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Ausgabe:

Januar/2014

Spalte:

115–116

Kategorie:

Praktische Theologie

Autor/Hrsg.:

Franke, Heiko, u. Manfred Kießig

Titel/Untertitel:

Wo der Glaube wohnt. Das Wesen und die Sendung der Kirche.

Verlag:

Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013. 136 S. = Theologie für die Gemeinde, I/3. Kart. EUR 9,90. ISBN 978-3-374-03185-6.

Rezensent:

Christian Grethlein

Neben dem angegebenen Titel in dieser Rezension besprochen:

Härle, Wilfried: Warum Gott?Für Menschen, die mehr wissen wollen. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013. 312 S. = Theologie für die Gemeinde, I/1. Kart. EUR 14,80. ISBN 978-3-374-03143-6.
Schneider-Flume, Gunda: Wenig niedriger als Gott? Biblische Lehre vom Menschen. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013. 112 S. = Theologie für die Gemeinde, I/2. Kart. EUR 9,90. ISBN 978-3-374-03182-5.
Naumann, Bettina: Heilige Orte und heilige Zeiten?Kirchenräume und Kirchenjahr. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013. 120 S. = Theologie für die Gemeinde, III/1. Kart. EUR 9,90. ISBN 978-3-374-03149-8.
Grabner, Wolf-Jürgen: Auf Gottes Baustelle. Gemeinde leiten und entwickeln. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013. 136 S. = Theologie für die Gemeinde, V/1. Kart. EUR 9,90. ISBN 978-3-374-03186-3.
Ziemer, Jürgen: Andere im Blick. Diakonie, Seelsorge, Mission. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013. 128 S. = Theologie für die Gemeinde, V/3. Kart. EUR 9,90. ISBN 978-3-374-03148-1.


