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Ausgabe:

November/2013

Spalte:

1293–1295

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Heyden, Ulrich van der, u. Andreas Feldtkeller [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Missionsgeschichte als Geschichte der Globalisierung von Wissen. Transkulturelle Wissensaneignung und -vermittlung durch christliche Missionare in Afrika und Asien im 17., 18. und 19. Jahrhundert.

Verlag:

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012. 456 S. = Missionsgeschichtliches Archiv, 19. Kart. EUR 66,00. ISBN 978-3-515-10196-7.

Rezensent:

Heinrich Balz

Die Herausgeber dieses Tagungsbandes mit 34 Einzelbeiträgen konnten sich nicht entschließen, die im Übrigen sehr lesenswerten Studien thematisch, chronologisch oder geographisch zu ordnen; so erscheinen sie, ohne weitere Kennzeichnung, dem Alphabet der Verfassernamen folgend. Das mag wissenschaftlich zu verteidigen sein – leserfreundlich ist es nicht. Jede zusammenhängende Lektüre des Bandes wird versuchen, die fehlende Ordnung irgendwie herzustellen. Prinzipien der Klassifizierung wären zu benennen: Beiträge, die sich als Fallstudien gar nicht mit dem Gesamtthema der Tagung in Beziehung setzen; andere, die dies sekundär tun, und solche, die sich grundsätzlich mit Wissenstransfer und Globalisierung befassen. Am offenkundigsten aber ist die räumlich geographische Zugehörigkeit der Beiträge: Die Hälfte handelt von Afrika und den deutschen Missionen dort. Asien, vorrangig Indien, ist Gegenstand von sieben Beiträgen, der Pazifik von drei. Die verbleibenden gehen anderen Einzelthemen nach oder behandeln den globalen Wissenstransfer übergreifend.
Die größte Konzentration von Beiträgen, vier von Afrikanern und drei von Deutschen, behandeln die christliche Mission unter den Ewe im heutigen Togo. J. K. Adja würdigt den Einsatz der katholischen Missionare in Atakpame gegen die Übergriffe der deutschen Kolonialbeamten. R. Habermas weist auf, wie ein Skandal in Atakpame indirekt ein Forschungsprojekt zum Recht der Eingeborenen in Gang brachte. R. Alsheimer würdigt, grundsätzlich missionskritisch, die wissenschaftliche Leistung der Missionare B. Schlegel, D. Westermann und J. Spieth. K. Azamede zeichnet die Rolle alten und neuen Wunderglaubens in der Christianisierungsgeschichte der Ewe nach. P. Sebald kontrastiert das Missionsschulwesen mit dem Desinteresse an Bildung seitens der deutschen Kolonialbehörde. A. P. Oloukpona-Yinnon gibt ein Porträt des früh über der Spracharbeit verstorbenen Missionars B. Schlegel; D. Yigbe geht grundsätzlicher auf die Probleme missionarischen Bibelübersetzens ein.
Sechs Beiträge, sämtlich von Weißen geschrieben, geben in Fallstudien Einblicke in die Missionsgeschichte Südafrikas. Zu erwähnen ist der Aufsatz von J. Reller, der die Heroisierung von Missionaren in einem Zulu-Preislied nachzeichnet. Weitere geschichtliche Beiträge handeln von der Mission in Zimbabwe und im Kongo, vom Einfluss der Mission auf die Diversifizierung der Landwirtschaft in Tanzania und vom Werk der Weißen Väter. – Schwerpunkt der Beiträge über Asien ist Indien, dort besonders die Gossner-Mission im Nordosten unter verschiedenen Blickpunkten. Andere Beiträge un­tersuchen kritisch die publizistische Heimatarbeit der Missionen und die Edinburgher Weltmissionskonferenz 1910.
Es bleiben einige Beiträge übrig, die das angezeigte Thema des Bandes und der Berliner Tagung 2010, jeweils von Konkretem ausgehend, grundsätzlicher reflektieren und weiterführen. C. von Collani stellt den Wissensaustausch zwischen Europa und China durch die Jesuitenmission im 16. und 17. Jh. vor als einen der seltenen Fälle, wo »two different cultures met as equal partners who were both open minded enough to receive and give something«: Bücher über die neu empfangenen Erkenntnisse wurden sowohl in China als auch in Europa geschrieben; Geographie und Kartographie kamen nach China, aber neue Einsichten zur Astronomie und zum Kalender kamen von dort nach Europa; Gelehrte beider Seiten formten übergreifende Netzwerke. – Doch