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Ausgabe:

März/2010

Spalte:

376-377

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bauman, Chad M.

Titel/Untertitel:

Christian Identity and Dalit Religion in Hindu India, 1868–1947.

Verlag:

Grand Rapids-Cambridge: Eerdmans 2008. XV, 276 S. m. Abb. u. 1 Kt. gr.8° = Studies in the History of Christian Missions. Kart. US$ 40,00. ISBN 978-0-8028-6276-1.

Rezensent:

Klaus Roeber

Bauman ist Assistant Professor of Religion an der Butler University (Indianapolis/USA) mit einem Schwerpunkt auf den Religionen Asiens. In seinem Buch geht es um die Beziehungen zwischen der hinduistisch religiösen Gemeinschaft Satnami und der Gemeinschaft der Satnami-Christen. Sie entstanden im indischen Bundesstaat Chattisgarh/Zentralindien aus Reformbewegungen des Hinduismus im 19. Jh. Sie weckten eine Beteiligung der Kastenlosen am religiösen und gesellschaftlichen Leben. Es entstand die Gemeinschaft Satnami – (Sanskrit: Sat = Wahrheit) – unter den Lederarbeitern im Gebiet von Raipur. Mit dieser Berufsgruppe verbinden sich physischer Ekel, psychische Ablehnung und religiöse Apartheid – ein Prototyp des Dalit, des Benachteiligten, Niedergetretenen und Verelendeten.
Diese Klassifizierung ist kennzeichnend für Religion, Kultur und Gesellschaft des Hinduismus bis zur Gegenwart und bleibt nicht ohne Widerspruch. Dalits haben sich seit 1970 im Dalit-Movement verbündet, um einen Bewusstseins- und Strukturwandel in der Gesellschaft Indiens zu erreichen. Sie können sich berufen auf Dr. jur. Ambedkar, Dalit und Vater der Verfassung Indiens aus dem Jahr 1950. Die sakrosankte Hindu-Kastenordnung als eingespieltes System sozialer Übervorteilung und Benachteilungen erfährt Erschütterungen.
Schon im 19. Jh. betrachtete eine konservativ-fundamentalis­tische Allianz aus Hindu-Gutsherren und britischen Handelsvertretern aus Hochfinanz und Hochreligion argwöhnisch die Veränderungen im religiösen Bewusstsein und im gesellschaftlichen Verhalten in der britischen Kronkolonie und suchte sie zu verhindern. B. zeigt am Beispiel der Dalits in Zentralindien, wie sie zunächst unter dem Einfluss der Reformbewegungen, dann aber auch mit Eintreten der Evangelischen Missionen ab 1868, als Satnami-Bewegung und auch als Satnami-Christen aus dem verordneten Schattendasein heraustraten. Christliche Missionen aus dem Ausland verstärkten das Anliegen der Reformbewegungen, indem sie mit Highcasts und Outcasts darüber diskutierten und publizierten. Den Disciples of Christ widmet B. dabei besondere Aufmerksamkeit.
Hier darf bemerkt werden, dass nach dem im Buch zitierten (106–113) ersten Missionar in Chattisgarh Oscar Lohr (von der Gossner Mission aus Berlin entsandt 1850) auch die »Gossner Evangelical-Lutheran Church in Chotanagpur and Assam« (GELC) seitdem in Chattisgarh mit acht Gemeinden missionarisch tätig ist. Mit Unterstützung der interdisziplinär angelegten Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte (BGMG) werden derzeit das Archiv der Gossner Mission in Berlin und das Zentralarchiv der GELC in Ranchi mit Unterstützung der DFG nutzbar gemacht. Das konnte bei Erscheinen des vorliegenden Buches nicht bekannt sein und kann nun Anregung zur weiteren Erforschung der Religions-, Kirchen-, Missions- und Weltgeschichte sein.