Die sechs Bände gehören zu einem auf 18 Bücher angelegten Projekt »Theologie für die Gemeinde«, das Heiko Franke und Wolfgang Ratzmann im Auftrag der Ehrenamtsakademie der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens herausgeben. Die Reihe will Gemeindegliedern und -mitarbeitern Bücher anbieten, »in denen Fachleute in kompakter Form und elementarisierender Sprache zu den wesentlichen Themen der Theologie Auskunft geben« (Edito­rial). Dabei eröffnen die drei im Folgenden zuerst besprochenen Bände unter der Gesamtüberschrift »Die Grundlagen kennen« die Reihe. Als weitere, je drei Bücher umfassende Rubriken sind vorge sehen: »Die Quellen verstehen«; »Gottesdienst feiern« (wozu der Band von Naumann gehört); »In der Welt glauben«; »Gemeinde gestalten« (die Bände von Grabner und Ziemer sind hier eingereiht); »Die Geschichte wahrnehmen«.
Wilfried Härle geht in acht Durchgängen jeweils von einer konkreten Situation aus und entfaltet von da aus die Thematik. Di­-daktisch geschickt führt er in zwei Kapiteln – »Wie kommen Menschen dazu, nach Gott zu fragen und von Gott zu reden?« und »Was meinen wir, wenn wir das Wort ›Gott‹ gebrauchen?« – in die Gottesfrage ein. Im Zentrum steht ein trinitarisches Gottesverständnis. Den Abschluss bilden Überlegungen zu »Gottes Wirken erleben« und »Was fehlt(e) unserem Leben ohne den Glauben an Gott?« Die je weiligen Ausführungen sind eine Fundgrube an dogma­tischem Wissen. Religionslehrer und -lehrerinnen in gymnasialen Oberstufen-Kursen werden sich über die jedem Kapitel beige­gebenen »Ergänzende[n] Texte« aus der Bibel, aus der Dogmen- und Theo­logiegeschichte sowie aus Philosophie und Literatur freuen. Insgesamt führt der Band werbend in den christlichen Gottesglauben ein. Fragen, die die Gottesvorstellungen anderer Religionen aufwerfen, aber auch politisch virulente Probleme wie die Verbindung von Gottesglauben und Gewalt werden nicht be­handelt.
Gundula Schneider-Flume entfaltet eine biblisch begründete und argumentierende Anthropologie. Geschickt macht sie ihre grundlegende Einsicht, dass Menschen in Gottes Geschichte wahrzunehmen sind, zum didaktischen Prinzip des Büchleins. So entfaltet sie zentrale theologisch-anthropologische Themen anschaulich durch steten Verweis auf biblische Geschichten. Der Leser/die Leserin bekommt so einen guten Einblick in biblischen Argumentationen und Einsichten. Die wesentlichen Bezugswissenschaften sind dabei Dogmatik und Philosophie. Der Preis für die so entwor fene Anthropologie ist, dass erfahrungswissenschaftliche Fragestellungen nur nebenbei und dann (leider) meist abgrenzend in den Blick kommen. Ein als Psychologin tätiges Gemeindeglied dürfte wohl kaum der pauschalen Rede von den »Vorstellungen der Psychologie« (z. B. 43) zustimmen. Auch bleiben Anfragen, die sich naturwissenschaftlich-technisch oder sozialwissenschaftlich ge­bildete Leser stellen, unbedacht.
Ähnliches ist bei dem von Heiko Frank und Manfred Kießig verfassten Band zur Kirche zu beobachten. Auch sie entfalten gut verständlich in mehreren Zugängen die Thematik. Dabei leitet – wie selbstverständlich – eine lutherische Auffassung die Darstellung. Die leider zahlreichen dunklen Episoden der Kirchengeschichte werden lediglich auf einer knappen Seite allgemein angedeutet. Der graphisch herausgestellte Satz: »Wer bedenkt, dass die Kirche unsere Mutter ist, wird sie trotz ihrer Schwächen lieben.« (52) kann in diesem Zusammenhang – zurückhaltend formuliert – nicht befriedigen. Lediglich im abschließenden Kapitel »Wohin geht die Kirche?« werden einige Anfragen und Probleme skizziert, die aus der »Postmoderne« folgen. Bis dahin werden wohl nicht wenige Zeitgenossen günstigstenfalls staunend die Ausführungen verfolgen. Einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt dürften sie wohl kaum entdecken, wenn ständig von »der Kirche« im Sinne eines handelnden Subjekts gesprochen wird.
Stark auf historische Informationen konzentrieren sich die Ausführungen von Bettina Naumann zu Kirchenraum und -jahr. Grundsätzliche Erwägungen wie etwa zu den Veränderungen des Raum- und Zeitempfindens in Folge elektronischer Kommunikation fehlen.
Auch Wolf-Jürgen Grabners Band zu Gemeindeleitung und -entwicklung klammert die Spannung zwischen kirchlicher Praxis und heutiger Lebenswelt aus. Elementarisierend führt der u. a. als Ge­meindeberater ausgewiesene Autor mit der Metapher der »Baustelle« in die Thematik ein. Die Stärke des Bandes liegt in den zahlreichen Tipps und Hinweisen für konkrete Situationen. Ein Gemeindeglied, das selbst in einem Wirtschaftsunternehmen oder einer Behörde Leitungsverantwortung hat, wird sich über manche direktive Äußerung wohl wundern. Dass die Fragen von Gemeindeleitung und -entwick­lung konzeptionell kontrovers diskutiert werden, wäre für solche Leser interessant, bleibt ihnen aber vorenthalten.
Schließlich unternimmt es Jürgen Ziemer, Diakonie, Seelsorge und Mission vorzustellen. Für die Seelsorge gelingt ihm das durch den Bezug auf anschauliche Beispiele und durch klare terminologische Hinweise vorzüglich. Dagegen bleibt vor allem das große Thema Diakonie eher abstrakt. Die Konzentration auf »Wertschätzung« als grundlegende Haltung diakonischen Handelns dürfte allgemeine Zustimmung finden.
So verdienen auf jeden Fall die Intention der Reihe und das Be­mühen um Verständlichkeit in den sechs bisher vorliegenden Bänden Anerkennung. Die methodische Aufbereitung ist – unterstützt durch ein anschauliches Layout – gut gelungen. Vielleicht unterschätzt aber die konzeptionell beabsichtigte Konzentration auf theologisches Wissen die Kompetenz mancher Gemeindeglieder, die in anderen Wissensgebieten zuhause sind. Heute allgemein diskutierte Herausforderungen wie die Präsenz anderer Religionen oder die Veränderungen der Kommunikationskultur bleiben weitgehend ausgeblendet. Ich vermute, dass eine »Theologie für die Gemeinde« heute nur noch im Dialog mit anderen Wissenschaften und Perspektiven möglich ist, die viele Gemeindeglieder mitbringen: also als »Theologie mit der Gemeinde«.