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Ausgabe:

März/2011

Spalte:

354-355

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Robert, Dana L. [Ed.]

Titel/Untertitel:

Converting Colonialism. Visions and Realities in Mission History, 1706–1914.

Verlag:

Grand Rapids-Cambridge: Eerdmans 2008. X, 304 S. gr.8° = Studies in the History of Christian Missions. Kart. US$ 40,00. ISBN 978-0-8028-1763-1.

Rezensent:

Markus Roser

Der missionsgeschichtliche Sammelband Converting Colonialism präsentiert neun Fallstudien, die eine größere Vielfalt an historischen Erfahrungen belegen als in den bisherigen Theorieansätzen angenommen. »Bekehrte der Kolonialismus die Missionare oder die Missionare den Kolonialismus?« ist die von der Herausgeberin Dana L. Roberts gestellte Leitfrage. Die seit den 1960er Jahren ideologisch geführte Debatte um die Missionsgeschichtsschreibung, »Missio­nare seien Handlanger des europäisch kulturellen Imperialismus gewesen und ihre missionarischen Ziele der Bekehrung und Veränderung sozialer Verhaltensweisen seien allein den Zielen expansiver Kolonialpolitik zu subsumieren«, konnte erst in den 1990er Jahren aufgebrochen und überwunden werden, als das Christentum sich zu einer mehrheitlich nicht-westlichen Religion entwickelte und damit eine differenziertere Betrachtungsweise möglich machte. Die Fallstudien zeigen, dass Ziele, Visionen und Erfahrungen der Missionare von den Interessen lokaler Konvertiten herausgefordert und geformt wurden, letztlich ohne diese nicht möglich gewesen wären. Mission kann deshalb keinesfalls als Einbahnstraße verstanden werden. Stattdessen sollte Missionsgeschichte als interkulturelle Begegnung und Joint Venture interpretiert werden.
Daniel Jeyaraj analysiert Missionsberichte aus Südindien aus dem 18. Jh. auf ihren Einfluss im Westen (21–42). Er kommt zu dem Ergebnis, dass die riesige Menge an Informationen, die aus Indien über Indien nach Europa exportiert wurde, einen immensen Einfluss auf die wachsende evangelische interkulturelle Missionsbewegung unter Intellektuellen und in der Öffentlichkeit hatte. Der indische Kontext veränderte nicht nur die Missionare sondern auch die sie entsendenden Organisationen, so dass B. Ziegenbalg dafür eintrat an europä-ischen Universitäten Tamil zu unterrichten. Heute sind z. B. die Archive der Tranquebar Mission eine unentbehrliche Quelle für linguistische, ethnolo­gische und religionswissenschaftliche Studien.
Roy Bridges zeigt in seinem Beitrag The Christian Vision and Secular Imperialism die Interessenkollision zwischen Church Missionary Society und Royal Geographical Society in Ostafrika zwischen 1844–1890 (43–59). Aufgrund der geographischen Expeditionen von Stanley und Livingstone, gefolgt von infrastruktureller Exploration und kolonialistischen Wirtschaftsinteressen kompromittierten zahlreiche Missionare durch eine enge Zusammenarbeit mit politischen, wirtschaftlichen und militärischen Unternehmungen ihre eigenen visionären Ziele in der Hoffnung auf bessere Möglichkeiten zur Umsetzung ihrer Arbeit. Andrew Porter weist auf das Aufeinanderprallen von Evangelikalismus, Islam und milleniaristischen Erwartungen im 19. Jh. (60–85). Trotz der Erfahrungen im 19. Jh. durch Kontakte nach Indien, in den Nahen und Fernen Osten und nach Afrika, welche die Kenntnisse über den Islam vertieften, Kontakte verbreiterten und es generell zu einer zunehmenden Vertrautheit mit den Islam kam, wurde die Frage wie der Islam in die Weltgeschichte einzuzeichnen sei mit dem prämilleniaristischen Deutungsrahmen als Antichrist beantwortet. C. Peter Williams beschreibt den Konflikt der Church Missionary Society mit den einheimischen Kirchen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. um Konstruktion und Dekonstruktion der Ideale von Henry Venn (86–111). Ursprünglich angetreten war die Church Missionary Society mit den Autonomie unterstützenden Drei-Selbst-Prinzipien (self-governing, self-supporting, self-propagating). Williams beklagt, wie durch die Missionsgeschichtsschreibung von Eugene Stocks die Vennschen Ideale genau zu dem Zeitpunkt zerschlagen wurden, als eine neue Generation von Missionaren gezielt dagegen ar­bei­tete.
