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Ausgabe:

Februar/1996

Spalte:

210 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Vogel-Mfato, Eva-Sibylle

Titel/Untertitel:

Im Flüstern eines zarten Wehens zeigt sich Gott. Missionarische Kirche zwischen Absolutheitsanspruch und Gemeinschaftsfähigkeit.

Verlag:

Ernst Lange: Rothenburg ob der Tauber 1995 = Ökumenische Studien, 4. DM 35,­. ISBN 3-928617-08-7.

Rezensent:

Henning Wrogemann

Die Untersuchung geht der Frage nach, was die Erfahrungen, Anfragen und Neuansätze Feministischer Theologien zu einem neuen Verständnis von christlicher Mission beitragen können. Die Arbeit gliedert sich in drei Teile: (1) Zunächst untersucht die Autorin im Kapitel "Die Missionstheologie der Nachkriegszeit in der Identitäts- und Legitimationskrise" die Ergebnisse des vom ÖRK in den sechziger Jahren in Auftrag gegebenen Studienprojektes "Die missionarische Struktur der Gemeinde". (2) Danach werden anhand verschiedener feministisch-theologischer und befreiungstheologischer Entwürfe allgemeine Perspektiven zur Bewältigung der Krise" entworfen, bevor (3) unter der Überschrift "Missionarische Kirche ­ befreit dazu, mit Krisen und Anfechtungen zu leben" anhand von drei Entwürfen Feministischer Theologinnen detailliertere Perspektiven für eine neue Missionstheologie herausgearbeitet werden. Mit den Arbeiten von Letty Russell, Mercy Amba Oduyoye und Anna Marie Aagaard werden dabei die Erfahrungen von Theologinnen aus verschiedenen Erdteilen ­ Nordamerika, Afrika und Lateinamerika ­ aufgenommen. In einem Ausblick versucht die Autorin Ansätze für ein trinitarisches Missionsverständnis aufzuzeigen.

1. Anhand einer kritischen Analyse der Studie "Die missionarische Struktur der Gemeinde" gewinnt V.-M. den Problemhorizont ihrer Arbeit: Die Studie habe die Tendenz a) zur Hierarchisierung der Mission. Es wird eine erhöhungstheologische Christologie vertreten, die "Herrschaftskonnotationen" nicht verbergen kann (54) und von der Überlegenheit der christlichen Mission gegenüber Menschen anderer Weltanschauungen und Glaubensüberzeugungen ausgeht. Das führt zu einer b) Funktionalisierung der Kirche, die in Unterordnung unter die Missio des siegreichen Gottes ihrer "Eigenständigkeit, Eigendynamik und Wechselseitigkeit" beraubt wird. Daraus resultiert sodann c) eine Vergeistigung der Botschaft. Darüberhinaus ist Sprache und Inhalt der Studie d) gekennzeichnet durch die analytische Distanzierung der Theologen gegenüber der von ihnen wahrgenommenen Welt.

2. In folgenden weist V.-M. auf theologische Akzente der Feministischen Theologie (M. Daly, R. Radford Ruether, D. Sölle, L. Schottroff u.a.) und der Befreiungstheologie (G. Gutierrez, L. Boff u.a.) hin, die darauf aufmerksam machen, daß der Entstehungszusammenhang von Theologie die Betroffenheit von Christen und Christinnen im Mitleben mit unterdrückten und marginalisierten Menschen ist. Weiter kann man von diesen Theologien lernen, daß es um eine neue Wahrnehmung des schöpfungstheologischen Eingebundenseins des christlichen Lebens und der christlichen Mission geht, daß statt einer erhöhungstheologischen nur eine kenotische Christologie die Bereitschaft, sich verwundbar und damit sympathisch zu machen, begründen kann und daß schließlich nur durch diesen "Ortswechsel" eine echte Teilnahme am Leben der Menschen möglich ist.

3. Den geforderten Ortswechsel zeichnet sie in den in sich geschlossenen Einzelanalysen des dritten Teils nach. Die Autorin hebt am Werk Letty Russells besonders den ekklesiologischen Aspekt von christlicher Gemeinde als "Familia Dei" hervor, bei Mercy Amba Oduyoye macht sie auf die Bedeutung afrikanischer Religion als hermeneutischem Schlüssel für eine christliche afrikanische Theologie aufmerksam, wohingegen sie bei Anna Marie Aagaard die Trinitätstheologie als Voraussetzung einer Theologie der Mission herausarbeitet. V.-M. selbst fordert daran anknüpfend eine neue Besinnung auf die trinitarische Gotteslehre, die den Aspekt der Gemeinschaft der Menschen untereinander, in der Welt und mit Gott stärker in den Mittelpunkt theologischer Arbeit rücken könnte. Von einer trinitarischen Begründung her plädiert sie für ein Verständnis der missionarischen Gemeinde als "Beistandsgemeinde inmitten der Tagesordnung der Welt". (295 ff.)

Der Autorin gelingt in missionstheologischer Perspektive eine kritische Bestandsaufnahme wesentlicher Einsichten Feministischer Theologie. Problematische Vereinseitigungen (wie z.B. eine stark an dynmaischen Metaphern orientierte Pneumatologie) werden dabei deutlich kenntlich gemacht. Leider fragt V.-M. jedoch zu selten, ob ähnliche Gedanken, wie sie seitens Feministischer Theologinnen geäußert wurden, nicht auch (und teilweise schon vorher) bei ihren männlichen Kollegen Beachtung gefunden haben.

Beispielsweise wird beim Thema "Verwundbarkeit" der gleichnamige Aufsatz von Hans-Joachim Margull noch nicht einmal erwähnt. Und auch auf die trinitätstheologischen Weichenstellungen, wie sie sich spätestens in Moltmanns Werk "Der gekreuzigte Gott" finden, wird nicht ausdrücklich hingewiesen. Auch verwundert es ein wenig, daß die im Untertitel angesprochene Thematik des christlichen Absolutheitsanspruches allenfalls am Rande Erwähnung findet. Dennoch handelt es sich um ein Buch, das gerade auch männlichen Lesern mannigfaltige Anregungen zu Fragen der Mission aus feministischer Perspektive zu geben vermag.