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Ausgabe:

Februar/1996

Spalte:

207 f

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Fischer, Brigitte

Titel/Untertitel:

Neue Dienste in der katholischen Kirche Taiwans. Die "freiwilligen Laienapostel" auf Taiwan im Rahmen der gesamtkirchlichen Fragen nach Bedeutung und Aufgaben der Laien im Glaubensvollzug einer Ortskirche.

Verlag:

Immensee: Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft 1994. 382 S. m. 6 Abb, gr. 8o = Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft, Suppl. 42. Kart. sFr 56.­. ISBN 3-85824-076-1.

Rezensent:

Dietrich Mendt

"Heute sind es in der Region Taitung gut einhundert ’freiwillige Laienapostel’, die mit einer offiziellen Beauftragung durch den Diözesanbischof ... priesterlose Gemeinden leiten oder während der Abwesenheit des Pfarrers den Gottesdiensten vorstehen und sich um verschiedene Sorgen und Anliegen der Christen ihrer Gemeinde kümmern... (sie) sind eine wichtige Gruppe von kirchlichen Mitarbeitern geworden, ohne deren Mittragen die Ortskirche nicht auf die Dauer weiterbestehen könnte. Selbst in den Stadtpfarreien wäre eine umfassende Seelsorge... ohne die Tätigkeit der Laienapostel kaum noch denkbar... (Zitat von P. Tschirsky). Man wagt es zwar kaum laut zu sagen, aber sollte sich das Tor für die Weihe zum vollen sakramentalen Dienst einmal ein wenig öffnen ­ hier bahnt sich die neue Art von Presbytern an, die, wenn auch nicht ’Priester für die ganze Kirche’, so doch Leiter ihrer Gemeinde sein können." (302 f)

Dieses Zitat beschreibt den Grund der Untersuchung und gleichzeitig die Wunsch- und Zielvorstellung der Autorin, die auf grund eigenen intensiven Erlebens in Taiwan als Seelsorgehelferin zu dieser Promotionsschrift gekommen ist.

Man muß allerdings ein wenig Geduld aufbringen, wenn man bis zu der Spannung vordringen will, die das Buch vermittelt. Die Vfn. hat zunächst die Geschichte der katholischen Kirche in Taiwan beschrieben, die jahrhundertelang ein Schattendasein fristete, bis durch die breite Fluchtbewegung von Rotchina nach Taiwan die Mitgliederzahlen durch katholische Festlandschinesen sprunghaft anstiegen. So bekam die Kirche ein stark chinesisches und bestenfalls taiwanesisches Gepräge, wobei unter "Taiwanesen" die Chinesen zu verstehen sind, die in früheren Jahrhunderten vom Festland nach der Insel gekommen sind. Die Ureinwohner, in viele Stämme zersplittert mit verschiedenen Sprachen, wurden in dieser Kirche marginalisiert und vernachlässigt. Erst ein zielgerichtetes Missionsprogramm seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre führte zu der Bewegung der Laienapostel und durch sie zu einer Erweckung, so daß heute die Ureinwohner innerhalb der katholischen Kirche eine besonders aktive und verheißungsvolle Gruppe bilden. Dieser Teil macht neugierig, weil er von starkem Informationscharakter ist. Welcher deutsche Leser weiß schon über die Entwicklung der katholischen Kirche in Taiwan Bescheid, geschweige über die Bewegung der Laienapostel, die in dieser Form für die katholische Kirche ungewohnt, wenn nicht unmöglich zu sein scheint.

Dann muß man sich aber durch über 100 Seiten Berichte über asiatische katholische Konferenzen, vorwiegend Bischofskonferenzen, hindurcharbeiten, die verständlich machen sollen, daß die Laienbewegung dogmatisch in Ordnung ist und sich auf die Grundlagen der katholischen Kirche stützt. Die Vfn. geht dabei davon aus, daß das Zweite Vatikanische Konzil eine neue Sicht auf den Dienst der Laien freigelegt hat, der dem urchristlichen Gemeindemodell entspricht.

Erst im dritten Teil erfährt man, was in der Praxis der Gemeinden geschehen ist und geschieht, auch wieder ständig unterbrochen von Berichten und Inhaltsangaben über "Workshops", Ausbildungskurse und Trainingsprogramme, also über Impulse "von oben".

Meiner Ansicht nach ist das Buch für europäische Kirchen beider Konfessionen von großem Wert, aus verschiedenen Gründen: Einmal berichtet es über einen Konsens in wesentlichen Fragen wie: die "Laien" (322 ff), die "Charismen" (332 u.a.), die Situationsbezogenheit aller Gemeindearbeit (250.292 u.a.), die nötige "Interkulturation" kirchlicher Arbeit, also die Integration der Gemeinde in Kultur, Brauchtum, Sprache, Riten der örtlichen Bewohner, hier vor allem der Ureinwohner (124. 265f. 277. 280 u. ö.) oder auch die Impulse, die von solchen Faktoren wie Finanznot und Priestermangel ausgehen (229.290 u. ö.). Zum andern weist es daraufhin, daß zur Botschaft immer auch das soziale Engagement gehört, z.B. für die Armen (150.254) oder für die Frauen (286). Schließlich zeigt es, daß auch in einer zentralistisch geleiteten Weltkirche wie der römisch-katholischen Aufbrüche von der Basis her eine Chance haben, allerdings nur, wenn der Klerus sie fördert (vgl. so einen Satz wie "Die Initiative erfolgt von seiten des Ortsbischofs" 305, der für das Buch, und das bedeutet wohl: für die Situation in einer katholischen Ortskirche, typisch ist).

Besonders wichtig scheint mir zu sein, daß der "Laienapostolat" die Leitung der Gemeinde einschließen will und oft auch einschließt, weil die Laien ­ mitunter auch im säkularen Bereich Führungskräfte ­ die Situation und damit auch die sachgemäße Übersetzung der Botschaft in die Situation hinein besser beherrschen als der Klerus (140.179 f.234 u. ö.). Man kann nur wünschen, daß die Vfn. Recht behält, wenn sie meint, daß der Geist von Vaticanum II, der mit evangelischen Augen gesehen in der Gegenwart eher gebremst zu werden scheint, sich in Zukunft, von Asien her, in der ganzen katholischen Kirche durchsetzen wird.