Am Beispiel Evangelikaler Missionen bearbeitet Richard El­phick Fragen der Gleichstellung in Südafrika zwischen 1890 und 1910 (112–132). Während sich einige Missionare in der Verteidigung der Menschenrechte für Schwarze engagierten, taten andere dies nur zögernd, um zu beweisen, dass Mission nicht subversiv arbeite und weil sie selbst wenig Vertrauen in Schwarze als gleichberechtigte Partner hatten. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in der Debatte um die Ordination von Afrikanern wieder. Hintergrund ist nach Elphick eine tiefe Affinität angelsächsischer protestantischer Missionen zur sozialen Gerechtigkeit. Dana L. Robert stellt in ihrem Beitrag »Christian Home Making« (134–165) als Grundpfeiler der anglo-amerikanischen Mission für Theorie und Praxis heraus. Dabei stützt sie sich auf einen Artikel von Rufus Anderson (Introductory Essay on the Marriage of Missionaries, 1839), welcher der Missionarsfamilie eine Schlüsselrolle für den Missionseinsatz zuschreibt. Ziel war es, die als unsittlich bewerteten Zustände in den nicht-christlichen Gesellschaften zu verändern. Dazu brauchte es christliche Familien als posi­-tive Beispiele. Damit waren Frauen nicht nur als Ehefrauen, Hausfrauen und Mütter auf den Plan gerufen, sondern auch als Lehrerinnen für missionarische Aufgaben. Bereits 100 Jahre später bei der Versammlung des Internationalen Missionsrates in Madras, 1938, war die Unterstützung der Mission durch die christliche Familie und Frauen als wesentlicher Teil der Weltmission zum zentralen Thema geworden. Dass die Kirche in Bengalen in den Jahren 1800–1894 indischer war als gemeinhin angenommen zeigt Eleanor Jackson an zwei in­-dischen Biographien (166–205). Krishna Pal (1764–1822) und Lal Behari (1824–1894) repräsentieren chronologisch das Spektrum der indischen Pastoren und Evangelisten, die wesentlich zum Aufbau der indischen Kirche von Bengalen beigetragen haben. In dem Beitrag »Indigenous Agency, Religious Protecto­rates, and Chinese Interests: The Expansion of Christianity in Ninetheenth-Century China« (206–241) gibt R. G. Tiedemann einen Überblick über die Rolle von Katholiken und Protestanten bei der Ausbreitung des Evangeliums in China. In einem ersten Schritt untersucht er die Entwicklung und innere Struktur verschiedener katholischer indigener Organisationen vor 1830. In einem zweiten Schritt analysiert er die Wiederaufnahme ausländischer katholischer Aktivitäten infolge des Ritenstreites nach 1830 und fasst die protestantischen Missionsansätze ab Mitte des Jahrhunderts zusammen. Abschließend resümiert er die Diskussion um die chinesischen Bekehrungsmotive aufgrund materieller Vorteile infolge des geschützten Rechtsstatus im19. Jh.
J. F. A. Ajayi geht dem politischen Einfluss ehemaliger Missionszöglinge nach (242–264). An drei Beispielen wird die Spannung zwischen christlich-westlicher Ausbildung und traditional-politischer Macht illus­triert: an der Fante Konföderation in Sierra Leone 1765–1816, dem von G. W. Johnson 1863 initiierten Egba United Board of Management im Kontext der CMS Yoruba Mission in Abeokuta und der Missionsstrategie von Ibadan, welche die christliche Präsenz innerhalb der traditionalen Kultur zum Ansatzpunkt hatte. Ajayi argumentiert, dass die koloniale Behinderung der afrika­nischen Eliten den Aufbau organisierter Geheimbünde provozierte. Beispiele sind Egbe Agba O’tan und Reformed Ogboni Fraternity im Westen Nigerias. Er folgert, dass die Afrikanisierung des Christentums erfolgreicher als die Chris­tianisierung der afrikanischen Institutionen war. Christen waren zu sehr damit be­schäftigt, säkulare Institutionen zur freien Religionsausübung aufzubauen, und vernachlässigten es, christliche Grundwerte in die Gesellschaft einzubringen. Deshalb fordert Ajayi neue Wege zum Aufbau einer christlichen Politik.
Die Fallstudien gewähren sachlich fundierte und differenzierte mis­sionsgeschichtliche Einblicke. Die Eingangsthese von der Missionsgeschichte als interkulturelle Begegnung und als Joint Venture wird bestätigt. Mit Respekt eine lohnende Lektüre!