Über den im Titel gesetzten Zeitrahmen hinausgehend gibt B. Einblicke in die vom sozialen und kulturellen Wandel in Chattisgarh ausgehenden Wirkungen auf die gegenwärtig stattfindenden Begegnungen von Kulturen und Religionen in Indien. Die Situation ist geprägt durch weitergehende Globalisierung und damit einhergehende weltweite »Dalitisierung«. Alle Religionen sind zur Rück- und Neubesinnung aufgefordert und haben die Integrität der Schöpfung und den Respekt vor der Identität der Geschöpfe auf ihrer Agenda. Auch B. zieht diese Bilanz und entwickelt seine Perspektive. Er hinterfragt die historische Verbindung von christlicher Identität und westlicher Kultur. Aus diesem Selbstverständnis ist ein verheerendes Sendungsbewusstsein entstanden, das wiederum den fundamentalistischen Hinduismus zur plakativen Forderung veranlasste: Indien den Indern! Die marginalisierten Gesellschaftsschichten im Kastensystem Indiens sollen ihren darin zugewiesenen Platz in der Gesellschaft anerkennen. Dalits und randständige Adivasis, das sind die im System an letzter Stelle verorteten Angehörigen der ersten Bewohner Indiens, sollen zur Anpassung genötigt werden.
Indem B. das entstehende Selbstbewusstsein unter den Dalit dokumentiert, macht er seine Kernaussage: Im religiös angelegten Verlangen nach Geborgenheit (security), Heilung (health), Lebenssinn (meaning) darf jeder Mensch sein Recht und seine Würde beanspruchen. Diese Zugänge eröffnen sich durch Innovation der Traditionen, nicht durch Konversionen, denn die Wahrheit begegnet stets in geschichtlich wachsenden Kontexten und ist ein Prozess, der weder im nationalistischen Hinduismus noch in einem systemverhafteten Christentum zum Ende kommen wird. Das Verlangen nach Konversion ist stets interessengeleitet. Gewalt, Betrug und Verführung bleiben die unheimlichen Begleiter bei einer Konversion – aber auch bei Anweisung zu Nichtkonversion und Rekonversion. Deshalb bedarf die Erkenntnis der Wahrheit als Entdeckung der eigentlichen Identität prinzipiell der kritischen Reflexion. Wahr und wirklich aber bleibt das prophetische und dynamisierende Element aus dem den Religionen innewohnenden kreativen Geist, der Umkehr und Erneuerung ermöglicht. Dieser Geist lebt sowohl in der Satnami-Gemeinschaft als auch bei den Satnami-Christen.
B. erkennt bei beiden Gemeinschaften die Fähigkeit, Erfahrungen einer nationalistisch und fundamentalistisch erstarrten Welt zu überwinden. Er sieht »Satnamization« als eine Orientierung zu dieser Erneuerung, als eine sich aus den Traditionen ableitende Innovation. Die Veränderbarkeit des Bestehenden erfolgt durch Erkennen, Vollziehen und Verinnerlichen: Identity! Mit dem Mittel der Konversion in der Vorstellung einer Wendung von »unrein« zu »rein«, vom Irrtum zur Wahrheit, von historisch fixierter Tradition zu Systemtreue, lässt sich Identität nicht wirklich zum Ausdruck bringen. Zu dieser Einsicht kommt B. – program­matisch deklariert in der Einleitung – in den folgenden sechs Kapiteln: 1. Contextualizing the Study. 2. Factors in Becoming (or Not Becoming) Christian. 3 The Myth of History and the History of Myth. 4. The Allopathic Medicine and the Allure of Efficacy. 5. »Christian« Womanhood. 6. Satnami and Christian Stories: »Human Recapitulations of a Social Transformation«.
B. übersieht nicht die Veränderungen, wie sie in der Dalit-Bewegung Indiens durch sozialökonomische Reflexion und sozialpolitische Aktion prozessual gestaltet werden, betont aber: »It is culture in comprehensive sense ... which provides continuity in times of change, and which dictates the nature and extent of this change« (244). B.s Botschaft richtet sich an das hinduistische Indien »Hindu India« und an das systemverhaftete Christentum. Reichhaltige und zahlreiche Anmerkungen, Literaturliste, Namen- und Stichwortverzeichnis, Karten und Statistiken sowie aufschlussreiche Worterklärungen inspirieren zu weiteren interdisziplinären Arbeiten nach der hier vorgelegten Methode.
B. befördert mit seinem zuversichtlichen Werk einen ökumenischen Lernprozess, der auf gesellschaftliche Interaktion und kulturell-religiöse Konversation zielt.