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Ausgabe:

September/2009

Spalte:

1015–1018

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Klaiber, Walter, u. Sabine Plonz [Hrsg.]

Titel/Untertitel:

Wie viel Glaube darf es sein?Religion und Mission in unserer Gesellschaft.

Verlag:

Stuttgart: Kreuz Verlag 2008. 359 S. 8°. Geb. EUR 19,95. ISBN 978-3-7831-3045-4.

Rezensent:

Benedict Schubert

In einem zweijährigen Studienprozess haben die Mitglieder der Theologischen Kommission des Evangelischen Missionswerks Deutschland EMW mit dem Fragenkomplex auseinandergesetzt, der im Titel eingefangen wird: nach der Rolle und Stellung religiöser Tradition und Praxis in einer Gesellschaft, die sich als Markt versteht. Als Ergebnis dieser Arbeit legen die Herausgebenden ein kluges, gleichzeitig anregend zu lesendes Buch vor. Unter drei Überschriften ordnen sie die Beiträge: Im ersten Teil geht es um »Religiöse Diskurse in der Gesellschaft«, im zweiten um die »Begegnung mit dem Islam«, im dritten dann um »Perspektiven von Mission heute«.

Günter Baum eröffnet die Reihe der Beiträge im ersten Teil mit einer Reflexion über die öffentlichen Erwartungen an die Trägerinnen und Träger von Religion: »Eine weitgehend säkularisierte Öffentlichkeit hat ihre eigenen Vorstellungen davon, was Religion ist und worin ihre Aufgaben und Gefahren bestehen.« (25) Überraschend und reizvoll ist, wie Baum mit dem Rückgriff auf Äußerungen von Friedrich II. zeigt, dass die gegenwärtige Frage nach der Zuschreibung von öffentlichen Funktionen von Religion, vor allem auch die Sorge um ein allgemein verträgliches Maß von Religion historische Präzedenzen kennt und von daher auch in guter Weise relativiert sein darf. Auch Cornelia Coenen-Marx geht von praktischen Erfahrungen aus: Sie analysiert eine Handreichung der Kaiserswerther Diakonie für Mitarbeitende im medizinischen Dienst, in der versucht wird, die durch die eigene Institution klar erkennbare christliche Identität in einer Weise auszudrücken, die für Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften bzw. für Agnos­tikerinnen oder Atheisten akzeptabel ist, diesen gleichzeitig den nötigen Freiraum schafft, ihre religiöse Überzeugung zu leben. Coenen-Marx bezieht dabei nicht nur theologische Aspekte, sondern ebenso die ökonomischen Rahmenbedingungen in ihre Überlegungen ein. Engagiert plädiert sie dafür, dass »christliche Einrichtungen Orte für alternative Praxis bleiben und – auch im Widerspruch zur Mehrheitsmeinung – die Gewissen aller Gläubigen schützen« (52). Edgar S. Hasse untersucht in seinem Beitrag, wie Religion in den Massenmedien wahrgenommen wird. Er be­schränkt sich aus praktischen Gründen bei seiner Untersuchung auf Beiträge zur Weihnachtszeit der Jahre 2000 und 2005 aus Printmedien des Axel Springer Verlags. Aus der Beobachtung, dass zum einen Religion vornehmlich im Zusammenhang mit Gewalt wahrgenommen und dargestellt wird, dass außerdem die Fachkenntnis der Kirchen kaum abgerufen wird und schließlich Zeitschriften – eher als Zeitungen – »die Funktion der Klärung und Einordnung der Religion übernehmen« (66), leitet er das dringende Desiderat ab, die Kirchen sollten »dafür Sorge tragen, dass … die friedensstiftende Kraft des Evangeliums in der öffentlichen Kommunikation stärker zum Tragen kommt« (72). Walter Klaibers Beitrag schließt sehr gut an: Er setzt sich mit der »Faszination des Polytheismus« auseinander und mit Jan Assmanns These, bzw. ihrer banalisierten Rezeption, die »mosaische Unterscheidung« zwischen wahr und falsch berge in sich die Wurzel religiöser Gewalt. Klaiber würdigt Assmanns »Versuch, die Theologie der alten Ägypter zu verstehen« (87), und fordert eher als zu einer Kritik dazu auf, sich durch sie anregen zu lassen, »in den Teilen und Schichten unserer Gesellschaft, in denen die biblisch-christlichen Wurzeln unserer Kultur verschüttet sind, diese Vergangenheit in vergleichbarer Weise in Erinnerung zu rufen« (88). Amélé Adamavi-Aho Ekué denkt unter dem Titel »Macht und Verwundbarkeit« über die Funktion nach, die religiöse Motive in diskursiven Zusammenhängen erfüllen; griffig ist beispielsweise ihre Darstellung der Unterscheidung der vier Typen der »Ethisierung«, »Ideologisierung«, »Utopisierung« und »Kulturalisierung« (101 f.). Auch in ihrem Beitrag – das zeichnet den ganzen Band aus – geht es um eine möglichst differenzierte, sachliche Beschreibung und Analyse, die gleichzeitig die eigene religiös verpflichtete Perspektive erkennen lässt. Im letzten Beitrag des ersten Teil zeigt Henning Wrogemannn, dass und wie »Säku­larität, Laizität und Zivilgesellschaft« in unterschiedlichen Kon­texten erscheinen, seine Gegenüberstellung von jeweils mehrheitlich christlichen (Frankreich, USA, Deutschland) und mus­li­mischen (Indonesien, Türkei, Pakistan) Staaten verfolgt ein Ziel: »religiöse Missionen allgemein als moralisch-ethische Ressourcen im Konzert eines pluralen zivilgesellschaftlichen Dis­kurses zu verstehen« (142) – mit klarem Blick auf ihre historischen Bedingungen im jeweiligen Kontext.

