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Ausgabe:

Januar/2010

Spalte:

114-116

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Braaten, Carl E.

Titel/Untertitel:

That All May Believe. A Theology of the Gospel and the Mission of the Church.

Verlag:

Grand Rapids-Cambridge: Eerdmans 2008. X, 188 S. gr.8°. Kart. US$ 20,00. ISBN 978-0-8028-6239-6.

Rezensent:

Klaus Hock

Bei dem Band handelt es sich um so etwas wie das missions- und ökumenewissenschaftliche »Best of« des emeritierten Systematischen Theologen der Lutheran School of Theology in Chicago, der als einer der führenden Theologen des US-amerikanischen Luthertums gelten darf. Denjenigen, die an Fragen einer Theologie der Religionen interessiert sind, dürfte er insbesondere durch das erstmals 1992 erschienene und dann mehrfach wieder aufgelegte Buch »No Other Gospel« bekannt geworden sein.
Die Aufsatzsammlung enthält wenig Überraschendes – und noch weniger Neues: Neun der Zwölf Beiträge sind bereits andernorts abgedruckt, einer davon (»The Christian Mission among Muslims«) in einem unpublizierten Studiendokument, einer (»The Interpretation of the Bible in the Church«) ist überarbeitet, drei sind Originalbeiträge: »Doing Theology Pro Ecclesia«, »Catholics and Lutherans: On Being and Becoming Church Together« und »Reclaiming the Missionary Nature of the Church«. Neu ist also vornehmlich die planmäßige Zuordnung der verschiedenen Vorträge und Aufsätze, die nun als Kapitel eines systematisch aufgebauten Bandes zu Geltung kommen, wobei die vier hier neu veröffentlichten Beiträge die Programmatik des Bandes markieren: Das Eingangskapitel (»Doing Theology Pro Ecclesia«) entfaltet die Intention des Buches, zwischen Kirche, Evangelium und Schrift die Beziehungen zwischen Lutheranern und Katholiken im Spannungsfeld von Soteriologie und Ekklesiologie so zu gestalten, dass im eschatologischen Horizont des apostolischen Glaubens der ökumenische Pfad zur Einheit der Kirche beschritten wird (»Catholics and Lutherans: On Being and Becoming Church Together«). Dies gibt dem missionarischen Auftrag, allen Völkern das Evangelium zu predigen, neue Kraft und bindet das Handeln der Kirche an ihren ursprünglichen Auftrag zurück (»Reclaiming the Missionary Nature of the Church«). »The missionary imperative will never change: to proclaim the mission of the Triune God to the ends of the earth until the end of time. The Great Commission has never been replaced« (157) – eine programmatische Festlegung, die im abschließenden Kapitel auf die Frage christlicher Mission unter Muslimen fokussiert wird (»The Christian Mission among Muslims«): »The mission to Muslims today takes many different forms … The controlling aim of each approach in any given situation is to bring testimonies to the gospel in words of faith and deeds of love« (181 f.).
Die »Verstrebungen« durch die neu publizierten Beiträge sind dabei in eine dreiteilige Systematik eingezogen (Teil 1: Theologie, Teil 2: Evangelium, Teil 3: Mission) und sowohl Titel als auch Untertitel der Veröffentlichung beschreiben exakt Botschaft und Inhalt des Bandes. Das alles zeigt eine der großen Stärken angelsächsischen akademischen Schreibens, nämlich zu elementarisieren und auch komplexere Sachverhalte in klarer Sprache zum Ausdruck zu bringen.
Dennoch: Beim Lesen drängt sich bisweilen die Befürchtung auf, dass hier Elementarisierungsfähigkeit und Klarheit ins Reduktive und Einseitige umschlagen. Dies mag selbst da noch anregend wirken, wo von B. große Schneisen geschlagen werden, so etwa beim immer wieder vorgetragenen Beharren auf katholischer Evangelizität bzw. evangelischer Katholizität als essentieller Signatur von Kirche-Sein wie von individuellem Glaubenshandeln – nicht überraschend für den Mitbegründet des Center for Catholic and Evangelical Theology (s. http://www.e-ccet.org/, abgerufen am 15.06.2009) – oder bei seinem kraftvollen Plädoyer: »… Scripture is not a norm outside the Church. It functions as the norm, conveying the Word of God, communicating the power of the Spirit, awak­ening faith, only within the context of the preaching of the church« (16). Doch die Rigidität, mit der nicht nur in der sprachlichen Form, sondern auch in der inhaltlichen Grundierung Position bezogen wird, weckt Unbehagen. Dabei ist weniger das Problem, dass B.s Verständnis des Evangelischen eher zum Evangelikalen neigt, sondern seine rigide Fundamentierung, die insbesondere bei den missionstheologischen Reflexionen machtvoll zum Durchbruch kommt.
Sicherlich hat B.s konservative Radikalität bisweilen auch etwas beinahe Revolutionär-Aufrüttelndes, so etwa, wenn er feststellt: »Hundreds of thousands of young Americans have been shipped off to Iraq to bring the gospel of democracy to a Muslim nation. Thousands have sacrificed their lives for the cause, and tens of thousands have been crippled beyond description. All for democracy!« (182) Tatsächlich – schärfer und bissiger lässt sich die Kritik an der »zivilisatorischen Mission« der Bush-Administration in ihrer quasi-religiösen Aufheizung kaum formulieren als in diesen trockenen Sätzen, die den Zynismus eines solchen Selbstverständnisses ebenso zynisch widerspiegeln. Doch die unmittelbar daran anschließenden Äußerungen lassen doch leicht erschaudern: »What price will Christian witness be willing to pay to bring the gospel of Jesus Christ to Muslims across the waters? All for salvation! Dialogue, yes, but after that it’s time to bear witness to Christ to Muslims no matter what the cost. Martyrdom will be unavoidable« (ebd.). Daran ändert auch nichts, dass B. kurz darauf die kritische Frage stellt, ob die christlichen Kirchen in den Vereinigten Staaten »durch ihre Komplizenschaft mit dem amerikanischen Imperialismus« nicht die Chance verspielt haben, ein wichtiger Akteur der weltweiten Missionsbewegung im 3. Jt. zu sein. Das dahinterstehende (missions)theologische Modell ist und bleibt selbstaffirmativ, apologetisch, expansionistisch, anti-pluralistisch und de facto undialogisch.
B.s Verdienste als Systematischer Theologe mögen nicht zuletzt im Blick auf sein Engagement für die »kleine« (katholisch-evangelische) Ökumene unbestritten sein – vielleicht auch und gerade aufgrund seiner konservativen, bisweilen irritierenden Rigidität. Missionstheologisch führen seine Überlegungen jedoch in die Sack­gasse, was unter anderem damit zu tun hat, dass er missionstheologische Debatten kaum wahrgenommen hat.