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Ausgabe:

Januar/2012

Spalte:

111–113

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ahonen, Risto A.

Titel/Untertitel:

Mission in the New Millennium. Theological Grounds for World Mission. Aus d. Finn. übers. v. M. Cox u. J. Mills.

Verlag:

Helsinki: The Finnish Evangelical Lutheran Mission 2000 (3. Aufl. 2009). 285 S. 24,5 x 17,5 cm. Kart. EUR 30,00. ISBN 978-951-624-335-4.

Rezensent:

Jobst Reller

Risto A. Ahonen, bis 2010 theologischer Berater der finnischen lu­therischen Missionsgesellschaft und apl. Professor für Missionswissenschaft an der theologischen Fakultät der Universität Helsinki, legte zur Jahrtausendwende ein mittlerweile in der dritten Auflage (2009) vorliegendes systematisch-theologisch gearbeitetes Kompendium der Missionswissenschaft vor, das ins Russische und Chinesische übersetzt wird.
Hauptinspiratoren sind die Missionswissenschaftler David Bosch und Leslie Newbigin sowie der systematische Theologe Wolfhart Pannenberg. A. versucht eine Neubestimmung des Missionsbegriffs, ausgehend vom Optimismus der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 in der Deutung John R. Motts (Kapitel 1) unter Einbeziehung aller missionstheologischen Debatten des 20. Jh.s. Auf eine trinitarische Grundbestimmung des Wesens von Mission (Kapitel 2), unter der neben der Offenbarung Gottes als Schöpfer auch Missionstheologien des Neuen Testaments abgehandelt werden (50–70), folgt eine soteriologisch abgezweckte Darstellung der Christologie (Kapitel 3) und schließlich die pneumatologische Herausforderung in den pentekostalen und charismatischen Phänomenen (Kapitel 4). Ekklesiologisch wird das Verhältnis von Kirche und Mission als »missional Church« (Kapitel 5) bestimmt. Kapitel 6 begründet die Notwendigkeit kontextueller Theologie, Kapitel 7 skizziert eine Theologie der Religionen angesichts der gegenwär­tigen Begegnung der Weltreligionen, Kapitel 8 ordnet auf dem Hintergrund der Debatte um soziale Gerechtigkeit im Weltkirchenrat Diakonie und Evangelisation als zwei Grundfunktionen der Mission einander zu. Das Eine kann ohne das Andere nicht sein, wie schon der berühmte, auf S. 241 zitierte Brief der Mekane-Yesus Kirche aus Äthiopien Anfang der 1970er Jahre einforderte.
Exemplarisch sei die Auseinandersetzung mit der auf Donald McGavran zurückgehenden »Church Growth« Bewegung vorgeführt (250 f.). Einerseits beförderte diese durch die Suche nach für das Evangelium sensiblen homogenen Gruppen das Bewusstsein für kulturelle Kontextualität christlichen Glaubens, andererseits hält das Insistieren auf messbarem Wachstum weder Jesu Verkündigung (Mk 4,3–8; Lk 18,8) noch Paulus’ Gedanken von der qualitativen Fülle und dem Reichtum des Evangeliums stand. Nach Apk 7,9 ist die Bekehrung von Menschen aus allen Nationen Gegenstand neutestamentlichen Hoffnung, nicht die aller Nationen dieser Erde. Kapitel 9 stellt die Mission in den Horizont des schon jetzt angebrochenen, aber noch seiner Vollendung harrenden Reiches Gottes. Ein Gedanke von Wilhelm Löhe von der ›Mission als Kirche in Bewegung‹ klingt abschließend an – ohne dass dieser selbst ge­nannt wäre: »Mission brings the sense of being ›on the move‹ into the life of the church« (263) ist ein Prüfstein der Balance zwischen Anpassung an die Welt und Bewusstsein eigener Distanz zur Welt um des Dienstes an der Welt willen (264). Ist die Balance nicht gegeben, identifiziert die Kirche sich mit der Welt, ohne noch in Distanz zu ihr zu stehen, wird Mission zurückgehen. Mission kann sich so als Werkzeug der Kirche zur Analyse ihrer eigenen Dienstfähigkeit an der sie umgebenden Gegenwart erweisen.
A. endet mit der Deutung der Wallfahrt der Völker und ihrer Könige von Apk 21,22–26 auf den multikulturellen, multilingualen die Reichtümer aller Kulturen wertschätzenden und Gott darbringenden Opfergang am Ende der Zeiten, wenn die Welt von ihrer Verderblichkeit befreit ist. Dieser Schluss ist nicht zufällig, er zeigt die Entfaltung biblischer Motive als Grundanliegen von A.s Kompendium der Missionstheologie, die durch und durch von interkultureller Bibellektüre geprägt ist. Man vergleiche das Referat der Auslegung von Raymond Fung zur für die Diakonie zentralen Geschichte vom barmherzigen Samariter, die diese afrikanisch und asiatisch aus dem Blickwinkel des Opfers und nicht aus der westlichen des Helfers liest (236). A. hätte diese elementar biblische Grundstruktur für jeden Nutzer noch deutlicher machen können, wenn er seinem Buch ein Register der Bibelstellen beigefügt hätte. Vermutlich liegt aber eben in dieser biblischen, nicht denominationell eingeengten Grundstruktur die Ursache für die weltweite Rezeption des Kompendiums. Die oben zitierten Bemerkungen zur zeitdiagnostischen Funktion der Mission für die Kirche belegen, dass A.s Buch mit sensiblem Blick gelesen werden will, wenn man der Nuancen teilhaftig werden will.
Im Zuge der Rezeption seines Kompendiums im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends kam es in Finnland vor allem zu zwei ergänzenden Debatten, die zusammenhängen und die A. in zwei Büchern bearbeitete, die Frage von Reich Gottes und staatlicher Gewalt und die Frage der rechten Umkehr als klassischer religiöser Bekehrung oder politischer Handlungsmaxime: »Civitas Dei. Missiologinen keskustelu Jumalan valtakunnan murtautumisesta maailmaan« (2007; dt.: Gottesbürgerschaft. Ein missionswissenschaftliches Gespräch über den Einbruch des Reiches Gottes in die Welt) und »Käännyttämistä vai kääntymystä? Vallankäytön ja kristillisen todistuksen suhde« (2010; dt.: Bekehrung oder Umkehr? Die Beziehung von Gewaltgebrauch und christlichem Zeugnis heute). Vorausgesetzt ist die veränderte Ausgangslage christlicher Mission, seitdem christlich geprägte europäische Staatlichkeit in pluralistische Gesellschaften übergegangen ist, Reich Gottes und Reich der Welt klar unterschieden sind. A. diagnostiziert die biblische Unverzichtbarkeit des Umkehrbegriffs (26–99), die von Konstantin und Karl dem Großen herrührende Engführung als »Bekehrung« in Vermischung mit politischen Eroberungsambitionen (100–132) und die postmodern säkulare Rhetorik der »Umkehr« als Anfrage an die Kirche (133–145). Eine nachkonstantinische, auf staatliche Gewaltmittel der mittelalterlichen Christenheit zur Mission verzichtende Christlichkeit bekennt sich einerseits zu ihrer gesellschaftlichen Rolle in kritischer Solidarität und erkennt zugleich dankbar das Wachstum der Kirche im Süden und die reinigende und erneuernde Kraft des Lebens des Heiligen Geistes als spirituelle Dimension der Kirche.