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Ausgabe:

November/2008

Spalte:

1256–1258

Kategorie:

Praktische Theologie

Autor/Hrsg.:

Beutel, Harald

Titel/Untertitel:

Die Sozialtheologie Thomas Chalmers (1780–1847) und ihre Bedeutung für die Freikirchen. Eine Studie zur Diakonie der Erweckungsbewegung.

Verlag:

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007. 320 S. m. 2 Abb. gr.8° = Arbeiten zur Pastoraltheologie, Liturgik und Hymnologie, 52. Kart. EUR 55,90. ISBN 978-3-525-62396-1.

Rezensent:

Claudia Bendick

Harald Beutel, Pfarrer zweier Mennonitengemeinden, stellt in seiner Dissertation den schottischen Theologen und Sozialreformer Thomas Chalmers (1780–1847) vor. B. gliedert seine Studie in neun Kapitel. In Struktur und Aufbau wird deutlich, dass B. sehr daran liegt, die praktischen und theoretischen Facetten des Chalmerschen Programms herausarbeiten und sie in ihrem Kontext zu verorten. Freikirchliche Element werden stets in den kirchenhistorischen Gesamtkontext integriert.
Der Titel bringt die Thematik der Studie auf den Punkt, es geht um die Darstellung von Chalmers’ Sozialtheologie. Die Verzahnung mit den Freikirchen ist Chalmers’ eigener religiösen Richtung geschuldet. Begrifflich stützt B. sich auf eine Studie von Clemens Sedmak, ohne jedoch den Begriff »Sozialtheologie« näher zu klären. Auch wenn der Terminus durchaus angemessen ist, so er­scheint der Verweis auf die Studie eher missverständlich, da sie sich u. a. erkenntnistheoretisch mit dem Dialog von Sozialwissenschaft und Theologie auseinandersetzt. Eine deutlichere Begriffbestimmung wäre an dieser Stelle sinnvoll gewesen, verbunden mit der Frage, ob Chalmers’ Sozialtheologie inhaltlich nicht eher mit dem Gebrauch des Begriffs von H.-D. Wendland korrespondiert.
Die Kapitel zwei und drei arbeiten sehr sorgfältig die Entwick­lung der angelsächsischen Theologie heraus. Hierbei spielt der Begriff »covenant« (Bund) eine zentrale Rolle für die Struktur der Glaubensgemeinschaften. Außerdem wird die Wirkung religiöser Strömungen auf die Entwicklung von Gesellschaftsstrukturen herausgestellt, bevor B. das sozialtheologische Konzept Chalmers’ in den theologischen Kontext Großbritanniens einordnet. Die Charakterisierung der dortigen Erweckungsbewegung weist darauf hin, dass die Bemühungen Chalmers’ um soziale Reformen durchaus in das Programm der »Evangelicals« passen.
Thomas Chalmers widmete sich neben theologischen Studien auch philosophischen und naturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen. Er galt auf diesem Gebiet als renommierter Wissenschaftler, was zahlreiche seiner Studien belegen. Infolge einer schweren Krankheit und des Todes seiner Schwester schloss er sich der Erweckungsbewegung an. Das Pfarramt, dessen Aufgaben er zuvor in zwei Tagen erledigt hatte, wurde nun Mittelpunkt seines Interesses. Ziel seines sozialtheologischen Werkes war die lückenlose Präsenz der Kirche in Bezug auf die Unterstützung der Armen innerhalb der Gemeinde, um diese so in das soziale Gefüge zu reintegrieren. Darüber hinaus hatte Chalmers seit 1823 einen Lehrstuhl für Moralphilosophie inne, der Themen der philosophischen Ethik bis hin zur Gesellschaftswissenschaft behandelte. In dieser Funktion war Chalmers auch international tätig und erhielt 1835 als erster Nicht-Anglikaner eine Ehrenpromotion der Universität Oxford. Chalmers’ theoretische Auseinandersetzungen gehen vielfach von seinen theologischen Überlegungen aus und versuchen von dort in die gesellschaftlichen Strukturen einzugreifen. Besonderes Augenmerk gilt an dieser Stelle seinem Verständnis von Es­chatologie, das B. deutlich herausarbeitet.
Seit 1831 nahm er als Moderator der landesweiten schottischen Generalsynode kirchenleitende Funktion wahr und wurde nach der Abspaltung der »Free Church« von der schottischen Kirche Moderator der dortigen Synode. Diese Ämter ermöglichten ihm, den Gemeindeaufbau zu beeinflussen. Die Abspaltung der Free Church wurde von Chalmers zwar durchaus mitgetragen, entsprach jedoch nicht seinem Bild einer einheitlichen protestantischen Kirche, das er 1838 das erste Mal andeutete. Chalmers’ theologischem Standpunkt entsprechend konnte Christus keine natio­nale Kirche wollen (200). Trotzdem kam Chalmers 1832 zu dem Schluss, dass »eine Staatskirche … ›am sichersten das fortlaufende Wohlergehen einer Nation‹« gewährleiste (195). Solche scheinbar widersprüchlichen Aussagen, die B. nicht kommentiert, deuten auf Dissonanzen zwischen theologischen und diakonischen Überlegungen hin.
