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Ausgabe:

Februar/1996

Spalte:

208–210

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Heidtmann, Dieter

Titel/Untertitel:

Die personelle Entwicklungszusammenarbeit der Kirchen. Kirchliche Entwicklungskonzepte und ihre Umsetzung durch AGEH, DÜ und CFI.

Verlag:

Frankfurt a. M.-Berlin-New York-Paris-Wien: Lang 1994. 224 S. 8o = Europäische Hochschulschriften. Reihe: XXXI: Politikwissenschaft, 260. Kart. DM 64,­. ISBN 3-631-47453-9.

Rezensent:

Johannes Althausen

Diese kleine Schrift, entstanden aus einer Arbeit zum Abschluß eines politikwissenschaftlichen Studiums eines Theologen, ist in guter Weise interdisziplinär. Der Gegenstand der Untersuchung ist ohne theologische Würdigung nicht zu verstehen und darzustellen. Die Leitfragen sind aber politischer Art. Als wissenschaftliche Methode herrscht die Strukturanalyse vor. Das ist sachgemäß. Am Ende zählen deshalb auch nicht so sehr die Aussagen der einzelnen in der Entwicklungsarbeit Beschäftigten, sondern die Tendenzen und Initiativen, die in den dargestellten Organisationen AGEH (Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe ­ katholisch), DÜ (Dienste in Übersee ­ evangelisch) und CFI (Christliche Fachkräfte International ­ evangelikal) erkennbar sind. Gerade das aber macht die Arbeit interessant, zumal sie sehr sorgfältig analysiert und keine vereinfachten Pauschalurteile abgibt. Die Analyse beschränkt sich übrigens nicht nur auf das Studium von Veröffentlichungen und Akten, die erfreulicherweise bereitgestellt worden sind, sondern hat auch die Möglichkeit genutzt, an dem Beispiel Tanzania vor Ort zu testen, wie die Arbeit der drei Organisationen in Übersee aussieht. Im Anhang werden Interviews mit den drei Generalsekretären abgedruckt. Sie bestätigen und differenzieren die Ergebnisse der Untersuchung.

"Angesichts des bedrückenden Elends in der Welt und der allgemeinen Ratlosigkeit auf der Suche nach machbaren Alternativen zum herrschenden System globaler Ungerechtigkeit stellt sich die Frage nach Anspruch und Wirklichkeit der kirchlichen Entwicklungsarbeit in besonderer Weise." (16 f.) Denn diese befinde sich am "Schnittpunkt von kirchlichem Auftrag, politischen Konzepten und tagtäglichem Einsatz gegen die Not in aller Welt" (a.a.O.). Die Untersuchung kann zwar nicht mehr über die "Verhältnisbestimmung von Kirche, Politik und Gesellschaft" (17) im einzelnen reflektieren. Das geht über den Rahmen der Arbeit hinaus. Aber die dargestellten Aktivitäten geben Auskunft und Material genug für eine solche Reflexion.

Der wichtigste Beitrag, den die kirchliche personelle Entwicklungszusammenarbeit leisten kann, liegt in der Tatsache begründet, daß diese Einrichtungen eindeutige und lebendige Partner in Übersee haben. H. bezeichnet das als "einen unschlagbaren Vorteil": "Sie verfügen über natürliche Partner in den Entwicklungsländern und die Bereitschaft, ihren eigenen Entwicklungsbeitrag uneigennützig in die Befreiungs- und Entwicklungsbestrebungen der Betroffenen einzubinden." (157) Zwar werden im einzelnen durchaus die jeweils kirchlichen Unterschiede erkennbar. AGEH und die katholische Entwicklungsarbeit findet im Rahmen einer Weltkirche statt. DÜ muß die vergleichsweise lockere Struktur der ökumenischen Bewegung nutzen, kann aber auch politisch profilierter sein. CFI hat wiederum in den bekenntnistreuen Partnern ein Gegenüber, mit dem in vielen Hinsichten ein schnelleres Verstehen möglich ist. Dennoch gibt es gegenüber staatlicher Entwicklungshilfe ganz eindeutige gemeinsame Vorteile.

Insgeheim möchte der Autor aber nun auch eine Antwort auf die Frage haben, ob die Ergebnisse seiner Untersuchung in dem Dilemma der Entwicklungshilfe Lichtblick oder Ausgangspunkt hoffnungsvoller Neuansätze werden könnten. Er bejaht diese Frage, kommt aber gerade deshalb auch zu Forderungen gegenüber den drei Personalaustauschorganisationen. Durch ihre Verbindung zu natürlichen Partnern haben sie mehr Chancen als andere, das Übergewicht des Nordens in der Entwicklungshilfe auszugleichen. Dem werden sie aber nur gerecht werden können, wenn ihre Kooperation fester und wirkungsvoller wird. In der Einzeldarstellung ist der Vf. dieser Frage verschiedentlich nachgegangen. Er hat auch nicht versäumt, die vorhandenen Ansätze aufzuzeigen. Dennoch muß mehr geschehen. In Tanzania arbeiten die drei Organisationen ganz ähnlich, freilich getrennt voneinander, aber doch aufeinander bezogen. Allen dreien scheint deutlich geworden zu sein, daß die Situation dieses Landes ihnen eine Kooperation aufnötigen kann und wird, die Modellcharakter und eine neue Qualität der Entwicklungshilfe haben kann. Das macht hoffnungsvoll.

Auf der anderen Seite ist dem Vf. auch klar, daß das Zusammengehen dreier Organisationen, die nicht ohne Grund getrennt voneinander entstanden sind, sehr große, schier unüberwindliche Schwierigkeiten haben wird. Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, daß er schließlich auch noch an die gemeinsame theologische Basis in der Nachfolge Bonhoeffers erinnert und daran, daß dessen ultima ratio für politisches Handeln der Kirche darin bestehen könnte, dem Rad in die Speichen zu fallen und nicht nur die unter die Räder gekommenen Opfer zu verbinden. (160) Der Auftrag im politischen Bereich ist jedenfalls nicht aus der Logik politischen Kalküls oder politischer Konstellationen abzuleiten, sondern aus einer im Glauben an Gott gewonnenen Sicht der Menschengemeinschaft. Insofern ist sich der Theologe auch in der Politikwissenschaft treu geblieben.

Die Untersuchung ist ein Spiegel. Er wird kirchlichen Organisationen vorgehalten, die von ihrer Aufgabenstellung her und nicht zuletzt von ihren Partnern her ohnehin eher zur Selbstkritik kommen als andere. Zumindest DÜ wird diese Bereitschaft ausdrücklich bescheinigt (154). Und es sind auch sehr spezialisierte kirchliche Organisationen. Dennoch geht es hier an einem sehr sensiblen Beispiel um einen entscheidenden Test für die Kirchen, wie ernst sie es mit der ökumenischen Bewegung meinen. Der Vf. stellt nicht die Forderung auf, eine gemeinsame Entwicklungspolitik zu entwerfen. Das gemeinsame Handeln dürfte noch dringender sein. Entschieden wird darüber aber eben nicht nur in den Leitungsgremien von AGEH, DÜ und CFI allein. Ökumenische Theologie kann ­ jedenfalls wenn eine Sache so überzeugend dargestellt wird ­ die interdisziplinäre Zusammenarbeit gut gebrauchen.