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Ausgabe:

Mai/2014

Spalte:

589-591

Kategorie:

Kirchengeschichte: 20. Jahrhundert, Zeitgeschichte

Autor/Hrsg.:

[Härter, Ilse]

Titel/Untertitel:

Auf Gegenkurs. Eine Fest- und Dankesschrift zum 100. Geburtstag von Pfarrerin Dr. h.c. Ilse Härter für ihr kritisches Engagement in Kirche und Gesellschaft, die Gleichberechtigung der Frauen im Pfarramt, ihr ökumenisches Wirken, für Freundschaft und Partnerschaft. Hrsg. v. H. Ludwig.

Verlag:

Berlin: Logos 2011. 210 S. m. 1 Porträt u. Abb. Kart. EUR 19,90. ISBN 978-3-8325-3043-3.

Rezensent:

Tabea Esch

Eine Frau »von vorgestern« ist Ilse Härter, und das ist keineswegs despektierlich gemeint. Jürgen Ebachs Feststellung, dass es »[u]m Leben und Welt zu verstehen […] des Vorgestern und des Vorvorgestern« bedarf, d. h. jener »Erfahrungen der vielen Generationen vor uns«, macht ein Werk über einen Menschen wie Ilse Härter aktueller denn je. Aktuell deshalb, weil es vermeiden hilft, »das, was gestern so war und heute ist, für das zu halten, was ›immer schon‹ so war« (J. Ebach, Schriftstücke, Biblische Miniaturen, 18). Diese Feststellung entspricht auch der Sicht Härters, wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird.
»Auf Gegenkurs« – diesen Titel trägt die zu besprechende Fest- und Dankesschrift zum 100. Geburtstag der Pfarrerin und Lehrerin, Wissenschaftlerin und Autorin. Menschenfreundin mag man ergänzen, denn ihr Kurs gegen bestimmte Strukturen und institutionalisierte Gegebenheiten war nie starr und programmatisch; er resultierte immer aus einem Eintreten für die Freiheit, Gleichberechtigung und Sicherung der Rechte benachteiligter Menschen und Menschengruppen.
1912 in Asperden bei Goch am Niederrhein geboren, waren Ilse Härters erste Erinnerungen Kriegserinnerungen, die ihre pazifistische Grundhaltung begründet haben. Die Lektüre von Hitlers »Mein Kampf« 1933 führte zum Ende jener politischen Indifferenz, die sie sich selbst für ihre Jugendzeit bescheinigte. Eine dreifache Frontstellung kristallisierte sich während der Zeit des Nationalsozialismus und des in ihm stattfindenden Kirchenkampfes heraus: gegen jene Ideologie des sogenannten »Dritten Reichs«, gegen die Staatskirche der Deutschen Christen und gegen patriarchale Tendenzen in der Bekennenden Kirche, deren Mitglied sie seit 1934 war. Die Bekennende Kirche, zu der sie stets auch ein kritisch-korrektives Verhältnis lebte, lag ihr am Herzen, ebenso die Barmer Theologische Erklärung, ohne die sie »nicht im kirchlichen Dienst geblieben« (49) wäre. Ihre Erlebnisse mit den von den Nationalsozialisten praktizierten, restriktiven kirchenpolitischen Maßnahmen, nicht zuletzt die Art und Weise, wie ihr Lehrer Karl Barth Opfer dieser Restriktionen wurde, sowie die kirchenpolitischen Maßgaben »von gestern« der eigenen rheinischen Kirche, die auch ihre berufliche Laufbahn betrafen, ließen Ilse Härter keine andere Möglichkeit, als auf Gegenkurs zu gehen. Die Verweigerung der Einsegnung, die ihr als »illegaler« weil der Bekennenden Kirche angehörenden Vikarin anstelle einer Ordination zugedacht war, sowie ihr – forderndes, nicht bittendes – Eintreten für eine ordentliche Ordination und Anerkennung als gleichberechtigte Theologin sind nur zwei Schlaglichter von »vorgestern«, die deutlich machen, was dieser Einsatz für das »heute« von Theologinnen und Pfarrerinnen austrägt. 1943 wurde sie als zweite Frau neben Hannelotte Reiffen vom damaligen Berliner Landesbischof Kurt Scharf ordiniert.
