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Ausgabe:

März/2010

Spalte:

382-384

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Kirchberger, Ulrike

Titel/Untertitel:

Konversion zur Moderne? Die britische Indianermission in der atlantischen Welt des 18. Jahrhunderts.

Verlag:

Wiesbaden: Harrassowitz 2008. XIII, 327 S. m. Ktn. gr.8° = Studien zur Außereuropäischen Christentumsgeschichte (Asien, Afrika, Lateinamerika). Studies in the History of Christianity in the Non-Western World, 13. Geb. EUR 56,00. ISBN 978-3-447-05721-9.

Rezensent:

Karl Markus Kreis

Dieser Band öffnet die Reihe der »Studien zur Außereuropäischen Christentumsgeschichte« für den Bereich Nordamerika und bricht insofern mit ihrer bisherigen Beschränkung auf »Asien, Afrika, Lateinamerika«. Ulrike Kirchberger, die sich mit dieser Schrift an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth habilitierte, beweist damit nachdrücklich die Notwendigkeit dieser Weitung des Horizonts für die Analyse globaler Entwicklungen. Der Titel enthält bereits ihre weit gespannte Fragestellung: Die britische Indianermission wird geographisch in den Gesamtkontext der transatlantischen Beziehungen gestellt und historisch nach ihrem Verhältnis zur Moderne befragt.
Konkret geht es um drei Gesellschaften, die in der Indianermission tätig waren: New England Company (NEC), Society for the Prop­agation of the Gospel in Foreign Parts (SPG), Society in Scotland for Propagating Christian Knowledge (SSPCK). Den von angelsächsischen Historikern neuerdings verwendeten Begriff »British Atlantic World« (oder auch »British Atlantic Empire«) möchte K. durch die Beschreibung der transatlantischen Strukturen dieser Gesellschaften konkretisieren. Während also die geographische Achse der Analyse sich über den Atlantik erstreckt, umfasst die chronologische Achse die Epoche imperialer Umwälzungen zwischen 1780 und 1830.
Der Forschungsstand zu den drei Gesellschaften ist zum Teil dürftig oder veraltet. Relativ am besten erforscht ist die 1701 gegründete SPG, die größte der drei Gesellschaften, von der anglikanischen Kirche getragen und auch außerhalb Nordamerikas aktiv. Im Unterschied dazu konzentrierte sich die 1649 gegründete nonkonformistische NEC auf die Indianermission. Bisher weitgehend unbeachtet von der Wissenschaft blieb die SSPCK: Sie wurde 1709 von der Kirche Schottlands zur Konvertierung der katholischen Bevölkerung des Hochlands gegründet und begann erst 1730 Missionare zu den Indianern zu entsenden. In der ersten Hälfte des Bandes werden die organisatorischen Strukturen der drei Gesellschaften dargestellt. Dem transnationalen Ansatz entsprechend wird auch die Zusammenarbeit mit Kirchen des Kontinents behandelt; die Bedeutung der Herrnhuter Brüdergemeine wird ebenfalls gewürdigt. Auch weniger bekannte Ereignisse wie die Reisen bekehrter Indianer nach Großbritannien werden ausführlich geschildert.
Den ideologischen Grundlagen und Missionsstrategien ist ein weiterer Teil gewidmet: Es kommen dabei die für alle christlichen Missionen gültigen Begründungen wie der biblische Auftrag, der Überlegenheitsanspruch und das Sendungsbewusstsein der Missionare ebenso in den Blick wie spezifisch britische Varianten, etwa die Verbreitung britischer Werte und Tugenden, Antikatholizismus und die Translatio-Lehre. Bei den Methoden wurde neben der Entsendung von einzelnen Geistlichen die Errichtung von »praying towns« zur Sesshaftmachung nomadischer Indianer angestrebt und vor allem die Errichtung von Schulen, um die »Heiden« zu zivilisieren und so für das Christentum empfänglich zu machen.
