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Ausgabe:

April/2011

Spalte:

379-380

Kategorie:

Religionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bsteh, Andreas, u. Tahir Mahmood [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Erziehung zu Gleichberechtigung. Eine Antwort auf Ungerechtigkeit und Intoleranz. 4. Vienna International Christian-Islamic Round Table Mödling, 29. Juni bis 2. Juli 2006.

Verlag:

Mödling: St. Gabriel 2007. 224 S. 8° = Vienna International Christian-Islamic Round Table, 4. Kart. EUR 16,80. ISBN 978-3-85264-616-9.

Rezensent:

Friedmann Eißler

Der zu besprechende Band dokumentiert die Beratungen der vierten Plenartagung des »Vienna International Christian-Islamic Round Table« (VICIRoTa) vom Sommer 2006. Vorausgehende Treffen des Runden Tisches hatten Intoleranz, Gewalt, Armut und Ungerechtigkeit zum Thema; angesichts der vielfachen Formen von Diskriminierung nicht zuletzt zwischen den Geschlechtern sollte es nun um Erziehungs- und Bildungsfragen vor dem Hintergrund des religiösen Pluralismus und den Herausforderungen des Fundamentalismus gehen. In bewährter Weise sind nicht nur die Referate, sondern auch die anschließenden Diskussionen mit namentlich gekennzeichneten Wortbeiträgen nachzulesen, wobei die Hauptgedanken zur besseren Orientierung in Stichpunkten am Rand hervorgehoben werden.
Die Soziologin Saleha S. Mahmood (Pakistan/Saudi-Arabien) geht auf die dringende Notwendigkeit des Zugangs zu Grundschulbildung unter dem Ge­sichtspunkt der Bildung als individuellem Menschenrecht ein. Sie erläutert die Millennium-Ziele der Vereinten Nationen und verstärkt Erkenntnisse verschiedener UN-Berichte und Statistiken auf der Grundlage des Postulats, dass der Islam Bildung nicht nur erwünscht, sondern nachgerade zur religiösen Pflicht macht.
Über die europäischen Rahmenbedingungen für religiöse Erziehung im Unterricht orientiert der Wiener Rechtswissenschaftler Richard Potz mit einer allgemein gehaltenen Übersicht über das Verhältnis von Staat und Religion in Europa, das im Hinblick auf konfessionelle Privatschulen, den Religionsunterricht und die Erwachsenenbildung spezifiziert wird. Die Aussprache macht auf die umgekehrte Parallelität zu Europa aufmerksam, dass in islamischen Ländern Privatschulen häufig gerade – im Gegensatz etwa zu traditionellen madrasas – säkular ausgerichtet sind.
Tahir Mahmood prüft internationale Rechtsdokumente aus Asien und Afrika sowie religiöse Texte auf ihre Haltung zum Recht auf Erziehung (es sollte wohl besser heißen: Bildung). Die ernüchternde Diskrepanz zwischen der Bekräftigung solchen Rechts und den erschreckenden Realitäten führt der Rechtsgelehrte aus Indien, das die zweitgrößte muslimische Bevölkerung der Welt beherbergt, vor allem auf politisches Versagen zurück und empfiehlt die Besinnung auf religiöse Schlüsseltexte. Für Muslime sind, gemessen an der Häufigkeit der Zitierung, neben Sure 96,1–5, einige Hadithe ein wichtiger thematischer Be­zugspunkt, deren bekanntester dem Propheten Mohammed die Aufforderung in den Mund legt: »Sucht das Wissen, selbst wenn es in China ist.«
Aus christlich-orthodoxer Sicht ergeben sich für Bischof Georges Khodr (Libanon) interessante Parallelen zwischen Christentum und Islam in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Predigt und Bildung. Er hebt auf die Bedeutung des Predigers (hatib, hutba) und des Rufers (da'i, da'wa) für den Bildungsprozess im Islam ab und betont das gemeinsame Berufensein zum Guten von Christen und Muslimen, das sich etwa im gemeinsamen Suchen »nach dem, Der Da Kommt« ausdrücke.
Die Rolle der Geschlechter ist Thema des Beitrags von Aïcha Belarbi (Ma­rokko), der die Notwendigkeit und den Nutzen der Bildung von Frauen ausgehend von Daten aus UN-Erhebungen in den Blick nimmt.
Goga A. Khidoyatov aus Taschkent bringt eine zentralasiatische Perspek­tive ein, die den Übergang vom Kommunismus zur herrschenden Rolle des Islam dort beleuchtet und dabei den enormen Einfluss arabischer Länder, allen voran Saudi-Arabien, auf die Entwicklungen in Zentralasien erhellt.
Mohammad M. Schabestari (Teheran) legt in seinem knappen Referat Wert auf die Unterscheidung einer religiösen Erziehung im Sinne der Weitergabe von Traditionen von einer religiösen Identitätsbildung, die dazu anleitet, sich für das Geheimnis der Wahrheit zu öffnen.
Historische und systematisch-theologische Gesichtspunkte nimmt Ingeborg Gabriel (katholische Fakultät Wien) auf, um Ansätze einer Gerechtigkeitspädagogik aufzuzeigen, die moralisches Lernen als personales und damit soziales Lernen erweisen.
Um von der Phase der Verpflichtung zur Durchsetzung der Menschenrechte zu gelangen, bedarf es laut Irmgard Marboe (Wien) der Nutzung aller Informationskanäle, um Menschen zu sensibilisieren.
Als kleines Juwel in der Beitragsreihe darf das Plädoyer von Adel Th. Khoury (Münster) gelten, das mit einem tief empfundenen Respekt für die Bedeutung der menschlichen Begegnung für einen Dialog in der Treue des Glaubens (Aspekt der unverfügbaren Wahrheit) und zugleich in kritisch-sympathischer Offenheit (Aspekt der Toleranz) wirbt. Ist hier der religiöse Pluralismus im Blick, so wendet sich Nasira Iqbal (Lahore) schließlich dem Problem des Fundamentalismus zu, dem die Dringlichkeit demokratischer und freiheitlicher Verhältnisse entgegengehalten wird.
Angesichts der überhitzten Islamdebatten unserer Tage mögen die Diskussionsgänge bisweilen eher distanziert, fast abgehoben wirken, sie münden immer wieder in allgemeine Forderungen. Gerade deshalb stechen hier und da konkrete Positionierungen hervor, etwa die, dass die »Erfolgsgeschichte« im indischen Kerala der kommunistischen Politik zugeschrieben wird, während der Anteil der Christen – die dort die größte christliche Population der indischen Bundesstaaten stellen – unbeachtet bleibt. Beim Thema Frauen und Gleichberechtigung wirft der Tenor Fragen auf, die Scharia stelle eine Quelle der Besserstellung von Frauen dar, die durch blinde Übernahme westlicher Gewohnheiten verkannt würde.
Doch auch wenn am Ende wohl ohnehin mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden (können), gibt der Band dem interessierten Leser neben vielen sachlichen Detailinformationen einen Einblick in die ebenso notwendige wie mühsame Arbeit an konkreten Problemfeldern, die – gegen einen unheilvollen Trend – die Dialogarbeit des VICIRoTa-Programms kontinuierlich aufnimmt.