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Ausgabe:

Januar/2010

Spalte:

119-120

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Sallandt, Ulrike

Titel/Untertitel:

Der Geist Gottes im Süden Perus. Risiken und Chancen charismatisch-pfingstlicher Verkündigung am Beispiel der »Asambleas de Dios«.

Verlag:

Berlin-Münster: LIT 2007. X, 266 S. 8° = Kirchen in der Weltgesellschaft, 2. Kart. EUR 29,90. ISBN 978-3-8258-0389-6.

Rezensent:

Jörg Haustein

Das Buch ist die Drucklegung einer Dissertation, die 2006 in Bo­chum bei Traugott Jähnichen eingereicht wurde. Zweitgutachter war Erich Geldbach. Ulrike Sallandt lebt seit 2002 in Peru, wo sie als Dozentin für evangelische Theologie und Vikarin der Lutherischen Kirche in Peru tätig ist. Im Laufe dieser Zeit hat S. das Material für ihre Dissertation zu den Asambleas de Dios (AdD) gesammelt, u. a. 30 halbstrukturierte Interviews und 70 Predigtaufnahmen, die im Anhang (202–266) in Auszügen dokumentiert sind. Ihre Monographie steht im Kontext einer wachsenden Anzahl von Veröffentlichungen zur Pfingstbewegung, der auch in der deutschsprachigen akademischen Debatte vermehrt Aufmerksamkeit zukommt. Peru gehört dabei zu einem der bislang weniger erforschten Gebiete, so dass die Arbeit zumindest im deutschsprachigen Kontext eine Vorreiterrolle einnimmt.
S. formuliert als Ziel, »eine Brücke zwischen den Welten zu schaffen« und dem »westlich geprägten Theologen eine oder sogar die größte weltweite christliche Erweckungsbewegung des letzten Jahrhunderts nahezubringen« (2). Damit sind auch zwei wesent­liche Eigenschaften der Arbeit benannt: Erstens geht es trotz um­fassender ethnologischer und soziologischer Theoriebezüge pri­mär um eine theologische Einordnung der AdD und zweitens greift S. immer wieder über den peruanischen Kontext hinaus und bezieht ihre Beobachtungen auf die Pfingstbewegung im Allgemeinen.
Die Arbeit beginnt mit einem historischen Abriss (1–45), der vor allem die jüngere Religionsgeschichte Perus und den Diskussionsstand zu den Ursprüngen der weltweiten Pfingstbewegung referiert. Die Geschichte der AdD wird dabei auf fünf Seiten (34–38) zum Ursprung der Kirche behandelt. In dem sich daran anschließenden Teil (46–96) wendet sich S. einer ethnographischen Beschreibung der AdD zu, in der Gottesdienst, Gemeinde, Pfarrer, Predigt und Mission in den Blick genommen werden. Die Darstellungen orientieren sich am Modus der dichten Beschreibung, den S. jedoch von Zeit zu Zeit unvermittelt verlässt, etwa wenn sie bestimmten theologischen Überlegungen eine »rationale, logische Verknüpfung der Gedanken« abspricht (61) oder eine »pelagianische Tendenz« feststellt (77). Ein wichtiger Ertrag an dieser Stelle ist S.s theologische Typologie der Pfarrer des AdD (57–63), die einen Einblick in die Vielseitigkeit pfingstlicher Theologie ermöglicht. Leider wird diese Typologie jedoch in der darauffolgenden, stark vereinheitlichenden Beschreibung pfingstlicher Predigt (63–93) nicht wieder aufgenommen und im Fortgang tendenziell eher zur Entwicklungsnormierung eingesetzt (Pfingstgemeinden entwickeln sich von konservativ-klassisch zu studiert-modern, z. B. 113).
Der dritte Teil (97–187) versteht sich als »hermeneutische und soziologische Perspektive« auf die theologischen Lehren und die kirchliche Praxis der AdD. In unterschiedlichen expliziten und impliziten Theoriebezügen analysiert S. Gottesdienst, Zungenrede, Geistesgaben, Ekklesiologie und Weltbezug der peruanischen Pfingstler. Die Erklärungen, Vergleiche und Schaubilder in diesem Teil überzeugen oft nicht, zumal die an theoretischer Abstraktion interessierten Bemerkungen immer wieder den Bezug zu konkreter pfingstlicher Praxis und Theologie vermissen lassen. S. rekur riert kaum auf das Material des vorangegangenen Teils und zitiert– mit Ausnahme des Theologen und Religionswissenschaftlers Bernardo Campos, an dem sich ihre Analysen stellenweise ori­entieren – fast keine peruanischen Pfingstler. Analytische Ab­straktion ist freilich ein Ziel dieser Ausführungen, jedoch wäre es interessant zu erfahren, in welchem Verhältnis zu Sprache, Handlung und Selbstrepräsentation peruanischer Pfingstler die Überlegungen von S. stehen, etwa wenn sie Lobpreis als einen Trancezustand zur Erlangung erhöhter Kontrolle über die »selbst zu lebende Wirklichkeit« beschreibt (98), den Pfingstlern eine Sozialethik abspricht (109) oder dem »charismatischen Pfingstleiter« göttliche Unfehlbarkeit zukommen lässt (116). Zudem ist die bereits er­wähnte Entgrenzung des Untersuchungsgegenstandes von Peru auf die Pfingstbewegung überhaupt hier besonders zu beobachten.
Das Buch schließt mit einer »kritischen Reflexion aus theologischer Perspektive« (188–201). Hier zeichnet S. die Extreme einer pfingstlichen Heiligungsethik und einer neopentekostalen Individualfrömmigkeit als Gefahrenhorizonte der AdD, attestiert der pfingsttheologischen Interpretation des Pfingstereignisses eine »mangelhafte exegetische Auseinandersetzung mit den biblischen Schriften« (193) und plädiert für eine stärkere trinitarische Verortung pfingstlicher Pneumatologie zur Erschließung des sozialethischen und ökumenischen Potentials der AdD.
Die Arbeit dokumentiert S.s Annäherung an ihren Forschungsgegenstand mit den Mitteln lutherischer Theologie und westlicher Gesellschaftsanalyse. Ob damit die angestrebte »Brücke zwischen den Welten« bereits errichtet ist, sollte vor allem dem Urteil peruanischer Pfingstler überlassen bleiben.