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Ausgabe:

Januar/2012

Spalte:

119–120

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Wagner, Reinhold

Titel/Untertitel:

Protestantisch-westliche Mission und syrisch-orthodoxe Kirche in Kerala. Von den Anfängen bis 1840.

Verlag:

Wiesbaden: Harrassowitz 2011. V, 197 S. 24,0 x 17,0 cm = Göttinger Orientforschungen. I. Reihe: Syriaca, 39. Kart. EUR 46,00. ISBN 978-3-447-06427-9.

Rezensent:

Martin Tamcke

Seit Jahren hat sich die Erforschung der indischen Kirchengeschichte massiv intensiviert. Neue Darstellungen zur gesamten Geschichte des Christentums in Indien lösten die klassischen – wie die von Richter und Neill – ab. Immer noch wenig erforscht aber ist die Interaktion zwischen der bereits in Indien gewachsenen Chris­tenheit und den im Gefolge der Kolonialmächte eintreffenden Missionen. Auch da hat sich in den vergangenen Jahren umfangreiches Quellenmaterial gefunden, das großenteils noch seiner wissenschaftlichen Auswertung harrt.
Mitten in diese Betriebsamkeit hinein kam der Hinweis, dass es schon vor Jahrzehnten eine Dissertation in Heidelberg gegeben habe (bei Gensichen angefertigt, der selbst leidenschaftlich dem Feld der Indienmission verbunden war), die gerade die Anfänge dieser Interaktion zwischen protestantisch-westlicher Mission und syrisch-orthodoxer Kirche aufgearbeitet habe. Auch wenn die Quellenbasis heute eine breitere ist, dürfte die Arbeit immer noch wesentliche Aspekte für eine Gesamtübersicht zu dieser Interaktion bieten.
Freilich bietet der Titel schon eine Überraschung. Warum nur zur syrisch-orthodoxen Kirche? Bis tief in die Kolonialzeit und das Wirken der protestantischen Missionen hinein reichte noch die Auseinandersetzung, ob das Thomaschristentum Indiens sich für die alte Kirche des Ostens (den fälschlicherweise so genannten Nestorianern) zurückgewinnen ließe oder nicht und dann also bei der erst relativ spät vermittelten Union mit der Syrischen Orthodoxen Kirche verbleiben würde. Heute haben da etwa die Kenntnisse zu Mar Gabriel und Mar Thoma in ihrem Kontakt zur Halleschen Mission deutlich differenziertere Sichtweisen erlaubt und zeigen auch die unterschiedlichen Strategien der Niederländer etwa, die stets mit politischem Kalkül sich in die Streitigkeiten einmischten, die eben auch Teil der Auseinandersetzung mit etwa dem Königtum von Cochin oder den Portugiesen war. Da ist noch immer reichlich Material für postkoloniale Forschung. Reinhold Wagner nun bietet einen zügigen Durchgang von den Anfängen, der Malayalam-Übersetzung der Bibel, der Periode »ungestörter Zu­sam­menarbeit« von 1816 bis 1825, der Ankunft und Deportation des Mar Athanasius, der Krise in den Beziehungen und den Folgen der Synode von Mavelikara. Dies sind zugleich die sieben Kapitel, in die die Arbeit untergliedert ist. Angehängt findet sich eine Dokumentation und ein Quellen- und Literaturverzeichnis (das etwas weniger den heutigen Standards genügt).
Es wäre unzulänglich, das Werk an seinem Titel zu messen. Die Ausführungen zu den Anfängen sind bewusst nur angedeutet (»hinführend in wenigen Strichen skizziert«). W. geht es, und das zeigt das Inhaltsverzeichnis auch schon auf den ersten Blick an, um die Interaktion der Anglikaner mit der syrischen Thomaschristenheit Indiens (»Die einzige protestantische Missionsgesellschaft, die eine volle Zusammenarbeit mit den orthodoxen Syrern an der südlichen Westküste Indiens eintrat, war die mit der anglikanischen Kirche verbundene Church Missionary Society, gegründet im Jahr 1799. Wir werden in der Hauptsache uns ihr zuwenden müssen, wenn wir einen Überblick bekommen wollen darüber, wie dieses gegenseitige Verhältnis von Anfang an gedacht war, wie es sich entwickelt hat und zu welchen Ergebnissen es dabei gekommen ist«). Und eben zu dieser Interaktion bietet das Buch eine immer noch wertvolle Verstehenshilfe, die nun mit der gedruckten Ausgabe allen an der Kirchengeschichte Indiens Interessierten vorliegt.
Das Werk ist in der renommierten Reihe »Göttinger Orientforschungen. Syriaca« als 39. Band erschienen, und es ist zu hoffen, dass es zu weiteren Forschungen im Bereich der Interaktion zwischen Protestantismus und syrischer Christenheit anregt.