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Ausgabe:

September/2010

Spalte:

1045-1046

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Sievernich, Michael

Titel/Untertitel:

Die christliche Mission. Geschichte und Gegenwart.

Verlag:

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009. 268 S. gr.8°. Geb. EUR 49,90. ISBN 978-3-534-19515-2.

Rezensent:

Heinrich Balz

So allgemein der Gegenstand, die christliche Mission in Geschichte und Gegenwart, so spezifisch und genau abgegrenzt ist die Sicht des Autors, Michael Sievernich S. J., der in Mainz und Sankt Georgen Pastoraltheologie lehrt, auf ihn. Die umfassend dokumentierte Darstellung und Argumentation findet in allem Wandel der Christentumsgeschichte, in ihren »düsteren wie hellen Seiten« die tiefe Kontinuität christlicher Mission, von den biblischen Ur­sprüngen bis zur Enzyklika Redemptoris missio von 1990. Gerade diese entschlossene Parteinahme für das unveränderlich Bleibende macht das Einführungsbuch für protestantische Leser vom Fach mit ihrem starken Krisen- und Epochenwendebewusstsein zu anregender, herausfordernder Lektüre.
Teil I behandelt auf 100 Seiten in vorbereitender Absicht »Zwei Jahrtausende christlicher Mission«. Von den biblischen Ursprüngen handelt ein Durchgang durch das Neue Testament: Alle Evangelien führen zu einem Auftrag an die Kirche hin, die Apostelgeschichte bezeugt seine Verwirklichung. Der Völkerapostel Paulus wird wesentlich durch Lukas gesehen, eine eigene Einlassung mit seiner Theologie des Glaubens und der Mission findet nicht statt. Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit der Mission des Christentums werden beschrieben und typisiert; für das Spontane, Ungeplante von Ausbreitung des Glaubens spricht S. bildhaft von »kapillarer« Mission. Für neuzeitliche Mission im Zuge allgemeiner europäischer Expansion handelt S. eingehend von Amerika, wo es bei allem Gewaltgebrauch auch den theologischen Protest gegen diesen gab, nicht nur bei B. de las Casas. Asien, Afrika und die veränderte Verbindung zwischen Kolonialismus und Mission ab dem 19. Jh. schließen sich an.
Der mittlere II. Teil geht auf 80 Seiten zu den »Missionskonzepten« über. Der Gegenwart sind nochmals die »klassischen« Konzepte vorangestellt: von Tertullian und Augustin, Franziskus und R. Lull zu J. de Acosta und den Vertretern der Adaptation in Asien, A. Valignano, M. Ricci und R. de Nobili. Wichtig wird die neue Rom-Orientierung 1622 mit der Congregatio de propaganda fide. Bei den Protestanten wird die »Verspätung« der Mission konstatiert und die Abschaffung der Orden dafür verantwortlich gemacht, dann aber kommen mit Leibniz, Carey und Schleiermacher auch deren Theoretiker und Praktiker der Mission zur Sprache. Als gegenwartsbestimmend führt S. die Missionstheorien von G. Warneck und J. Schmidlin sowie die Kontroverse über Konversion oder Plantantion als Missionsziel ein; stärker ist für ihn aber der »Paradigmenwechsel« des Vatikanums II mit Ad Gentes, weitergeführt im Programm der Inkulturation, das in einigem Detail, freilich ohne praktische Beispiele, dargestellt wird. Auch eine Profilierung der Inkulturation am eher protestantischen Programm der »Kontextualisierung« findet nicht statt. – Eine Besonderheit, die eigene Empfehlung verdient, ist das Kapitel über »›Mission‹ im Spiegel der Künste«: Beginnend mit der altkirchlichen, mittelalterlichen und barocken Ikonographie, teilweise auch der Dichtung, führt es zu einem reichen Katalog moderner Literaturwerke und endet mit der ausführlichen und persönlich beteiligten Interpretation dreier Romane: A. Döblins Amazonas, C. Achebe, Things fall Apart, und Shusako Endo, Schweigen. Der Nigerianer Achebe und der Japaner Shusako Endo sind zugleich die einzigen nichteuropäischen Stimmen, die S. über Mission zu Gehör bringt.
Teil III, 50 Seiten über »Interkulturelle Dimensionen der Mission«, ist wieder stark geschichtlich bestimmt. Vernunft, Wissenschaft und Mission harmonieren vollständig miteinander. Die Leis­tungen der Missionare in der Bibelübersetzung und allgemeinen Sprachwissenschaft, der von ihnen bewerkstelligte Wissenstransfer von Europa nach China und umgekehrt werden als positiver Beitrag der Mission zur Globalisierung festgehalten. Das abschließende Kapitel »Begegnung der Religionen« geht geschichtlich den Wurzeln von Zwang und Toleranz nach und distanziert sich im Sinne der Enzykliken knapp von pluralistischer Theologie der Religionen. Wichtiger aber bleibt der Dialog, die vom Vatikanum II her bestimmte Öffnung zu neuer Inklusivität und die Abwendung vom vorkonziliar »exklusivistischen« Modell der Heilsvermittlung.
Auch der dritte Teil und damit das ganze Buch endet so in zuversichtlicher Fortführung dessen, was in christlicher Mission immer richtig war und sich von Fehlwegen selbst zu korrigieren vermochte. Im Dialogischen der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Chris­tus ist die Präsenz des Heiligen Geistes in allen Völkern und Kulturen mitgesetzt; auch der Übergang der Mehrheit der Weltchristenheit an die Kirchen des Südens bringt die immer noch vor­wiegend west­-liche Mission in keine tiefere Trägerkrise: Was nichtwestliche Theologen aller Konfessionen über die Mission schreiben, findet bei S. keine eigene Aufmerksamkeit. Mission als Einladung zum Glauben spricht das »Freiheits- und Wahrheitsvermögen des Menschen« an, so der letzte Satz: Mit der überwundenen Enge alter vorkonziliarer Missionstheologie bleibt auch die Erlösungsbedürftigkeit, bleiben Schuld und Sünde des Menschen, weit, für protestantisch theologische Leser wohl zu weit, dahinten.