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Ausgabe:

Oktober/2011

Spalte:

1074-1076

Kategorie:

Dogmen- und Theologiegeschichte

Autor/Hrsg.:

Busch, Eberhard

Titel/Untertitel:

Meine Zeit mit Karl Barth. Tagebuch 1965–1968.

Verlag:

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011. 760 S. m. 13 Abb. gr.8°. Geb. EUR 24,95. ISBN 978-3-525-56001-3.

Rezensent:

Reiner Marquard

Den späten Barth kennen wir aus der Tauflehre (1967), den entsprechenden Bänden der Gesamtausgabe und den aus dieser Zeit stammenden Veröffentlichungen. Jetzt und hier geht es auch um den sog. »andere[n] Karl Barth« (5.133.274). Er tritt uns hier durch den Filter eines Tagebuchs als ein Mensch entgegen, der unzensiert Dinge durch das Tagebuch sagen darf, die erst einmal verstörend wirken. Oder wollte ich wissen, dass Karl Barth sich im hohen Alter unglücklich in eine Krankenschwester verliebte (413 f.), dass Charlotte von Kirschbaum ein Alkoholproblem hatte (670) oder es zwischen ihr und Nelly Barth mitunter Ohrfeigen setzte (669)? Möchte ich wissen, dass Nelly Barth im Haushalt ein unerbittliches Regiment führte (721 u. ö.)? Muss ich es wissen? Eberhard Busch beteuert im Vorwort, es gäbe in seinen »Notizen Manches, was ungedruckt bleiben darf«, ansonsten aber bedürfe es »von Seiten der Leser eines verständnisvollen Großmuts«. Bin ich kleinmütig, dass ich Barths psychoide Einlassungen über seine »vier Frauen« (418 f. 664 ff. u. ö.) nicht in einem doch eigentlich theologisch angelegten (Tage-)Buch erwarte? Die Erlebnis- und Erfahrungsschilderungen zu Rösy Münger (»Er weinte und sprach von ›Rösy‹, von seiner ersten Liebe, von der unversiegten, unverloschenen Liebe zu ihr …« [228]), Nelly Barth (»Er habe sie wohl zu schnell und überstürzt geheiratet« [45]), Charlotte von Kirschbaum (»Ich bin verzehrt von dem, was ich tags und nachts mit Karl zu arbeiten hatte« [21.670]) oder jener Anonyma (»Noch nie sei er im Leben so verliebt gewesen« [413]) entfalten über 760 Seiten eine atemberaubende Dynamik. Barth selbst schimpft sich immer wieder einen »Esel« (322 u. ö.) oder einen senex loquax (162 u. ö.). Er kann tief verzweifelt sein und in Tränen ausbrechen, er kann dem eine theologische Grammatik verleihen und von der Hölle träumen, die »in eiskalter Landschaft eine unendliche Leere« ist und »mittendrin ein unendlich einsamer Mensch«. Und er sagt zu sich selbst: »Das droht dir!« (441) Ohne diese geradezu deprimierende Bedrohung verstünde man keinen Satz von ihm und erst gar nicht, warum er so und in dieser Weise von Jesus Christus gesprochen habe und noch spricht (442). Das ist die starke Seite dieses (Tage-)Buches. Aber muss man Erlebnisse im Detail kennen, um eine Erfahrung verstehen zu können? Ich muss nicht wissen, wann, wo und wie Barth katheterisiert wurde (351 f.), um zu verstehen, dass Krankheit Lebenskräfte raubt. Zu viele Erlebnisse können den Umschwung auf das Erfahrbare verschließen, weil Erlebnisse erfahrungsgemäß mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Barth wird durch dieses Tagebuch weder glaubwürdiger noch unglaubwürdiger. Er tritt als der hervor, als der er uns in seinen veröffentlichten Texten in den Brief- und Gesprächsbänden der Gesamtausgabe vertraut ist. Eberhard Busch hat sich mit seiner Biographie zu Karl Barth (1975) unschätzbare Verdienste erworben. Was geschieht jetzt? Wir werden geradezu unverschämt Ohrenzeugen von intimen Vorgängen. Wir kommen einem Menschen zu nahe. Gibt es nicht auch einen Schutz derer, die, um es in leichter Abwandlung eines von Barth geliebten Zitates von Gottfried Keller zu sagen, doch »noch wandeln auf dem Abendfeld« oder inzwischen in Frieden ruhen (sollen)?
