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Ausgabe:

Februar/1996

Spalte:

205–207

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Goßweiler, Christian

Titel/Untertitel:

Unterwegs zur Integration von Kirche und Mission untersucht am Beispiel der Rheinischen Missionsgesellschaft.

Verlag:

Erlangen: Verlag der Ev.-Luth. Mission 1994. 433 S. 8o = Erlanger Monographien aus Mission und Ökumene. 23. Kart. DM 50,­ . ISBN 3-87214-323-9.

Rezensent:

Henning Wrogemann

Die Problematik der Integration von Kirche und Mission wird seit langem diskutiert. Im Hintergrund steht dabei die Frage, ob es sich bei der Mission nur um eine Teilaufgabe der Kirche neben anderen handelt, oder aber, ob Kirche ihrem Wesen nach missionarisch ist und es darum auch in allen ihren Äußerungen sein soll. Goßweiler untersucht diese Problematik am Beispiel der Rheinischen Missionsgesellschaft, wobei er sowohl die Diskussionen innerhalb der Missionsgesellschaft und der ihr verbundenen Kirchen nachzeichnet, als auch die sich daraus ergebenden organisatorischen Veränderungen beschreibt.

Der Autor möchte damit zunächst einen Beitrag zur missiologischen Zeitgeschichte leisten. Die Einbindung der ursprünglich eigenständigen Rheinischen Missionsgesellschaft in die Westfälische und in die Rheinische Kirche wird ebenso minutiös nachgezeichnet, wie der Zusammenschluß der Rheinischen Missionsgesellschaft mit der Bethel-Mission zur "Vereinigten Evangelischen Mission". (Vgl. den Hauptteil der Arbeit "Missionsgeschichtliche Darstellung (1918-1973)", 49-288.) Kürzer fällt demgegenüber die Darstellung des Prozesses aus, in dem sich die VEM befindet, seit versucht wird, aus ihr statt des Sendungsorgans einiger deutscher Kirchen ein Gemeinschaftswerk von deutschen und überseeischen Kirchen zu entwickeln, womit der Tatsache Rechnung getragen werden soll, daß die Zeit der "Westmission" vorbei ist und die Zeit der "Weltmission" begonnen hat, in der Mission nur als Gemeinschaftsaufgabe der vormals sog. "jungen" und "alten" Kirchen verstanden werden kann. ("Ausblick: Das United-in-Mission Programm als Modell partnerschaftlicher Integration (1973-1993)", 289-305)

Die Arbeit bleibt jedoch nicht bei einer bloß historischen Rekonstruktion stehen. G. will vielmehr die gewonnenen Erkenntnisse missionstheologisch und systematisch-theologisch fruchtbar machen, indem er nach der Stellung der Mission in der Ekklesiologie sowohl in Hinsicht auf die Kirchen, als auch in Hinsicht auf die Missionsgesellschaften fragt. ("Theologischer Ertrag", 306-355)

Der Autor zeigt zunächst, daß und wie die Frage der Zuordnung von Kirche und Mission in der Rheinischen Missionsgesellschaft und den ihr verbundenen Kirchen schon lange vor der Integration des Internationalen Missionsrates in den Ökumenischen Rat der Kirchen (Neu Delhi, 1961) ausführlich und kontrovers diskutiert wurde. Die Diskussionen innerhalb der Missionswerke, Kirchen und verschiedener Gremien und Organisationen ­ wie z. B. dem Deutschen Evangelischen Missions-Rat ­ werden in ihrer Verflechtung transparent. Hervorgehoben werden dabei die Beiträge so einflußreicher Persönlichkeiten wie Johannes Warneck, Heinrich Drießler, Gustav Weth oder Gustav Menzel. Es zeigt sich, daß bestimmte Grundfragen hinsichtlich der Integration von Kirche und Mission immer wieder auftreten.

