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Ausgabe:

September/2011

Spalte:

978-980

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Helander, Eila

Titel/Untertitel:

Kutsumus kantaa. Naislähetit Suomen Lähetysseuran Työssä toisen Maalilmansodan jälkeen.

Verlag:

Helsinki: Suomen Lähetysseura 2001. 250 S. m. Abb. u. Ktn u. engl. Zusammenfassung von »God’s call sustains us«. Geb. ISBN 951-624-276-6.

Rezensent:

Jobst Reller

Eila Helander, Professorin für Kirchensoziologie an der Universität Helsinki, legt hier eine Studie zu den weiblichen Mitarbeitern der finnischen kirchlichen Missionsgesellschaft vor. Die Studie behandelt den Zeitraum von 1945 bis etwa 1995. Die Zeit von 1870 bis 1945 bzw. für China 1949 ist im Rahmen des 1989 gestarteten Gesamtprojektes zur Erforschung der weiblichen Missionsarbeit von Kirsti Kena geleistet worden (Eevat apostolien askelissa. Lähetinaisset Suomen Lähetysseuran työssa 1870–1945, Helsinki 2000; dt.: Evas in der Fußspur des Apostels. Missionarinnen im Dienst der finnischen Missionsgesellschaft 1870–1945). Somit ist der gesamte Zeitraum finnischer weiblicher Missionsarbeit bis zur Gegenwart wissenschaftlich erforscht und kann ins Gespräch mit feministischen Ansätzen von Missions- und Kirchengeschichte gebracht werden. Das Verzeichnis finnischer Missionarinnen nach 1945 umfasst immerhin etwa 720 Namen, so dass die Studie als repräsentativ gelten darf. Durch die englische Zusammenfassung erschließt H. ihre Ergebnisse auch für des Finnischen nicht mächtige Forscher.
H.s Studie stützt sich neben gedruckten Quellen und Interviews (227–244) vor allem auf ungedruckte Quellen aus dem finnischen Nationalarchiv, aber auch aus dem Archiv der finnischen Missionsgesellschaft, beide in Helsinki, ebenso wie auf das Archiv der namibischen lutherischen Kirche in Oniipa, Namibia. H. legt eine systematische, soziologisch empirische, keine missionshistorische Studie vor. Es geht ihr um den Wandel des Selbstverständnisses der Missionarinnen von 1945 bis etwa 1995. Zunächst stellt sie die Missionarinnen der seit 1945 ihr Arbeitsgebiet ausweitenden finnischen Missionsgesellschaft vor, wobei sie auch ein Bild ihrer religiösen und sozioökonomischen Prägung vor der Aussendung bzw. der Berufe und Einsatzfunktionen zeichnet (47–89). Von 51 Missionarinnen im Dienst der FELM 1946 – bei 66 Mitarbeitern insgesam t– stieg die Zahl der Missionarinnen 1994 auf 224 an – bei 336 Mitarbeitern insgesamt. Man kann also das überraschende Ergebnis festhalten, dass das Gros finnischer Missionsmitarbeiter von Anfang an weiblich war! Kann man vor 1970 von einer relativ ho­mogenen Gruppe Mitarbeiterinnen im medizinischen Sektor bzw. Bildungsbereich mit erwecklichem Hintergrund ausgehen, so differenziert sich das Bild danach in Richtung auf ein Drittel akademisch gebildeter Frauen – nach der Einführung der Frauenordi­nation 1988 auch Pastorinnen. Der Übergang von lebenslangem Dienst zu kürzeren Perioden von drei bis zehn Jahren hat zum Ende der Untersuchungsperiode zu einer sehr vielfältigen Missionarskultur ge­führt. In einem zweiten Schritt wird die Interaktion von Arbeitsgebieten in Übersee und Lebensschauung behandelt (47–89), in einem dritten die von Arbeitsaufgabe und Missionarinnen (91–161) und in einem vierten geht es um Veränderungen in einer vielfältigen Stresssituation durch regionale Kultur und dazugehörige Lebensbedingungen (163–182). Vor allem Missionarinnen be­tonten früh die soziale Verantwortung Europas für die Armen. Sie sahen die religiös begründete