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Ausgabe:

März/2011

Spalte:

352-354

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Reller, Jobst [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Seelsorge, Gemeinde, Mission und Diakonie. Impulse von Ludwig Harms aus Anlass seines 200. Geburtstages.

Verlag:

Berlin-Münster: LIT 2009. VI, 214 S. m. Abb. 8° = Quellen und Beiträge zur Geschichte der Hermannsburger Mission und des Ev.-luth. Missionswerkes in Niedersachsen, 18. Kart. EUR 19,90. ISBN 978-3-8258-1942-2.

Rezensent:

Ulrich Schöntube

Der Herausgeber, Dozent für Kirchengeschichte und Praktische Theologie am Missionsseminar in Hermannsburg, ist gewiss zurzeit der größte Kenner und Nestor der Forschungen zu Ludwig Harms (1808–1865). Davon zeugen viele einzelne Publikationen, die Edition der Briefe Harms’ aus dem Jahr 2004 und der 2008 erschienene erste Teil einer neuen, quellenreichen Biographie über Ludwig Harms. Der vorzustellende 18. Band der Reihe »Quellen und Beiträge zur Geschichte der Hermannsburger Mission und des Evangelisch-Lutherischen Missionswerks in Niedersachsen« ist eine schöne Ergänzung zu dieser Biographie. Die Beiträge gingen aus einem Symposium aus Anlass des 200. Geburtstages von Ludwig Harms hervor. Man wird angesichts der Fülle der Veröffent­-lichungen über Harms mit Christoffer Grundmann, einem Bei­-träger des Bandes, fragen dürfen: »Verändern neue Quellen und Aufsätze die allgemein bekannten Grundeinsichten zur Sache we­sentlich?« Seine Antwort: »Mir scheint das fraglich.« (104) Trotz dieser Skepsis hinsichtlich neuer Grundeinsichten zu Harms, die der Rezensent kaum teilen mag, verbindet dieser Band Geschichte (1) und Gegenwart (2).
1. Zum einen wird in die aktuelle Lage der historischen Forschung zu Ludwig Harms eingeführt. Für die missionsgeschicht­liche und kirchenhistorische Auseinandersetzung dürften der Forschungsüberblick von Hugald Grafe und seine mit Jobst Reller zusammen erstellte Bibliographie grundlegend sein. Neue Aspekte zur Biographie Harms erschließen die Beiträge von Christoffer Grundmann über die Missionspraxis des Heidepastors sowie von Hartwig Harms über die pastorale Tätigkeit des Hermannsburgers, die er aus den erhaltenen Kirchen- und Schulberichten erschließt. Andrea Grünhagen stellt das bisher wenig bekannte Verhältnis zwischen Ludwig Harms und seinem Vater Christian Harms vor, dem er als »pastor adjunctos« einige Jahre zur Seite gestellt war. Das harmonische Verhältnis zeigt exemplarisch, dass im praktischen pastoralen Feld wohl auch von Kontinuitäten zwischen Aufklärung und Erweckungsbewegung ausgegangen werden kann. Schließlich zeigt Heinrich Kröger, wie sich Harms um die Inkulturation des Evangeliums verdient machte, indem er plattdeutsch nicht nur in der Schule und »auf der Diele des Pfarrhauses« predigte, sondern auch – und das war bisher nicht bekannt – in der Kirche. Auch wenn insbesondere bei dem letzten Beitrag eine größere Treue in den Nachweisen (z. B. 47) wünschenswert gewesen wäre, bleibt festzuhalten, dass diese Beiträge biographische Bezüge der Erweckungsbewegung in einem Exempel erhellen. Damit wird zugleich ein Desiderat der missions- und kirchengeschichtlichen Forschungen deutlich. Denn dem Beispiel Harms wären andere an die Seite zu stellen, die es lohnen würde, mit derselben Akribie zu erforschen. Zu denken wäre etwa an die anderen Jubilare des Jahres 2008, wie beispielsweise Wilhelm Löhe oder den eine Generation zuvor wirkenden Johannes Evangelista Goßner. Vor diesem Hintergrund ist der einführende Aufsatz des Baseler Kirchenhistorikers und Kenners der Erweckungsbewegung Martin Jung zu diskutieren. Er wählt als Ausgangspunkt der Beschreibung der Erweckungszeit, deren vielfältige Erscheinungsformen sich kaum in der gebotenen Kürze des Beitrages entfalten lassen, das Geburtsjahr Harms’ 1808 und die in Genf gegründete »Société des Amis«, während die eher anzusetzende Allgäuer Erweckungsbewegung mit Martin Boos unerwähnt bleibt, die aber ebenfalls einen transkonfessionellen Ausgangspunkt geboten hätte.
2. Neben diesen historischen Beiträgen verfolgt der Herausgeber einen zweiten Aspekt, der die historische Forschung mit Fragen der Gegenwart verbindet. Es kommen zwei Autoren zu Wort, die aus der pastoralen Tätigkeit von Ludwig Harms Impulse für die kirchliche Existenz in der Gegenwart entwickeln. So sieht Peter Zimmerling in Ludwig Harms’ Seelsorgepraxis und Kybernetik Ansätze, die gegenwärtige Konzepte ergänzen bzw. korrigieren. So sei etwa in der Seelsorge vor dem Hintergrund der Rechtfertigungslehre – dem Zentrum der pastoralen Praxis Harms’ – Schuld und Vergebung ebenso neu zu thematisieren wie die Person des Seelsorgers, der im Gespräch »als Mensch mit seinen Gebrochenheiten sichtbar wird, der aus der Vergebung Jesu Christi lebt« (163). Johannes Zimmermann wird durch die stabilitas loci des Heidepastors angeregt, mit Konzepten wie Herbert Lindners »Kirche am Ort« ein Plädoyer für die Ortsgemeinde zu geben. Gegenüber dem Reformpapier »Kirche der Freiheit« sei daran festzuhalten, dass die Ortsgemeinde ein Kristallisationspunkt von Kirchlichkeit sei, in der die Sammlung und die Sendung, die Inkulturation des Evangeliums und »Konterkulturation«, also die Grenzen überschreitende Funktion und Fremdheit des Evangeliums, in ein angemessenes Verhältnis zu bringen sind.
Im Ganzen betrachtet bietet der Band in der Verbindung zwischen historisch-biographischer Forschung und aktueller Reflexion einen schönen Beitrag für die Debatte über die missionarische Existenz der Kirche.