Auch die Verweigerung des Eides auf Adolf Hitler – entgegen der Empfehlung der rheinischen Kirche – sowie ihr Engagement für verfolgte Juden, Fremdarbeiter oder die Angehörigen des 20. Julis zeigt, wie konsequent Härter ihre Erkenntnis, es gebe keine unpolitische Theologie, praktisch umsetzte.
Nach dem Krieg verlagerte sich ihre Arbeit auf den Schuldienst. In Leverkusen und Wuppertal-Elberfeld war sie als Schul- und Berufsschulpfarrerin bis zu ihrem Ruhestand 1972 tätig. Es waren die kritischen Themen jener unmittelbar vergangenen Zeit, die sie im Unterricht ohne Umschweife thematisierte: die Judenfrage, Diskriminierung und Verfolgung, »Euthanasie« und Grenzen des Gehorsams gegenüber der Obrigkeit, um nur einige zu nennen. Stets lenkte sie dabei den Blick der ihr Anbefohlenen »in die Weite der Weltkirche« (47) und zugleich zurück in die unmittelbare Vergangenheit, gegen das Vergessen. Auch pflegte sie viele internationale und ökumenische Kontakte in jenen Jahren.
Nach ihrer Pensionierung widmete sie sich der Aufarbeitung jener Erfahrungen »von gestern« durch Veröffentlichungen, Vortrags- und Lehrtätigkeiten und vor allem durch zahlreiche Kontakte, die sie bis zuletzt akribisch und intensiv pflegte. Noch 2005, im Alter von 94 Jahren, arbeitete sie an einem »Lexikon früher evangelischer Theologinnen« mit, für das sie knapp 100 biographische Skizzen verfasste. 2006 wurde ihr von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal die Ehrendoktorwürde verliehen, die sie nicht zuletzt deshalb annahm, weil sich dadurch in ihren Augen auch ein Ab­stand der Hochschule von »fragwürdigen sogenannten biblischen Exegesen der Vergangenheit« (62) ausdrückt; von »vorgestern«, so könnte man es auch sagen. Die Erinnerung an das, was vergangen ist, als kritisches Korrektiv für die Gegenwart nutzbar zu machen, war Ilse Härter eines von vielen Anliegen.
Die Fest- und Dankesschrift ist in fünf Kapitel unterteilt. Nach den Grußworten (I.) und zwei bisher unveröffentlichten Vorträgen von Härter (II.) widmet sich ein weiteres Kapitel der Feier ihrer Ehrenpromotion (III.). Die Schwerpunkte bilden die Kapitel IV. »Erlebte und erforschte Kirchengeschichte« und V. »Begegnungen«. Diese beiden Kapitel beinhalten Aufsätze und Briefe von Personen, die Ilse Härter in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und zu unterschiedlichen Zeiten begegnet sind – so auch solche des Herausgebers Hartmut Ludwig, der Härter im Mai 1981 kennenlernte. Die Texte verhaften persönliche Erfahrungen und Erinnerungen der Verfasserinnen und Verfasser an Ilse Härter im jeweils zeitgeschichtlichem Kontext, wobei ein beeindruckender Zeitraum von über 70 Jahren beschrieben wird. Wie die Jahresringe bei einem Baumstamm konzentrieren sich diese Beiträge um die Person Ilse Härter und lassen so und nicht zuletzt durch einige Fotos ein lebendiges Bild einer 100-jährigen Frau entstehen. Dass es wie beim Zählen der Ringe eines Baumes von »vorgestern« schon mal an­strengend wird, die Reihenfolge einzuhalten, weil sich dann doch einiges wiederholt, ist dieser Form der Fest- und Dankesschrift geschuldet, die es vielen Menschen ermöglichen wollte, Ilse Härter und ihr Lebenswerk zu würdigen. Wie gut, dass eine Frau von »vorgestern« dadurch heute noch so gegenwärtig ist.