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Ausgabe:

November/2013

Spalte:

1295–1296

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Tamcke, Martin, u. Arthur Manukyan [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Herrnhuter in Kairo. Die Tagebücher 1769–1783.

Verlag:

Würzburg: Ergon 2012. XXIV, 462 S. = Orthodoxie, Orient und Europa, 5; Herrnhuter Quellen zu Ägypten, 1. Kart. EUR 59,00. ISBN 978-3-89913-922-8.

Rezensent:

Martin Lückhoff

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine sind eine herausragende pietistische Gruppierung in der Geschichte des deutschen Protestantismus des 18. Jh.s. Mit ihren vielfältigen und weltweiten Aktivitäten bilden sie einen reichhal­tigen Fundus für z.B. missionswissenschaftliche oder frömmigkeitsgeschichtliche Forschungen.
Standen in der bisherigen Forschung vor allem die missionarischen Aktivitäten der Brüdergemeine (»Heidenmission«) und die Theologie Zinzendorfs im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses, so blieb die ökumenische Interaktion des Grafen und seiner Mitarbeiter mit den Orthodoxen und Orientalischen Chris­ten ein Desiderat. Zu dieser ökumenischen Interaktion gehören Herrnhuter Kontakte zu den Christen Ägyptens in den Jahren 1750 bis 1783, insbesondere in Kairo. Nach einem ersten kurzen Aufenthalt in Ägypten im Jahre 1750 waren die Herrnhuter Brüder ungeachtet einiger Unterbrechungen ab 1752 mit einer Kolonie in Kairo ansässig. Sie pflegten Kontakte zu Kopten, theologische und seelsorgerliche Gespräche fanden statt. In den 1770er Jahren erweiterten die Herrnhuter ihre Aktivitäten nach Oberägypten, bis die ägyptischen Stationen nach einem Synodalbeschluss der Brüdergemeine im Jahr 1782 aufgehoben wurde.
Mit der Veröffentlichung des Diariums der Jahre 1769–1783 ge­lingt erstmalig ein qualifizierter und differenzierter Einblick in die Arbeitsweise und Abläufe der Kairoer Station. Mit ihm legen Martin Tamcke und Arthur Manukyan den ersten Band eines Projektes »Edition der Quellen zu Ägypten der Herrnhuter Brüderunität« vor. Tamcke ist in Göttingen Lehrstuhlinhaber für Ökumenische Theologie unter besonderer Berücksichtigung der orientalischen Kirchen- und Missionsgeschichte. Manukyan ist Mitarbeiter am Lehrstuhl und wurde mit einer Arbeit zum Wirken der Herrnhuter in Ägypten promoviert, seine Arbeit ist in der gleichen Reihe erschienen. Beide Herausgeber veröffentlichten bereits 2009 und 2010 gemeinsam Sammelbände mit Konferenzberichten, nun liegt die erste Quellenedition vor. Sie ist zugleich auch die erste Veröffentlichung eines DFG-Editionsprojektes, dessen Ziel die Erfassung der handschriftlichen Quellen im Archiv der Brüderunität in Herrnhut ist. Weitere Teilbände sollen folgen, internationale Workshops begleiten das Projekt.
Die Edition enthält zwei unterschiedliche, voneinander ge­trenn­te Apparate: einen mit textkritischen Anmerkungen am je­weiligen Seitenende sowie einen Sprach- und Sachkommentar in Fußnotenform am Ende des Werkes. Die knappen textkritischen Anmerkungen enthalten Hinweise z. B. auf Doppelschreibung, Korrekturen bei der Datierung und semantische Verschiebungen. Im Text vorkommende Personen oder geographische Namen werden gelegentlich im Sprach- und Sachkommentar identifiziert. Vereinzelt erfolgt in den Fußnoten der Nachweis von Zitaten oder biblischen Bezügen. Eine Bezugnahme auf Sekundärliteratur er­folgt punktuell. Auf die Erläuterung von Begriffen und Ereignissen wurde weitestgehend verzichtet. Die Eigennamen scheinen der Vorlage entsprechend wiedergegeben, Unterstreichungen wurden beibehalten, Abkürzungen aufgelöst und offensichtliche Schreibfehler stillschweigend korrigiert. Entsprechend wurde auch bei der Transkription arabischer Orts- und Personennamen verfahren.
Das Diarium ist in Aufbau und Inhalt stark formalisiert, anders als bei einem Tagebuch finden sich persönliche Einschätzungen oder Kommentierungen der Brüder eher selten. Angelegt auf seine Verwendung in den Gemeinschaftsstunden in Herrnhut und an anderen Orten, bleibt die Wahrnehmung Kairos durch die religiöse, theologische und kulturelle Perspektive der Verfasser bestimmt.
Gelegentlich wünschte man sich bei der editorischen Arbeit etwas weniger Zurückhaltung in der konfessionskundlichen, theologiegeschichtlichen oder historischen Kommentierung des Textes. Nicht jede im Diarium erwähnte Person oder die darin vorgenommene Bezugnahme auf historische oder theologiegeschicht­liche Kontexte erschließt sich aus dem Text. Misslich ist das Fehlen eines Registers, mit dem Orts- oder Personennamen gezielt nachgeschlagen werden könnten.
Die Mischung aus Herrnhuter Frömmigkeit, neuen Erfahrungen in einer klimatisch, ethnisch und religiös unbekannten Umgebung und neugieriger Offenheit, mit der die Brüder Kontakt zu ihrer Umwelt aufnehmen, macht das Diarium zu einer lohnenden Quelle. Die Herausgeber tragen mit ihrer Veröffentlichung zur Erforschung der bislang wenig beachteten europäisch-ägyptischen Beziehungen im 18. Jh. bei. Mit diesem Band leisten sie daher einen wichtigen Beitrag zu den vielfältigen Beziehungen zwischen Orient und Europa, koptischem Christentum und Protestantismus. Der vorliegende Quellenband bildet einen wichtigen »Baustein«, der im Zusammenhang mit weiteren Publikationen seine ganze Tragkraft entfaltet.