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Ausgabe:

November/2012

Spalte:

1208–1209

Kategorie:

Kirchengeschichte: Reformationszeit

Autor/Hrsg.:

Meckelnborg, Christina, u. Anne-Beate Riecke

Titel/Untertitel:

Georg Spalatins Chronik der Sachsen und Thüringer. Ein historiographisches Großprojekt der Frühen Neuzeit.

Verlag:

Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2011. 726 S. m. Abb. u. Tab. 22,8 x 15,5 cm = Schriften des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar, 4. Geb. EUR 64,90. ISBN 978-3-412-20112-8.

Rezensent:

Konrad Hammann

Der sächsische Kurfürst Friedrich III. (1463–1525), genannt der Weise, erteilte 1510 Georg Spalatin (1484–1545) den Auftrag, die Ge­schichte des kurfürstlich-sächsischen Hauses von den Anfängen der Sachsen, Thüringer und Meißner bis zur Gegenwart darzustellen. Spalatin, der seit 1509 im Dienst des Kurfürsten stand, erfüllte diese Aufgabe nach den notwendigen Vorarbeiten hauptsächlich 1515–1517. Das Ergebnis seiner historiographischen Bemühungen, die Chronik der Sachsen und Thüringer, legte er in vier Großfoliobänden vor, die in ihrer prächtigen Ausstattung und mit rund 1800 Illustrationen aus der Werkstatt Lucas Cranachs den Anspruch des kurfürstlich-sächsischen Herrscherhauses auf eine repräsentative Darstellung seiner eigenen Geschichte dokumentieren sollten. Spalatin vergegenwärtigte diese Geschichte in genealogischer Form als Aneinanderreihung der Porträts von etwa 200 Personen, deren Herkunft, Stellung und Lebensgeschichte er jeweils be­schreibt. Allerdings reicht die Chronik nicht ganz in die Gegenwart des Autors; die sächsischen Kurfürsten aus dem Hause Wettin werden nicht mehr behandelt.
Drei schon 1516/17 mit schönen Einbänden versehene Handschriftenbände dieser Chronik befinden sich heute in der Landesbibliothek Coburg. Einen weiteren, erst 1681 gebundenen Band, in dem Lagenblöcke aus verschiedenen Teilen der Chronik zusam­men­gestellt sind, bewahrt das Thüringische Hauptstaatsarchiv Weimar auf. In der Forschung hat das Werk Spalatins bisher kaum Beachtung gefunden. Allerdings als Bilderhandschrift zog die Chronik kunstgeschichtliches Interesse auf sich. Ansonsten bezogen sich lediglich Willy Flach in einem 1939 publizierten Aufsatz »Georg Spalatin als Geschicht[s]schreiber« und Irmgard Höß in ihrer verdienstvollen Biographie des Beraters, Sekretärs, Archivars und Historiographen Friedrichs des Weisen sowie des Förderers Luthers (1959; 19892) auf die Chronik.
Von daher ist es zu begrüßen, dass die Autorinnen Christina Meckelnborg (Os­nabrück) und Anne-Beate Riecke (Trier) in einer gelungenen Ge­meinschaftsarbeit die Chronik Spalatins erstmals umfassend wissenschaftlich untersucht haben. (Zur Aufteilung der einzelnen Kapitel des Buches auf die beiden Autorinnen vgl. 16.) Meckelnborg und Riecke präsentieren die reichen Ergebnisse ihrer kodikologischen Forschungen in sieben organisch aufgebauten Kapiteln. Kurzen Hinweisen zum wechselnden Sprachgebrauch bezüglich des Titels der Chronik in Kapitel 1 (17–22) folgen wichtige Mitteilungen zur Entstehung des Werks. Die ersten Pläne zu demselben reichen noch in die Zeit des Hofgeschichtsschreibers Adam von Fulda zurück. Freilich realisierte erst Spalatin das Projekt nach umfangreichen Vorarbeiten, zu denen außer der Sammlung und Sichtung des Materials noch weitere annalistische Unternehmungen Spalatins sowie seine Korrespondenz mit verschiedenen Humanisten gehörten. Die Arbeit an der 1515–1517 verfassten Chronik nahm Spalatin später, von 1526 bis 1528, wieder auf, ohne das ganze Werk freilich abschließen zu können (Kapitel 2, 23–99).