Die Tatsache, dass Barth seine Autobiographie abgebrochen hatte – und von der er sich als »das spannendste Kapitel« jenes »[ü]ber Frauen – oder einfach ›Frauen‹« (228) vorstellen konnte –, erscheint durch dieses Tagebuch merkwürdig aufgebrochen: Da einem der Haupteingang nicht zur Verfügung steht, bietet sich nun der (Seiten-)Einstieg über protokollierte Mitteilungen an. Wie auch immer. Karl Barth scheint es so gewollt zu haben: »Ob Sie wohl auch einmal ein bisschen etwas notieren von dem, was ich Ihnen alles erzähle?«, fragt er im Mai 1967 (308). Eberhard Busch hat das als einen »Imperativ« (ebd.) aufgefasst. Dann aber wäre zu fragen, wieso er im einen Fall Notizen nicht hat zum Druck kommen lassen wollen (5), im anderen Falle aber doch. Gemessen an dem, was einem an Garstigkeiten über zeitgenössische Theologen zugemutet wird – u. a. über den armen Eduard Thurneysen (17.125.657 f. u. ö.) –, hätte man wohl auch noch mehr ausgehalten … Das Tagebuch hat in etlichen Details jenes Niveau nicht halten wollen, das Barth selbst gesetzt hatte: »Wahr ist nur, was gütig gesagt wird.« (682)
Zweifelsohne enthält dieses Buch außerordentlich starke theologische Passagen, die es wertvoll machen: die Protokolle seiner Lehrveranstaltungen zum Zweiten Vatikanischen Konzil, zu Calvin und dem im Alter mehr und mehr als »gegenwärtige geistige Macht« eben doch geschätzten Schleiermacher (679), Reflexionen zur Tauflehre und zur römisch-katholischen Theologie und Kirche (Rom-Reise), historische und theologiegeschichtliche Betrachtungen (u. a. Safenwil, Römerbrief, Bekennende Kirche) und zeitgeschichtliche Bezugnahmen (u. a. Studentenbewegung, Vietnamkrieg, Bekenntnisbewegung) flankieren erhellend mit diesem Tagebuch die Publikationen des späten Barth.
Die Ligatur dieses Tagebuches stellt zweifelsohne seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Alt- und Kranksein dar. »Ich will nicht sterben! Ich will noch einmal jung sein!« (608) Wie ein Silberfaden durchwebt diese Herausforderung jede Seite. Dass auf diesem Hintergrund seine Liebe zu Mozart geradezu als Therapeutikum hervortritt, ist anrührend und gibt zu denken. Bei Mozart findet Barth jeweils zurück ins Komprehensive und Versöhnliche – auch sich selbst gegenüber. In seiner Musik sind seine Tränen aufgefangen wie in einem Krug. Seine Trauer und seine Depression erhalten in ihr ein Geländer, an dem er sich wieder zurückgeleiten lässt ins Mitsein. Wer dieses Buch liest, wird mitlachen müssen. Barths Humor spiegelt etwas wider von dem unerschütterlichen Glauben an das »et resurrexit« (691). Beim schwarzen Kaffee entwirft er einmal skizzenhaft ein Drama über seine und Nellys Hinfälligkeit in fünf Akten, das er in seinem Galgenhumor mit dem Chopinschen Trauermarsch enden lässt (122). Er findet in Eberhard (und Beate) Busch ideale Partner (251 u. ö.) auf der letzten Etappe seiner Lebensreise. »Das muss ich Euch einmal gesagt haben: ich habe euch gern« (650) – so verabschiedet er die beiden in die Nacht und den neuen Morgen. »Wenn einmal eine Biographie über ihn fällig werde, so müsse ich das machen«, notiert Busch am 10.10.1967 eine Erklärung Barths (477).
Das Buch wurde – gelinde gesagt – bescheiden lektoriert. Das Personenregister weist erhebliche Mängel auf, eine klare Systematik ist nicht erkennbar, die Fehlerquote ist unverhältnismäßig hoch. Charlotte von Kirschbaum (das ist peinlich) hat es erst gar nicht bis ins Register geschafft. Begriffe wurden nicht registriert. Im Tagebuch selbst erschließt sich aus den Anmerkungen ebenso keine rechte Systematik. Gelegentliche Verweise auf veröffentlichte und im Text angesprochene Dokumente werfen die Frage auf, warum dann nicht durchgängig auf entsprechende Dokumente verwiesen wurde.
Aber so wollen wir nicht schließen. Eberhard Busch veröffentlichte 1976 eine kleine und schöne Studie (ThSt 119) über »Freiheit und Autorität. Das Generationenproblem in der Sicht des alten Barth«. Im Mai 1967 notiert er im Tagebuch, dass Barth es für gut und nötig befunden habe, »wenn es in der protestantischen Kirche neu als Aufgabe gesehen würde, die Versöhnung dieser beiden Begriffe zu begreifen« (296). Freiheit und Autorität sind im Grunde die theologischen, ekklesiologischen, politischen und anthropologischen Kenn- und Deuteworte dieses Tagebuches! Sie sind zusammengeführt im Heilandswerk Jesu Christi: »Laut seiner Verheißung werden wir Versager samt und sonders, wird die ganze Kreatur vor ihm bestehen kraft der strengen Gerechtigkeit seiner Gnade. Nur so, aber so sicher und ernstlich … Ihm [so schließt Barth einen hier erstmals veröffentlichten Text ab] soll auch ich anbefohlen sein.« (582)