Der Einstieg in die praktische Arbeit Chalmers’ wird fundiert und materialreich durch die theologischen Anknüpfungspunkte eingeführt. B. spannt hier in bemerkenswerter Weise den Bogen von der schottischen Reformation bis zur Aufklärungstheologie, die Chalmers interessanterweise nicht als Antipode zur Erwe­ckungsbewegung verstand.
Am Beispiel der St. Johnsgemeinde versuchte Chalmers sein Konzept umzusetzen, dessen Ziel es war, eine überschaubare Ge­meinde aufzubauen, in der ein lückenloses, von der Kirche getragenes soziales Netz der Armenführsoge entsteht. Auf diese Weise wollte er die Kosten des Pauperismus reduzieren und Chancengleichheit für alle Teile der Bevölkerung schaffen. Die Armen sollten jedoch nicht zu Almosenempfängern werden, sondern selbst gestaltend an der Gemeinde mitwirken. Diesen Ansatz verfolgte der Theologe schon in der Gemeinde in Kilmany. Dort errichtete er eine örtliche Dependance der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft, an der sich die Menschen schon mit einem Penny pro Woche beteiligen konnten, solche »Pfennigvereine« wurden in Deutschland Mitte des 19. Jh.s u. a. zur Sicherung der diakonischen Arbeit genutzt.
Durch ein Betreuungskonzept, das unter der Leitung des Pfarrers Diakone, Sonntagsschullehrerinnen und -lehrer sowie ehrenamtliche Helfer integrierte, wurden die verarmten Teile der Ge­meinde zur Selbsthilfe ermuntert. Zudem sollten akute Notlagen durch nachbarschaftliche Hilfe behoben werden. »Das Konzept implizierte, dass die Effizienz der Armenfürsorge mit der Transparenz und der systematischen Begleitung und der Christlichkeit der Betroffenen steigt.« (Hervorhebung im Text, 149) Daneben spielte die Bildung eine wichtige Rolle. Chalmers gründete verschiedene Schulformen, bei denen das Lokalitätsprinzip im Vordergrund stand. Kinder eines Bezirks sollten unabhängig von ihrer Herkunft die gleiche Schule besuchen, um so die gesellschaftliche Gleichberechtigung zu gewährleisten. Ebenso sollten die Platzmieten im Gottesdienst subventioniert werden, damit auch die ärmere Bevölkerung teilnehmen konnte.
B. verzahnt im Folgenden das praktische Beispiel geschickt mit Chalmers Kirchen- und Sozialreform. Grundlegend für Chalmers’ Verständnis von Sozialtheologie ist hiernach, dass die Theologie, wenn sie den richtigen Platz einnimmt, jeden Punkt der menschlichen Natur berührt und sich maßgeblich auf den ganzen Rahmen und die Ökonomie der bürgerlichen Gesellschaft bezieht (188). Sein Ziel war es, in Schottland flächendeckend kleine Gemeinden aufzubauen, in denen das Prinzip der sozialen Begleitung greifen konnte. Stetig sammelte er Gelder und warb für dieses Gemeinde- und Gesellschaftsprinzip.
An dieser Stelle – und auch das spricht für die Breite und die Sorgfalt der Studie – sollte zumindest kurz darauf hingewiesen werden, dass Chalmers sich gesellschaftspolitisch nicht nur für Chancengleichheit innerhalb der Gemeinde einsetzte, sondern auch für die gesellschaftliche Gleichstellung der Katholiken, denen es verboten war, in den Staatsdienst zu treten.
Die Wirkungsgeschichte Chalmers’ zeichnet B. äußerst genau nach, indem er nach Hinweisen sucht, die auf die Rezeption von Chalmers’ zahlreichen Veröffentlichungen in Deutschland verweisen. Durch den Verweis auf das Modell der Elberfelder Armenfürsorge sowie auf Theoder Fliedner und Johann Hinrich Wichern zeigt sich, dass Chalmers’ theologisches Sozialkonzept weder auf freikirchliche Kreise noch auf Schottland beschränkt blieb. Folglich wird hier deutlich, dass sich B. mit einer kirchengeschichtlichen Gestalt befasst, deren Ideen zum Teil die Entwicklung der diakonischen Arbeit in Deutschland geprägt haben.
Begriffliche Unschärfen, Redundanzen und fehlende Absätze, die das Lesen manchmal etwas mühsam machen, sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei B.s Dissertation um eine sorgfältig gearbeitete und sehr materialreiche Studie handelt, die immer wieder versucht, praktische Erfahrungen Chalmers’ an seine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen anzubinden und diese wiederum sinnvoll in den historischen Kontext einzubetten. Besonders hervorzuheben ist die Übersetzung sämtlicher Zitate im Text, die dem interessierten Leser jedoch in den Fußnoten im Original zur Verfügung stehen.