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Ausgabe:

Dezember/2010

Spalte:

1404-1406

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Liebau, Heike

Titel/Untertitel:

Die indischen Mitarbeiter der Tranquebarmission (1706–1845): Katecheten, Schulmeister, Übersetzer.

Verlag:

Tübingen: Verlag der Franckeschen Stiftungen Halle im Max Niemeyer Verlag 2008. X, 483 S. gr.8° = Hallesche Forschungen, 26. Kart. EUR 78,00. ISBN 978-3-484-84026-3 (Niemeyer); 978-3-939922-07-0.

Rezensent:

Anders Nørgaard

Heike Liebau, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Mo­derner Orient, Berlin, kann in ihrer Bibliographie schon eine lange Reihe von wertvollen Artikeln und Monographien über Themen aus der Geschichte der Tranquebarmission auflisten und fügt mit dieser Arbeit ein Glanzstück hinzu, das hoffentlich nicht den Endpunkt dieser Perlenreihe darstellt. Das Buch bringt sogar mehr, als der Titel verspricht, denn nicht nur der Einsatz indischer Katecheten, Schulmeister und Übersetzer wird beschrieben, sondern auch die bis jetzt oft übersehene Arbeit mehrerer Hundert indischer »Nationalarbeiter«, darunter auch Frauen, die als technisches Personal aktive Mitgestalter der Mission waren.
Umfangreich und gründlich wird in sechs Kapiteln und einem hervorragenden Anmerkungsapparat die Missionsgeschichte und der Missionsalltag im historischen und regionalen Umfeld beschrieben und zwar so, dass die komplexe Begegnung der sozialen Gruppen widergespiegelt wird. Das Thema wird vorwiegend nicht im missions- und kirchenhistorischen, noch weniger im dogma­tischen Kontext behandelt. Der Aufbau der Studie orientiert sich eher an thematischen und chronologischen Gesichtspunkten. Ob­wohl dadurch neue und spannende Pespektiven zu Tage treten, ist es wohl in einer ThLZ-Rezension nicht unangebracht zu bedauern, dass die wichtigen dogmatischen Überlegungen, die dem Anfang der Mission vorangehen, bei L. kaum zum Vorschein kommen und damit ein wesentlicher Hintergrund für ein tieferes Verständnis von Mission und deren Verhältnis zur indischen Gemeinde und den indischen Mitarbeitern unverarbeitet bleibt. Mit Recht behauptet L., man dürfe die Entstehung und Entwicklung der in­dischen lokalen Mitarbeitergruppe nicht nur als Erfolg missionsstrategischer Überlegungen sehen, sondern auch als Ergebnis der aktiven Mitgestaltung durch die indischen Angestellten selbst. Sie übersieht aber, dass die Zusammenarbeit ein dogmatisches Prolegomenon hat. Zu bedauern ist auch, dass L. die lateinischen theologischen Traktate aus den Anfangsjahren der Mission nicht einbezieht. Dort wird erstmalig das Verhältnis der Kirche (Mission) zur örtlichen indischen Gemeinde prinzipiell und dogmatisch er­wogen.
Diese wohlbedachte orthodoxe Theologie wird auch an der lateinischen Instruktion deutlich, die den Missionaren vorgeschrieben wurde. L. erwähnt zwar die königliche Instruktion und bezeichnet sie als »grundlegend und richtungsweisend für die Missionare«, um­so mehr wäre aber eine genauere Behandlung deren Inhalts wünschenswert gewesen. Hoffentlich deutet das nicht auf eine grundsätzlich fehlende Bereitschaft, lateinisch geschriebene Quellen und Literatur einzubeziehen. Denn ohne Latein wird die Verwendung der Quellen und Literatur zu Geschichte der Tranque­barmission lückenhaft. Auch sucht man vergebens bei L. nach den theologisch-dogmatischen Überlegungen der Mission zur Notwendigkeit eines eigenen indischen Kirchenbaus, der »Neu-Jerusalem Kirche«. Wi­der die Behauptung der dänischen Obrigkeit, die Inder könnten doch leicht in der dänischen Zionskirche Platz finden, verteidigen die Missionare die Notwendigkeit eines eigenen einheimischen Kirchenbaus nicht aus praktischen, sondern aus dogmatischen Gründen. Und vergebens sucht man auch einen Hinweis auf die von der Mission geforderte strikte Einhaltung der »dänischen Kirchenordnung«, wo jeder Gottesdienst immer von einem einheimischen Mitarbeiter, in diesem Falle indischen Vorbeter, eingerahmt werden muss.
