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Ausgabe:

September/2013

Spalte:

933–934

Kategorie:

Bibelwissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bartelmus, Rüdiger

Titel/Untertitel:

Theologische Klangrede – Musikalische Resonanzen auf biblische Texte. Studien zu Werken von J. S. Bach, J. Brahms, G. F. Händel, F. Mendelssohn-Bartholdy und E. Pepping sowie zu Textdichtungen von Ch. Jennens, T. Morell und J. Schubring.

Verlag:

Berlin u. a.: LIT Verlag 2012. 312 S. = Ästhetik – Theologie – Liturgik, 56. Kart. EUR 39,90. ISBN 978-3-643-11765-6.

Rezensent:

Stefan Berg

Rüdiger Bartelmus, emeritierter Professor für Altes Testament in Kiel, hegt seit Langem ein intensives Interesse an »der musikalischen Rezeption und Umsetzung musikalischer Gedanken« (VIII). Schon 1998 publizierte er im Pano-Verlag (Zürich) einen acht Beiträge umfassenden Band unter oben genanntem Titel; dieser liegt nun, um zwei Aufsätze und anderes Material ergänzt, in zweiter Auflage bei LIT vor und wird nun erstmals in der ThLZ besprochen.
Den Schwerpunkt bilden Analysen zu Oratorien, deren Libretti auf alttestamentliche Überlieferungen zurückgreifen, insbesondere Werke Händels: Jephta (Anmerkungen zu Händels musikalisch-theologischer Deutung einer ›entlegenen‹ alttestamentlichen Tradition, 65–86), Belshazzar (Von der Redaktionsgeschichte zur Rezeptionsgeschichte. Überlegungen zu einem Teilaspekt biblischer Hermeneutik, 135–199), Israel in Ägypten (Beobachtungen zum biblisch-historischen bzw. musikalisch-theologischen Konzept, 201–209) sowie Saul (Eine späte musikalisch-dramatische Rehabilitation der Figur des Saul, 245–267), daneben auch Mendelssohns Elias (Eine Prophetengestalt und ihre musikalisch-theologische Deutung, 89–111). Der alttestamentliche Fokus bleibt bestehen in den Beiträgen J. S. Bach als Interpret des Alten Testaments (zur Motette BWV 228; 45–63) sowie Die David-Psalmen in der Musikgeschichte (269–296). Hinzu kommen weitere Texte: Theologische Erkenntnis und musikalischer Vollzug (zu Motetten von Brahms und Pepping, 211–221), Das Requiem und die ›hebraica veritas‹ (223–242) und – sicher bewusst an den Anfang gesetzt – Die Matthäuspassion J. S. Bachs als Symbol (1–43), wobei ›Symbol‹ hier vor allem als ›Bekenntnis‹ zu lesen ist.
In den einzelnen Beiträgen geht es dem Vf. nicht zuletzt um rezeptionsgeschichtliche Prozesse: dass etwa in den genannten Oratorien eine produktive Arbeit mit biblischer Überlieferung vorliegt, würdig der Wertschätzung durch die Theologie. Es ist ganz unverkennbar ein Exeget, der dabei zu Werke geht: Geschult an alttestamentlichem Material arbeitet er eng an den Vokaltexten und fragt mit Vorliebe nach deren kompositorisch-redaktioneller Genese. Un­ter diesem methodischen Zugriff vermag B. bemerkenswerte Beobachtungen zu machen: etwa dass Händel und sein Librettist Jennens »den moralisierenden deuteronomistischen Passagen der Saul-Überlieferung […] so gut wie keine Bedeutung beigemessen«, sondern diese »schlicht übergangen« und »mit sicherem Gespür für die hinter den Saul-David-Erzählungen stehenden geschichtlichen Gegebenheiten wie auch für publikumswirksame dramatische Elemente eine […] sachgerechte Auswahl aus den Texten getroffen« (248) haben. Auf diesem Weg wird vorgeführt, dass sich ein Librettist so weit in den biblischen Text vertiefen musste, dass man von quasi-exegetischer Arbeit sprechen könnte.
Seine starke Fokussierung verleiht dem Band ein prägnantes Profil, schafft aber auch blinde Flecken. So kommt beispielsweise die überaus interessante Rezeption biblischer Texte in der Musik etwa des 20. Jh.s nicht in den Blick – abgesehen vom hier ganz und gar nicht repräsentativen E. Pepping. Von Werken etwa Schönbergs aus hätte man noch einmal andere, weniger wortlautgetreue Aspekte der Rezeption (etwa Brechung und Verfremdung) einfangen können. Aufs Ganze gesehen hätte zudem dem spezifisch Mu­sikalischen der besprochenen Resonanzen mehr Gewicht verliehen werden dürfen. Im Vorwort wird Musik wohl nicht ganz zufällig als ›Beifügung‹ zu und ›Begleitung‹ (VII) von wortsprachlichen Texten bezeichnet.
Für diejenigen, die sich speziell für die musikalische Rezeption biblischer Texte im 18. und 19. Jh. interessieren, hält der Band eine Fülle wertvoller Beobachtungen und Einsichten bereit. Die Lesenden müssen sich dabei jedoch mit einem insbesondere in den Notenbeispielen und Texttabellen teils recht dürftigen Druckbild sowie dem Fehlen von erschließenden Registern arrangieren. Und wenn in einer Fußnote von Blumenbergs »neue[m] Buch ›Matthäuspassion‹« (6) die Rede ist, so wird bewusst, dass man einen Band in Händen hält, der in vielen Details dem Forschungsstand der 1990er Jahre entspricht.