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Ausgabe:

März/2010

Spalte:

380-382

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Jewett, Robert, u. Ole Wangerin

Titel/Untertitel:

Mission und Verführung. Amerikas religiöser Weg in vier Jahrhunderten.

Verlag:

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008. 341 S. gr.8°. Geb. EUR 34,90. ISBN 978-3-525-54002-2.

Rezensent:

Felix Krämer

Vom Cover der amerikanischen Ausgabe blicken einige der markanten religiösen Köpfe der nordamerikanischen Geschichte nachdenklich und entschlossen in Richtung ihres Publikums: Martin Luther King, Dorothy Day, Reinhold Niebuhr und andere. Im Gegensatz dazu bebildert den Buchdeckel der deutschsprachigen Ausgabe ein diffus illuminierter Nebel, der in einem Gotteshaus über Altar und Gläubigen hängt. »Mission und Verführung. Amerikas religiöser Weg in vier Jahrhunderten« lautet der deutsche Titel des Buches, das der evangelische Theologe Robert Jewett gemeinsam mit seinem Kollegen Ole Wangerin am Heidelberg Center for American Studies erarbeitet hat. Es gelingt den beiden durchaus, jenen Nebel, der für den europäischen Betrachter über mancher Episode der nordamerikanischen Religionsgeschichte liegt, auf knapp 300 Seiten zu lichten.
Das Buch kann als Teil einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen gelten, die in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft seit einigen Jahren dem gestiegenen Interesse an der Verzahnung von Religion und Politik in Geschichte und Gegenwart Rechnung tragen. Unter besonderer Berücksichtigung der Impulse aus der Kulturgeschichtsschreibung zur nordamerikanischen Historie hat Uta Balbier in diesem Zusammenhang vor Kurzem einen aufschlussreichen Forschungsbericht auf der Plattform H Soz u Kult vorgelegt. Die Frage drängt sich auf, ob Kulturgeschichten über Nordamerika nicht zwangsläufig auch ein Stück Religionsgeschichte beinhalten. Jewett und Wangerin bekräftigen diesen Verdacht. Sie zeigen, dass in den USA die Wechselwirkung der Bereiche Religion und Politik so evident ist, dass Kultur- und Gesellschaftsgeschichte Nordamerikas ohne die Analyse von Religion kaum zu schreiben sind. Als diachrone Richtschnur dient der Untersuchung das im Titel bezeichnete Pendeln zwischen »Mission und Verführung«. Sowohl eine missionierende Kraft sozialer Erneuerung als auch einen destruktiven Chiliasmus (religiöse Endzeiterwartung) innerhalb einer von religiösen Überzeugungen geleiteten Politik belegen die Autoren und schärfen unseren Blick für diese beiden Traditionen immer wieder auch anhand aktueller Beispiele. In der Verknüpfung traditionell religiöser Vorstellungen mit zeitgenössischen religiös-politischen Handlungspraxen liegt zweifelsohne ein Erkenntnisinteresse der Autoren, das sie in drei übergeordneten Abschnitten chronologisch verfolgen.
Nach einer allzu notizartigen Passage zur »Frömmigkeit der amerikanischen Ureinwohner« reicht die erste Etappe des Buches von den Anfängen der europäischen Emigration und den sozio-religiösen Zusammenhängen in den ersten puritanischen Gemeinden Neuenglands bis in die Mitte des 19. Jh.s (27 ff.). Wie die meis­ten gängigen Überblicke nimmt auch diese Darstellung ihren Ausgangspunkt im Grunde bei den Pilgervätern, die 1620 die May­flower in Richtung Amerika bestiegen hatten. Von dort führen die Autoren den Blick der Lesenden über die Kongregationslandschaften der Ostküste, später durch den Süden Nordamerikas. Von der Vorstellung, ein neues Israel zu besiedeln über die ersten beiden großen Erweckungsbewegungen bis zum Bürgerkrieg werden die Episoden immer wieder an einzelne Akteure und an deren Vorstellungen von Religion und sozialer Ordnung in der Neuen Welt rück­gebunden. Die nach der Amerikanischen Revolution vertiefend implementierte Idee, eine auserwählte Nation zu sein, figurierte sich beispielsweise in der Dichtung America aus der Feder des kongregationalistischen Pfarrers Timothy Dwight (80). Die erste große Erweckungsbewegung des 18. Jh.s hatte bereits über die Verknüpfung von Milleniarismus und Nationalismus den Unabhängigkeitskampf unterfüttert. In der ersten Hälfte des 19. Jh.s entstand im Zuge der zweiten Erweckungsbewegung dagegen eine Vielzahl ambivalenter Entwicklungen, die einerseits beispielsweise den nativistischen Widerstand gegen irische Immigration beinhalteten, aber auch sozialreformerische Impulse mit sich brachten. Letztere verhalfen z. B. den Forderungen der Sklaverei-Gegner zum Durchbruch, wie die Autoren feststellen (102).
