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Ausgabe:

Januar/2010

Spalte:

110-112

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Ahrens, Theodor

Titel/Untertitel:

Vom Charme der Gabe. Theologie interkulturell.

Verlag:

Frankfurt a. M.: Lembeck 2008. 292 S. m. Abb. u. Tab. 8°. Kart. EUR 22,00. ISBN 978-3-87476-548-0.

Rezensent:

Heinrich Balz

Polyzentrisch ist nicht nur das weltweite Christentum heute, es ist dies in anderer Weise auch die an Personal und Fakultätspräsenz eher begrenzte und übersichtliche deutschsprachige Missionswissenschaft: Der Diskurs in Hamburg ist ein anderer als der in Heidelberg oder Erlangen. Die gegenseitige Zurkenntnisnahme hält sich in Grenzen. So kommt es, dass ab und an ein gehaltvoll konsis­tenter Monolog in großen Aufsatzbänden den Leser erreicht wie der des 2006 emeritierten Hamburger Ordinarius Theodor Ahrens. Sie haben in jüngerer Zeit ihr eigenes zusammenhaltendes Thema: Von Gegebenheiten 2005 geht es weiter zu Vom Charme der Gabe 2008. Der Mensch ist Annehmender, Empfangender im sozialen Miteinander, mehr noch im Verhältnis zu Gott. Die weltweite Zukunft des Christentums, damit die Verschiebung seines Schwerpunkts vom Norden zum Süden der Erde, Thema eines eigenen Essays 2009, wird zwar von A. gleichzeitig auch notiert, bleibt aber eher eine Nebenlinie.
Sein Erfahrungsbezug ist Papua-Neuguinea, wo er viele Jahre als Missionar lebte und forschte. Über Melanesien und Ozeanien allgemein ist er im Gespräch mit den Anthropologen, weniger direkt mit den papuanischen Christen: Sie werden beschrieben und zitiert, sind aber, weil sie, anders als etwa die Theologen Afrikas, bislang keine Bücher schreiben, nicht unmittelbar Partner im Gespräch und in der weitergeführten scharfsinnigen und formulierungsfreudigen Reflexion. Vieles wird von A. treffsicher und glücklich benannt, was auch anderwärts im nichtwestlichen Chris­tentum zu finden ist. Zur Deutung melanesischer Religion und weiterer anthropologischer Bezüge nimmt A. Gedanken besonders von R. Girard für das Opfer, von M. Mauss und M. Godelier für Gabe und Tausch auf.
Den neuen Band eröffnet programmatisch A.s Abschiedsvorlesung »Vom Charme der Gabe«. Die freie Gabe wird, ausgehend von der Erfahrung in Papua-Neuguinea und der französischen Diskussion bei Mauss, Ricœur, Derrida und Godelier, vom Tausch als Grundform menschlicher Kommunikation unterschieden, aber nicht abgetrennt: Gabe ist »Unterbrechung« des umfassenden notwendigen Tausch-Kreislaufs, dies auch in Gottes freiem Sich-selber-Geben in Christus, für welches weiter zu übende freie Geben die christliche Kirche Anwalt in der Welt ist.
Der zweite, umfänglichste Beitrag (41–142) handelt, ausgehend von einer Umfrage bei Missionswerken, von der Problematik »Wenn Gaben fehlgehen«, das heißt, durch Korruption die nicht erreichen, für die sie eigentlich gedacht sind. Korruption kulturübergreifend zu definieren und von anerkanntem traditionellem Führungsstil zu unterscheiden, ist komplizierter, als es vom Wes­ten aus erscheint; die ökumenischen »Spielregeln« sind schwer zu bestimmen und mühsam durchzusetzen. Auch A.s eigene theologische Auffassung von der freien Gabe findet, wie er referiert (116–127), nicht die ungeteilte Zustimmung der Missionsdirektoren und Gebietsreferenten.
»Braucht Gott Opfer?« im nächsten Beitrag ist eine rhetorische Frage: Er braucht sie nicht. Jesus ist in die Welt gekommen, um die in Vergeltungslogik befangenen Menschen durch seine Selbsthingabe eines Besseren zu belehren. Das Evangelium hängt darum, trotz des diesbezüglich nicht eindeutigen neutestamentlichen Zeugnisses, mehr an Jesu Inkarnation, seinem Weg und Wirken als an seinem Tod. Aufgegeben ist uns darum die »nichtidentische Neuerzählung« des Weges Jesu (155). Der Vortrag »Satan ist wie ein böser Wind« setzt die Auffassung vom Bösen bei den Melanesiern und bei den frühen Missionaren, die ihnen das Christentum brachten, in Parallele und distanziert sich von der Opfer-Christologie, welche beide ungleichen Seiten verbindet. Gleichzeitig bestätigt er ihnen, dass sie beide das Böse realistisch ernst genommen und mit der Einführung bzw. Annahme des Christentums eine »kognitive Revolution« innerhalb der traditionellen Religion selber zustande gebracht haben.