Im folgenden Abschnitt rekonstruieren die Autorinnen die Herstellung der Chronikhandschriften. Dank ihrer kodikologischen Kompetenzen können sie u. a. anhand der Wasserzeichen das für die Chronik verwendete Papier identifizieren und datieren, desgleichen auch das Papier, auf dem Spalatin seine Materialien festhielt. Minutiöse Untersuchungen ergeben, dass die Reinschrift der Chronik bereits ab 1515 erfolgte. Als Schreiber der Handschriften machen die Verfasserinnen den Priester Hermann Behm, der sich auch als Schreiber für Kurfürst Friedrich III. betätigte, und den Kanzlisten Georg Lauterbach wahrscheinlich. Die weiteren, buch- und handschriftengeschichtlich durchweg instruktiven Informationen des 3. Kapitels beziehen sich auf die Lagen und die Einbände der Chronikhandschriften, den großen Wappenstempel auf den Vorderdeckeln und die übrigen Einzel- und Rollenstempel (101–188).
Das 4. Kapitel gewährt Einblick in die bewegte Geschichte der Chronikhandschriften von ihrer Fertigstellung bis zur Gegenwart (189–249). Als Abschluss der eigentlichen Untersuchungen des Bu­ches geben die Kapitel 5–7 akribische Beschreibungen der Chronikhandschriften, der Materialbände und Bücherlisten aus dem Nachlass Spalatins sowie späterer Abschriften seiner Chronik wie auch der für sie zusammengestellten Materialbände (251–324).
Der Anhang, der etwa die Hälfte des Buches ausmacht (325–645), bietet mancherlei nützliches Material, Inhaltsübersichten der Chronikbände, Beschreibungen der von Spalatin 1513 angefertigten Personentabelle und seiner Kleinen Chronik der Sachsen und Thüringer (um 1513/14). Regestenartig werden hier auch die diversen Materialbände Spalatins sowie die Quellen- und Bücherverzeichnisse vorgestellt. Ein eigenes Kapitel ist den späteren Ab­schriften der Chronik gewidmet, in zwei weiteren Kapiteln sind Tabellen zu Personen, Inhalten und Quellen sowie graphische Darstellungen des Lagenaufbaus der Chronikhandschriften zu finden. Hilfreich für den Leser dürfte der erneute Abdruck des erwähnten Aufsatzes von Willy Flach sein; er ist von Volker Wahl aktualisiert und mit einer editorischen Nachbemerkung versehen worden.
Dem mustergültig erarbeiteten Buch sind etliche Hilfen zur Er­schließung beigegeben (647–726): ein Abkürzungsverzeichnis, ein Literaturverzeichnis sowie drei Indizes (Personen, Orte und Sachen; Quellen; Bücherverzeichnisse und Repertorien). Die 33 Schwarz-Weiß-Abbildungen und die 20 farbigen Tafeln vermitteln einen an­schaulichen Eindruck von den aufwändig gebundenen und durchgängig illustrierten Handschriften. Die Qualität der sorgfältig ausgewählten Abbildungen ist durchweg ausgezeichnet. So sind mit dem vorliegenden Band die besten Voraussetzungen ge­schaffen, um Spalatins Chronik im Besonderen und seine Rolle als Hofhistoriograph im Allgemeinen, gerade auch hinsichtlich der ihn leitenden historiographischen Grundsätze, weiter zu erforschen. Dabei dürf te der Frage, ob und inwieweit sich die humanistische Prägung Spalatins in seiner Chronik der Sachsen und Thüringer niedergeschlagen hat, besondere Aufmerksamkeit zu widmen sein.