche Weise.