Die verbleibenden Beiträge wenden sich praktisch-seelsorgerlichen Aspekten zu. »Verfahren des In-Ordnung-Bringens« setzen alte und neue Versöhnungs- und Therapieverfahren in Melanesien ins Verhältnis miteinander. Die Gruppe ist dort stärker involviert, dennoch ist auch die »Person« nicht unwirklich. Interkulturell strittig ist die Wirklichkeit schadenwirkender »Dämonen«, aber die kulturenüberspannende Story des Evangeliums hält Rationales und Irrationales zusammen. »Mission und Seelsorge« sieht in der Letzteren den umfassenderen Begriff; ein altes verengtes Verständnis von Mission muss überwunden werden, auch dann, wenn seine theologisch »großen Worte« mittlerweile die einheimische sonntägliche Verkündigung bestimmen: Die »Volksreligion« der Normalchristen wird durch sie nicht erreicht oder durchdrungen. »Versöhnung als Horizont christlicher Mission« folgt der neueren Entwicklung ökumenischer Bemühung: Ruanda, Südafrika und Jugoslawien brauchen die christliche Initiative, um die Unversöhnten samt ihren Erinnerungen zusammenzubringen, wie dies auch Bischof Sanangke in der Lutherischen Kirche Neuguineas erfolgreich verwirklicht. Was K. Barth und G. Ebeling dogmatisch über Versöhnung schreiben, ist für A. nicht falsch, es bedarf aber der ethischen Konkretion.
Sinnvoll einzubringen in die missionstheologische Diskussion ist von A.s überwiegendem Selbstgespräch mehreres. Zunächst die neue Begegnung mit der alten, immer noch lebenskräftigen Religion Ozeaniens: Sie ist primäre oder Abrahams-Religion, aber etwa von der bekannteren afrikanischen erkennbar unterschieden, weil mehr von der Logik des Opfers, eher wenig von den Ahnen be­stimmt. (Im alten Afrika braucht Gott im Übrigen auch keine Opfer, aber die Ahnen sind hungrig.) Die Religion Ozeaniens ist zugleich für den modernen Menschen nicht das schlechterdings »Fremde«, sondern das in der Tiefe durchaus verstehbare Interkulturelle, Gemeinmenschliche. Hierüber ist A. im intensiven Ge­spräch mit der anthropologischen Wissenschaft und mit der französischen philosophischen Tradition, die beide in der übrigen deutschen Missionswissenschaft sonst eher zu kurz kommen. Dieses lebhafte Gespräch ist bei A. die andere Seite des zwar nicht gemiedenen, aber weit distanzierter geführten Gesprächs mit der theologischen Tradition über Gabe, Opfer und Versöhnung. Geht es ihm doch darum, »die Kritik des Opfergedankens weiter voranzutreiben«, als dies das evangelisch-katholischen Gespräch über Abendmahl und Kreuzestod Jesu bislang tut (145), und zu erweisen, dass das Christentum keine Opferreligion ist, beziehungsweise: sein muss (153–160). Durch Neuerzählung des Weges Jesu kann es auf eine bessere Bahn gebracht werden und dadurch sich selbstkritisch befreien von der »semipaganen Verpackung des Christlichen«, welche die klassische protestantische Mission zur Speerspitze seiner Globalisierung gemacht habe (8).
Die Kritik an der Satisfaktionslehre und an der Opferreligion ist im Protestantismus nicht neu – seltsam eher, dass bei A. die liberale Tradition und A. Ritschl unerwähnt bleiben –, neu ist die Verstärkung dieser Linie mit Argumenten gegen das schlüssig zum System vollendete Opferdenken in Melanesien; am Rande auch ein biographischer Bezug, der an A.s frühe religiöse Sozialisation im nord­friesisch ländlichen Calvinismus erinnert: »Gott straft die ungerechten Taten, die guten belohnt er« (159 f.143). Hierüber bleibt ernsthaft zu reden: Nicht alle Religion, besonders nicht alle archaisch-schriftlose, ist so opferzentriert wie die melanesische. Und theologisch lassen sich Gründe benennen, die Kritik des Opfergedankens nicht weiter zu treiben, sondern dort anzuhalten, wo Paulus und der Hebräerbrief sie anhalten, und also weiterhin Heil und Versöhnung der Menschen am Kreuzestod Jesus festzumachen. Doch auch hierzu kann A.s leidenschaftliches Plädoyer auf neue Gedanken bringen. Seine Beiträge sind notwendig für Missionswissenschaftler, nützlich wohl auch für systematische Theologen zu lesen.