Zu nennen wäre z. B. das Problem, ob und, wenn ja, wie die organisatorische Einbindung einer ehemals eigenständigen Missionsgesellschaft in eine oder mehrere Kirchen zur Belebung des missionarischen Bewußtseins innerhalb der Kirchen führen kann. Ob nicht zunächst die Belebung einer Gemeinde angestrebt werden muß, bevor man dann und daraufhin auch strukturelle Veränderungen vornehmen kann, oder ob umgekehrt schon durch veränderte Strukturen eine missionarische Belebung von Gemeinden erzielt werden könne, wurde mehr als einmal lebhaft diskutiert.

Ebenso steht es mit der Frage nach der Art und Weise der organisatorischen Einbindung der Mission in die Kirchen. Angestrebt wurde zwar eine möglichst breite Beteiligung von Kirchenleitungen, Kirchenkreisen und Gemeinden an der Arbeit der Mission. So kam es u. a. zur personellen Beteiligung der Kirchen an der Leitung der Rheinischen Mission (etwa durch Vertreter der Kirchenleitungen und Synodalvertreter für Mission in der Missions-Hauptversammlung) und zur finanziellen Unterstützung der Mission durch kirchliche Etatmittel. Es blieb aber die Problematik bestehen, ob diese Veränderungen wirklich zu einer Belebung der Gemeinden und ihres Missionsbewußtseins führen würden, oder ob nicht anstelle der freien Missionswerke, an die man früher die Missionsaufgabe glaubte delegieren zu können, nun einfach die kirchlich institutionalisierte Mission trat. Problematisch wurde zudem die Unterstützung der Mission durch freiwillige Spenden, da durch die organisatorische Einbindung und damit Sicherung der Mission die Spendenfreudigkeit der Hilfsvereine nachließ.

Letztlich zielen verschiedene Einzelprobleme auch auf die Frage, wie Mission zu einem Anliegen der ganzen Kirche werden kann, wenn damit impliziert ist, daß dabei der Ausweitung des missionarischen Impulses auf verschiedenste Gruppen innerhalb der Kirchen eine Diversifizierung des Verständnisses dessen, was eigentlich unter "Mission" zu verstehen ist, korrespondiert.

G. zeigt diese und andere Grundfragen am konkreten Material auf, bevor er im letzten Teil der Arbeit (306 ff.) versucht, das Problem in einem eigenständigen Ansatz anzugehen. Zunächst unternimmt er es, die "Sonderstellung der Völkermission" theologisch zu begründen (313 ff.), bevor er dann Mission in einen ekklesiologischen Rahmen einzeichnet, der von einer vierfachen Gestalt von Kirche ausgeht: Zwischen der "Universalkirche" und der "Ortsgemeinde" vermittelt demnach die "partikulare Kirche", während G. dem als vierte Art von Kirche schließlich "besondere Dienstgemeinschaften" zuordnet, worunter der Autor auch die Missionsgesellschaften zählt.

Aufs Ganze gesehen führt die Arbeit anschaulich in die theoretischen und praktischen Problemfelder der Thematik von Kirche und Mission in der Gegenwart ein. Sie ist mit Quellen reich belegt und in ihrer Darstellung sehr detailliert. Wünschenswert wäre es gewesen, wenn der Autor seine missionsgeschichtliche Darstellung mit stärker systematisierenden Abschnitten flankiert hätte, um die gedanklichen und organisatorischen Veränderungen deutlicher hervorzuheben, da man als Leser bei den vielen Namen, Daten und Fakten leicht die Übersicht verlieren kann. Auch die Vielzahl der ansonsten wertvollen Exkurse (es sind insgesamt 13) und ihre Plazierung an verschiedenen Stellen des Werkes irritiert etwas. Davon abgesehen jedoch ist die Arbeit ein wichtiger Beitrag zur Klärung der Frage nach Mission im Kontext der Ekklesiologie, einer Ekklesiologie, die, wenn sie der heutigen Situation gerecht werden will, in den Rahmen der Weltchristenheit eingespannt sein muß und in diesem Rahmen die Fragen nach der Mission angeht, ohne dabei jedoch die einzelnen Kontexte der Mission vor Ort zu vernachlässigen.