Die zweite Etappe bildet das Kernstück der Untersuchung. Hierin wird die Immanenz der theologischen Kontroversen über den Komplex der Sklaverei deutlich (111). Der amerikanische Bürgerkrieg wurde infolgedessen von beiden Seiten mit bestimmten religiösen Motiven und Bildern geführt. Dies befeuerte den Fanatismus im Konflikt und die Autoren zeigen anhand des Abolitionis­ten John Brown (1800–1859), der bereits vor dem Kriegsausbruch 1861 mit einer kleinen Mannschaft Sklavenhalter gejagt und getötet hatte, wie ein idealistischer Radikalismus im »Kampf gegen das Böse« auch auf Seiten der Anti-Sklavereibewegung zu finden war (114 ff.). Dagegen stellen Jewett und Wangerin Abraham Lincolns »prophetischen Realismus« (120). Dieser hatte das beiderseitige fanatische Vorgehen kritisiert und diesbezüglich distanzierend von einem »beinahe auserwählten Volk« gesprochen. Die leitenden historischen Linien werden vom Ende des Bürgerkrieges durch das letzte Drittel des 19. Jh.s entlang des prägnanten Rassismus jener Zeit gezogen. Die Rolle des Ku-Klux-Klan und die gewalttätige Missionierung der Ureinwohner stehen hierbei im Fokus (129 ff.). Interessant sind die Verknüpfungen, die zwischen Imperialismus, Rassismus und der Vorstellung einer Manifest Destiny am Ausgang des »vergoldeten Zeitalters« hergestellt werden (137). Gleichzeitig entwickelte sich ein neues Spannungsverhältnis zwischen ausdifferenzierter liberaler Theologie und fundamentalistischer Reaktion um die Jahrhundertwende. Begründung und Ausdeutung verschiedener Kriege als chiliastische Kreuzzüge werden problema­tisiert und die Autoren stellen eine Verbindung zwischen den in­nergesellschaftlichen Reinigungsversuchen – beispielsweise einem »Kreu­z­zug gegen den Alkohol« in den 1920ern – und wiederholten außenpolitischen Fehlperzeptionen her (181).
Der letzte Abschnitt des Bandes fällt gegenüber den beiden vorherigen etwas ab. Von der »Großen Depression« der 1930er Jahre über den Zweiten Weltkrieg bis zum Aufstieg der »Superhelden-Mythologie als Ersatzreligion« beschreiben die Autoren Entwick­lungen im 20. Jh. (209/219). Die Polarisierung des Kalten Krieges, den denunzierend missionarischen Eifer der McCarthy-Zeit lesen Jewett und Wangerin vor dem Hintergrund religiöser Verhandlungszusammenhänge. Die ethische Dimensionen der Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther Kings Protestantismus labeln sie – ähnlich wie Lincolns Haltung – als »prophetischen Realismus«. Die schwarze Protestbewegung der Nation of Islam und die religiöse Komponente der Antikriegsbewegung werden analysiert (250 ff.). Auch neue erfolgreiche Massenprediger wie Billy Graham oder Jerry Falwell tauchten in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s auf. Allerdings hätte in diesem Zusammenhang die immanente Medialisierung von Religion noch weitaus intensiver analysiert werden können. Das abschließende Unterkapitel führt die Lesenden in eine Interpretation der Zeit nach dem 11. September 2001 aus religionsgeschichtlicher Perspektive. Die beiden Leitlinien – soziale Reform und blindwütige Kampfbereitschaft – greifen die Autoren auch in ihrer Schlussbetrachtung nochmals auf und vertiefen abschließend ihre Zeitkritik (276).
Insgesamt ist Jewett und Wangerin ein informatives und sehr gut lesbares Buch geglückt. Ein Quäntchen genauer hätte das Lektorat seiner Aufgabe bei der Behebung von Tippfehlern nachkommen können. Aber diese Nachlässigkeit kann selbstverständlich den Ertrag, nun eine deutschsprachige Analyse politischer und politisierter Religion durch die Geschichte Nordamerikas vorliegen zu haben, nicht entscheidend mindern. Kommende Untersuchungen können ausgehend von der besprochenen Studie noch enger aktuelle Kulturtheorien mit Religionsgeschichte verzahnen. Insbesondere die ersten beiden übergeordneten Abschnitte sind in jedem Fall weit über die Historikerschaft hinaus allen zu empfehlen, die sich eine fundierte und an aktuellen Fragen orientierte Vorstellung von der Religionsgeschichte der USA machen wollen.