diese Form der Kulturbegegnung, die schon von Leibniz gefeiert wurde, war die Ausnahme, nicht die Regel. Die war eher, wie K. Koschorke aufweist, dass indigene christliche Eliten in Asien und Afrika sich als weltweit vernetzt erkannten und dass zuerst die Missionare, dann die neuen Eliten im 19. und beginnenden 20. Jh. die neuen Möglichkeiten des Drucks und der Presse nutzten, um in die Heimat und weltweit Verbindungen aufzunehmen. Asiaten und Afrikaner ermutigten sich gegenseitig in ihrem Aufbruch. So verbreitete sich der afrikanische Äthiopismus der missionsunabhängigen Kirchen, und so kam es auch zur »Transkontinentalen Kirchengründung durch Zeitungslektüre«, nämlich der African Orthodox Church, deren Geschichte in dem Band durch einen eigenen Beitrag von C. Burlacioiu vertreten ist.
Den Missionaren als Akteuren des Wissenstransfers wendet sich mit ethnologisch-wissenssoziologischem Blick J. G. Nagel zu: Sie sind sämtlich Autodidakten ohne akademische Ausbildung und in ihrer Fragestellung nach »Heidentum« und Religion vorgeprägt, aber darum in ihrer beobachtenden und sammelnden Tätigkeit für die Wissenschaft von Völkern und Religionen, die gewöhnlich erst nach den Missionaren kommt, unersetzbar. Auf sprachlich Überliefertes, das ihnen schnell zu »Texten« wird, sind sie besser eingestellt als auf die Beschreibung von Ritualen. Zur modern ethnologischen »teilnehmenden Beobachtung« an Festen und Ritualen sind sie in ihrer Feldforschung gewöhnlich nicht vorgedrungen, eben weil sie sich als Missionare solche Teilnahme verboten haben. Nur ausnahmsweise sind deutsche Missionare – wie D. Westermann und Pater W. Schmidt – später in die akademische Kar-riere umgestiegen; für die anderen bedeutenden, wie J. Spieth oder B. Gutmann, blieb die Forschung »Nebenbeschäftigung«.
Einen herausgehobenen, besonderen Fall stellt die Erforschung der Religion der australischen aborigines dar, der sich W. Ustorf mit skeptischer, fast ironischer Aufmerksamkeit neuerlich zuwendet. Ohne die Australier sind die Religionstheorien von Durkheim, Freud und Eliade nicht vorzustellen, und sie alle waren angewiesen auf die Forschungen der Missionare, besonders auf die, die der Missionar C. Strehlow und später sein Sohn Th. Strehlow schriftlich niedergelegten. Ob bei den Aranta ein alter Monotheismus angenommen werden kann oder nicht, bleibt strittig bis heute. Die ge­genwärtigen Aranta verbinden nach Ustorf ihre lutherische Kirchlichkeit mit vielen Elementen der alten Religion. Aber mehr als sie beschäftigen ihn die geistigen Abenteuer, Wandlungen und Aporien von Strehlow Vater und Sohn. Das lässt sich verstehend nachfühlen, führt aber die Erkenntnis der transkulturellen Wissensaneignung nicht weiter.
Abschließend wird man mit den Herausgebern urteilen: Der Globalisierung von Wissen durch die christlichen Missionare, allem, was durch sie in den letzten vier Jahrhunderten in die außereuro­päische Welt hinausging, kommt ein erhebliches Gewicht zu. Nur auf die koloniale Administration beschränkt, ohne die Mission, ihre Sprach- und Schularbeit, sähe die Welt wohl anders aus, wenn man sich dies vorzustellen versuchte. Die Erkenntnis, dass die Missionare, wie immer man ihr aktives Eingreifen in fremde Kulturen und Religionen beurteilt, ihrerseits, zusammen mit ihren meist ungenannten einheimischen Mitarbeitern, Erhebliches in den Thesaurus westlicher Wissenschaft eingebracht haben, ist ebenso unabweisbar. Es bleibt gleichwohl die Frage, wie weit beide Aspekte den Gesamttitel des Bandes »Missionsgeschichte als Geschichte der Globalisierung von Wissen« rechtfertigen. Im engen und strengen Sinn tun sie es wohl nicht: Wissenstransfer in beiden Richtungen ist der Missionsgeschichte natürlich und notwendig, aber er ist nicht ausreichend, um sie durch ein »als« zu beschreiben. In Begriffen der analytischen Philosophie gesprochen: Wissenstransfer gehört zum Verhalten der Mission mehr als zu ihrem intentionalen Handeln. Dessen Ergebnisse, die nichtwestlichen Kirchen, sind wichtiger, und sie sind die eigentliche Geschichte der Mission.