Der zweite Teil gilt einer »Begegnung mit dem Islam«. Die Präsenz von Menschen, die einen anderen als den christlichen Glauben – und dabei namentlich den islamischen – nicht nur individuell und privat leben möchten, sondern in der Öffentlichkeit, macht – für manche irritierend – deutlich, dass der Prozess der Individualisierung und Privatisierung des Glaubens nicht notwendig und unausweichlich ist. Gerti Nützel, Dieter Becker und noch einmal Henning Wrogemann behandeln drei Fragen, die in der Öffentlichkeit nicht immer mit auch nur einem Mindestmaß an Sachkenntnis, aber dafür mit hohem emotionalen Engagement diskutiert werden: die Frage nach den Kopftüchern, die Frage danach, ob Christinnen und Muslime an denselben Gott glauben, und die Frage nach der Berechtigung und den Konsequenzen expliziter islamischer Missionstätigkeit. Alle drei Autoren betreiben im besten Sinne kontextuelle Theologie (Gerti Nützel verwendet denn auch den befreiungstheologischen Dreischritt vom Sehen – Urteilen – Handeln), klären in gut nachvollziehbarer Weise die wesentlichen Anliegen: Bei Nützel sind dies der Respekt vor der verunsicherten Identität der Migrantinnen und Migranten, die Einordnung reli­giöser Verhaltensweisen in eine von allen getragene gemeinsame gesellschaftliche Ordnung, dabei schließlich das nicht aufzugebende Streben nach gleichberechtigter und gerechter Partizipation von Männern und Frauen in allen Lebensbereichen (178). Bei Becker ist es das »differenzierte Ja zum Glauben an denselben Gott« (200), bei Wrogemann eine selbstkritische Verhältnisbestimmung zwischen religiösem Pluralismus und gemeinsamem zivilgesellschaftlichen Ethos. So wird der Boden für Johannes Triebels engagiertes Plädoyer bereitet, sich durch die neue Gegebenheit in bestem Sinn herausfordern zu lassen, den eigenen Glauben im Verhalten, aber auch im Gespräch offen und konturiert zu bezeugen.