L. beschränkt sich leider auf nur zwei Abbildungen, die sie allerdings sehr illustrativ als Ausgangspunkt ihrer Schlussbetrachtungen verwendet. Es handelt sich um die Bekrönungsmalerei des »Indienschrankes« der Kunst- und Naturalienkammer zu Halle und den bekannten Kupferstich von J. J. Kleinschmidt Vorstellung der Evangelisch Ostindischen Kirche, und zwar in der bemerkenswerten zweiten veränderten Fassung des Stiches, wo die Medaillons mit den europäischen Missionaren verschwunden sind und dafür ein Medaillon mit dem ersten indischen National-Pfarrer Aaron eingesetzt worden ist. Merkwürdigerweise macht L. nicht darauf aufmerksam, was ja in dieser Arbeit sehr angebracht gewesen wäre.
Obwohl gewisse Einwände gegen die fehlende theologische Behandlung des Themas nicht verschwiegen werden können, dürfen sie nicht diese gelungene und wertvolle Arbeit überschatten. Ihr Ziel, »dem Alltag der Begegnung von deutschen Missionaren und der tamilischen Bevölkerung auf der Mikroebene nachzugehen und herauszufinden«, hat L. erreicht. Und sie hat überzeugend bewiesen, dass die Tranquebarmission »kein europäisches Unternehmen blieb, sondern in seiner lokalen Ausprägung … zu einem interkulturellen Projekt mit bedeutenden einheimischen Akteuren wurde«.
L. hat eine gewaltige Arbeit geleistet, die »äußeren Themen« der Wirksamkeit der »Nationalarbeiter« sehr ausführlich dazulegen. Aber sie fügt ausdrücklich hinzu: »Die umfassende Entschlüsselung ihrer Innen- und Eigensicht bleibt als Aufgabe für künftige Forschungen bestehen.« Ich möchte die theologische Entschlüs­selung des Themas als wichtige noch ausstehende Arbeit benennen.
Einige Worte zu Quellen und Literatur seien hinzugefügt: L. ist früher für eine »Rehabilitation« der »Hallischen Berichte (HB)« als eine wichtige Quelle zur Südindienkunde eingetreten. In ihrer Arbeit verwendet sie demgemäß auch die HB als wichtigste Quelle, und eben zum Thema »indische« Mitarbeiter braucht man wohl nicht den sonst angemessenen Vorbehalt, da sie ja nicht zu den in den gedruckten Berichten ausgelassene »Odiosa« gehören, ob­wohl L. selbst auf »ausgelassene Odiosa« aufmerksam macht. Dass die HB überwiegend als Quelle benutzt werden, bedeutet eine nicht zu übersehene Einseitigkeit. Dass z. B. in den Berichten der Kolonieobrigkeit die Nationalarbeiter sehr anders als in den HB beurteilt werden, tritt bei L. nicht hervor. Sie nennt ihre Arbeit »ein indienzentriertes Projekt mit ›eurozentrischen Quellen‹«. Sie käme der Wahrheit näher, hätte sie die Quellen » missionszentriert« be­nannt. Auffallend ist, dass überhaupt die englischen und dänischen Archivalia in dieser Arbeit nur schwach repräsentiert sind und dass »außer-missionarische« Quellen wie z. B. das Archiv der dänischen Ostindischen Kompagnie und der dänischen Kolonieverwaltung gänzlich fehlen. Auch fehlen in der Quellenliste die wichtige »Ledreborgsammlung« und das Archiv der Leipziger Mission, wo in den zum Druck nicht bestimmten Berichten wichtige Auskünfte über das Verhältnis der Mission zu der indischen Bevölkerung zu finden wären. Die Archivalia der SPCK sind auch nur sparsam repräsentiert und ein Hinweis auf die praktische Mikroverfilmung des ganzen SPCK-Archivs fehlt.
Was die Literaturliste betrifft, so ist sie sehr umfassend; mehr als 450 Titel sind unter »Sekundärliteratur« angegeben. Wie oft in solchen Fällen wundert man sich über einige Titel, die in der Liste aufgenommen sind, obwohl sie eher in einer Liste der »Tertiärliteratur« Aufnahme hätte finden müssen, wenn überhaupt! Danach kommt die Verwunderung über die wichtigen Bücher, die in der umfassenden Liste fehlen. Die fehlenden lateinischen Ab­handlungen habe ich schon erwähnt. Ich muss hinzufügen, dass die angeführte dänische Forschungsliteratur mangelhaft und zufällig ist und dass relevante sowohl ältere als neuere dänische Forschungsbeiträge fehlen. Die Mühe von L., auch dänische Quellen und Literatur zu benutzen, ist sehr achtenswert. Aber wenn man sich ebendiese Mühe macht, wäre umso mehr eine qualitativere Auswahl wünschenswert.