Nähe zu den einheimischen Menschen – oftmals in Distanz zu Siedlergesellschaften europäischer Herkunft. Trotz des hohen Anteils der Missionarinnen an der Mitarbeiterschaft hat sich erst seit den 1960er Jahren zunächst bei den Gehältern die Lage der Frauen gebessert, die dennoch immer noch als marginalisiert gelten können – sowohl in der Missionsgesellschaft wie auch sozial in den Arbeitsgebieten. Dort vor Ort war allerdings die Gemeinschaft aller Missionsmitarbeitenden umso wichtiger. Der Anteil an Führungspositionen in der Missionsgesellschaft selbst ist immer noch gering. Der Anteil an Führungspositionen für Frauen scheint in einem reziproken Verhältnis zum Einfluss dieser Positionen zu stehen. H. diagnostiziert eine männliche Dominanz. Die Tätigkeit als Missionarin förderte immer schon vom traditionellen Rollenbild verdeckte Fähigkeiten der Pionierin und Überlebenskünstlerin wie Mut, Kreativität und Initiative.
Es lässt sich feststellen, dass nicht erst emanzipatorische Gedanken zum Engagement für Frauen in den Arbeitsfeldern führten. Das religiöse Selbstverständnis des Selbstopfers in der Hingabe des Lebens für andere motivierte in den Anfängen in die gleiche Richtung. Die Wesensbestimmung von Weiblichkeit als Arbeit, Fürsorge und Mutterschaft änderte sich gesellschaftlich so, dass heute in der finnischen Missionsgesellschaft auch die Rolle der Hausfrau und Mutter als bezahlte Tätigkeit gesehen werden kann insofern, als die Erziehung der Kinder wahrgenommen wird. H. behandelt auch das Phänomen der interethnischen Ehen zwischen ursprünglich ledig ausgereisten Missionarinnen und einheimischen Partnern. In aller Regel wird das Kennenlernen anderer Kulturen und ihrer Lebensbedingungen als wertvollste Erfahrung erinnert (164 ff.). Das Selbstverständnis als Bote des Evangeliums und eines neuen zivilisatorischen Lebensstils ist in jüngster Zeit dem einer »Agentin erneuerter Spiritualität« gewichen. Das politisch-soziale Engagement äußert sich in einer Missionstheologie solidarischen Mitleidens. Abschließend zeichnet H. ein Porträt der Missionarinnen (185–196).
Bereits im Vorwort betont H. nach dem Vorbild Kenas die Vielfältigkeit der Phänomene, die sich nicht in schlichte Theorien pressen lassen. Der Titel »Die Berufung trägt uns« deutet an, welchen Herausforderungen sich weibliche Missionsmitarbeiter in besonderer Weise gegenüber sahen – nicht nur in fremden Kulturen –, sondern auch im eigenen Land, wie sehr die eigene Frömmigkeit aber auch an der Arbeit nicht irre werden ließ. Der Bezugsrahmen religiösen Glaubens hat widerständige Erfahrungen verarbeiten helfen. Dieses Muster zieht sich bei allen Veränderungen missionarischer Praxis durch. Die empirische Studie liefert also Argumente für eine religiöse Begründung von Mission, so sehr sich Bezüge auch wandeln mögen. H. legt anhand des Materials der finnischen Missionsgesellschaft eine der wenigen empirischen Studien zum Selbstverständnis weiblicher Mitarbeiter in der Mission vor.
Ein interessantes Ergebnis ist, dass die von den gesellschaftlichen Veränderungen hervorgerufenen neuen Rollenverständnisse der Geschlechter nicht die missionarische Tätigkeit schwächten, sondern neue Tätigkeitsfelder finden ließen. H.s Er­gebnisse verdienen es, in das Gespräch mit anderen Forschungen einbezogen zu werden. In einer zunehmend global denkenden und herausfordernden Welt bedarf es keiner Begründung für die Notwendigkeit derartiger Studien. Letztlich ermutigen sie auch die Kirchen zu globaler interkultureller Erfahrung und damit zur Mission.