In den beiden ersten Teilen wurde deutlich, dass es in Deutschland durchaus notwendig ist, »Perspektiven von Mission heute« aufzuzeigen, anstatt sich mit der teilweise wenig er­trag­reichen Dis­kussion darüber aufzuhalten, ob »Mission gestern« Begriff und Sache nicht endgültig obsolet hätte werden lassen. Im dritten Teil nun kommen Autoren zu Wort, die sich sowohl praktisch als auch theologisch-theoretisch intensiv mit Mission be­schäftigt haben. Bernhard Dinkelaker setzt sich zum Auftakt noch einmal mit der Kritik an Mission auseinander, bestimmt dann aber, angeregt durch Michel Foucault, Mission als interkulturelle diskursive Praxis; eine Ahnung davon, was er damit meint, vermittelt er, indem er sich dem Gespräch mit chinesischen, japanischen, ghanaischen, indischen und brasilianischen Deutungen dessen stellt, was wir dann mit »Mission« übersetzen. Mit Katja Heidemanns und Giancarlo Collet haben sich zwei katholische Fachleute am Studienprozess beteiligt. Heidemanns klärt den Begriff der Inkulturation in der Diskussion um die sog. »Sinus-Studie« und die von ihr beschriebenen unterschiedlichen religiösen Milieus. Sie schützt ihn vor einer Diskreditierung als billige Mi­lieuanpassung, verlangt aber: »Die Grundannahme des theologischen Denkmodells der Inkulturation, dass Gottes Geist in allen Menschen und Kulturen wirkt, keine von ihnen als perfekt angesehen werden und keine Gestalt des christlichen Glaubens absolut gesetzt werden darf, kann und muss auch die Annäherung an und die Auseinandersetzung mit den in der Sinus-Studie beschriebenen Milieus leiten. Die Kirche ist herausgefordert, selbst gestaltendes Element der ihr begegnenden Milieus zu werden.« (301) Collet nimmt erneut den grundlegenden Begriff des »Bezeugens« auf. Anstatt in falscher Anpassung an ein »Lebensgefühl«, das jede ausdrückliche Glaubensäußerung als »re­ligiösen Hausfriedensbruch« ablehnt (308), ermutigt er die Kirche zum »Lebenszeugnis«, zur »Existenzmitteilung« (319) – um Gottes und der Welt willen.

Schließlich rundet der Beitrag der Herausgeberin Sabine Plonz den Band ab. »Jenseits von Wahrheitsanspruch und Toleranzgebot«, die sie als »Pole einer Ellipse [sieht], auf der sich das ›kirchenoffizielle‹ Identitätsdenken über Religion bewegt« (340), sieht sie die Stärke der Beiträge dieses Bands in einem Ansatz, der nach konkreten (gerade auch Macht-)Verhältnissen und religiöser Praxis fragt. Fragend – und damit das Gespräch anregend und weiterführend – schlägt Plonz vor, eine »nachmetaphysische Ethik der Po­litikfähigkeit der Subjekte« zu konzipieren, die mit dazu beitra-gen könnte, dass Würde und Beitrag der Einzelnen wahrgenommen, für »Gerechtigkeit öffentlich eingetreten werden« kann und die »Götter entzaubert« und »die Welt heilig gehalten« werden können.

In einer Gesellschaft, in der aus Verunsicherung und/oder Un­kenntnis der christliche Glaube unversehens wieder von einer höchst individuellen Privatangelegenheit zum »kulturtragenden Element« erklärt werden kann, ist der vorliegende Band im besten Sinn aufklärende Lektüre. Er erhellt Zusammenhänge, eröffnet Horizonte und regt in vielfältiger Weise zum Weiterdenken an. Er macht deutlich, dass die Vertreterinnen und Vertreter von Missionswissenschaft und interkultureller Theologie zu Recht be­haupten, ihr Fach könne Wesentliches zum Leben und Zeugnis der Kirchen in unserer Gesellschaft beitragen. Spannend wäre es, den gedanklichen Faden nun aufzunehmen und weiterzuspinnen, an konkreten Projekten zu illustrieren, was beispielsweise »Existenzmitteilung« heißt.