Den Missionsstrategien lag auch ein bestimmtes Bild von den Adressaten dieser Konversionsbemühungen zugrunde. Wie die Missionsgesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks die Indianer sahen, erfährt man in den beiden nächsten Teilen. Auf dem Hintergrund der Forschungsdiskussion über die Veränderungen des Indianerbildes während des 18. Jh.s macht K. deutlich, dass auch die Missionare die damals zunehmende Abwertung der Indianer teilten, indem sie sie als »Wilde« mit Assoziationen zur Tierwelt charakterisierten (oder bei der SSPCK mit den schottischen Highlanders gleichsetzten). Freilich, betont K., führte diese Abwertung weder im 18. noch später im 19. Jh. zu einem biologischen Rassismus, sondern spornte die Missionare zu größeren Anstrengungen bei der Zivilisierung der »Wilden« an. Weitere Themen dieser reichhaltig belegten Kapitel sind u. a. die Theorie, die Indianer seien die Nachfahren der zehn verlorenen Stämme Israels; das Verhältnis der Indianer zu den Afroamerikanern (in Theorie und Praxis der Mission); schließlich die Wahrnehmung indianischer Sozialbeziehungen und Mythen.
Nach diesem äußerst facettenreich beschriebenen und mate­rialreich belegten Panorama der den Atlantik überspannenden Missionsarbeit wird der Bogen wieder zum globalen Rahmen geschlagen. Der Anspruch aller drei Gesellschaften richtete sich von vornherein auf die Menschen in aller Welt, auch schon vor der amerikanischen Unabhängigkeit: Der in der Literatur behauptete »Swing to the East« als Folge des Verlustes der amerikanischen Kolonien fand, wie K. feststellt, so nicht statt. Gleichzeitig lassen sich auch vielerlei Kontinuitäten feststellen, die von der Loslösung der USA unberührt blieben: In Kanada ging die Arbeit der Gesellschaften weiter; die theologischen Grundlagen der Mission blieben dieselben, also das christliche Sendungsbewusstsein, Überlegenheits- und Mitgefühl für die »Heiden« (später als »Humanitarismus« formuliert), ebenso die vor Ort entstehenden Spannungen mit Siedlern und der Regierung.
Sehr überzeugend sind diese Kontinuitäten herausgearbeitet, die die These von einer Zäsur in der allgemeinen Ausrichtung der britischen Missionen um 1790 weitgehend entkräften: Die Fülle der herangezogenen Quellen aus einer Vielzahl von Archiven in Großbritannien und Nordamerika ist beeindruckend. Sehr wichtig ist auch K.s Hinweis, dass aus Sicht der Adressaten der Missionsbemühungen ohnehin andere Ereignisse und Periodisierungen im Vordergrund stehen.
Auch die Titelfrage, ob denn die Missionen eine »Konversion zur Moderne« bewirkt hätten, beantwortet K. eindeutig negativ. Sie verweist auf die schwer einzuschätzenden tatsächlichen Erfolge der Bekehrungsarbeit, auf den für die Missionare häufig nicht eindeutigen Zusammenhang ihrer Christianisierungsbemühungen mit den Zivilisierungsmaßnahmen der Regierungen und plädiert schließlich dafür, für diesen Zeitraum vom Modernisierungsparadigma überhaupt Abstand zu nehmen. Auch diese Argumentation ist plausibel, solange man sie auf die Binnensicht der Missionare bezieht, also auf deren eigene Zielvorstellungen und die Bilder, die sie sich von den Indianern machten. Welche Entwicklungen innerhalb der indianischen Gesellschaften abliefen, welche Interaktionen mit den Europäern darauf einwirkten (wie z. B. die von K. schon für das 18. Jh. festgestellte Integration der Indianer ins transatlantische Wirtschaftssystem) und ob man deren Wirkungen sinnvollerweise als Weg zu einer »Moderne« bezeichnen kann oder nicht, wäre freilich ein anderes Thema, bei dem wohl die Historische Ethnologie, aber vor allem auch indianische Selbstbeschreibungen zu befragen wären.
Der Band überzeugt durch einen klaren Aufbau, stringente Argumentation und gute Lesbarkeit, durch die Fülle des neu erschlossenen Materials und die differenzierte Auseinandersetzung mit der aktuellen Forschungsliteratur zur britischen Kolonial- und Missionsgeschichte. Es ist dringend zu wünschen, dass eine englischsprachige Übersetzung möglichst bald erscheint, damit die außerordentliche Leistung K.s auch die ihr gebührende Wahrnehmung und Würdigung erfahren kann.